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Vonlanthens Mutter wird Pflegehelferin

Johan Vonlanthen, der für die Schweizer Fussball-Nati Tore schiesst, unternimmt etwas gegen den Personalnotstand in der Pflege: Er unterstützt seine Mutter Berena Vonlanthen, die sich zur Pflegehelferin ausbilden lässt.

Dank Berena Vonlanthens Herzlichkeit fühlt sich Verena Hebeisen (links) wohl im Wohnheim Belp. Berena Vonlanthen gehört zu den «Spätberufenen» und lässt sich als Quereinsteigerin zur Pflegehelferin ausbilden.
Dank Berena Vonlanthens Herzlichkeit fühlt sich Verena Hebeisen (links) wohl im Wohnheim Belp. Berena Vonlanthen gehört zu den «Spätberufenen» und lässt sich als Quereinsteigerin zur Pflegehelferin ausbilden.
Andreas Blatter

Vielleicht hätte es geholfen, wenn Berena Vonlanthen ihren Sohn Johan ins Spiel gebracht hätte. Vielleicht hätte die 41-jährige Kolumbianerin schneller eine Praktikumsstelle für ihren Pflegehelferinnen-Kurs gefunden (siehe Infobox). Doch sie stellte sich bei ihren Anrufen in verschiedenen Altersheimen nicht als Mutter des ehemaligen YB-Spielers vor, der jetzt für den FC Zürich und in der Nati kickt. Die Südamerikanerin, die mit einem Schweizer verheiratet ist und seit 1993 hier lebt, musste Absage um Absage einstecken. Sie führte das auf ihr gebrochenes Deutsch zurück. Erst das Wohnheim Belp gab ihr – auf Vermittlung der hier arbeitenden Kolumbianerin Marelvis Gasser – eine Chance.

Ohne das 30-tägige Praktikum könnte Berena Vonlanthen ihren Kurs nicht abschliessen. Und ohne Attest des Schweizerischen Roten Kreuzes könnte sie im Kanton Bern an keinem Pflegebett auch noch so einfache Hilfestellungen leisten. Berena Vonlanthen will sich auf dem zweiten Bildungsweg zur Fachangestellten Gesundheit (FaGe) ausbilden lassen. Nach dem Kurs muss sie ein Jahr in der Pflege arbeiten, danach kann sie zur Fachausbildung antreten.

Verkürzte Lehre

Normalerweise dauert die FaGe-Ausbildung drei Jahre. Für Quereinsteigerinnen mit abgeschlossener Lehre wurde sie auf zwei Jahre verkürzt. «Damit will man gestandene Frauen, die nach der Familienpause wieder ins Berufsleben einsteigen wollen, für die Pflege in Heimen und Spitälern gewinnen», sagt Paul Hunziker, Leiter des Wohnheims Belp. Seine für die Senioren zuständige Bereichsleiterin Rosmarie Hofstetter doppelt nach: «Die Spätberufenen würden uns die Lücke in der Alterspflege schliessen.» Sie kann deshalb schlecht verstehen, weshalb Heime nicht freudiger bereit seien, Praktikantinnen aufzunehmen.

Mit viel Herzlichkeit

Wobei: Auch Rosmarie Hofstetter hat sich früher, als sie in einem anderen Heim arbeitete, dafür gerühmt, ohne Ausländerinnen auszukommen. Als sie am 1.Mai im Wohnheim Belp Marelvis Gasser begegnete, «musste ich mein Vorurteil korrigieren». Die Sprache spiele überhaupt keine Rolle. Viel wichtiger sei die Herzlichkeit, mit der die Südamerikanerinnen auf die Bewohnerinnen und Bewohner zugingen.

Ein Besuch im Zimmer der 86-jährigen Verena Hebeisen zeigt, was die Vorgesetzte meint: Spontan und wie selbstverständlich umarmt Berena Vonlanthen die gehörlose Bewohnerin. Diese lacht und erklärt: «Ich habe es schön hier. Sie sind alle so nett und so lieb.»

«Ich mache das gern»

Ihr Flair für die Altenpflege hat Berena Vonlanthen entdeckt, als sie einen alleinstehenden, betagten Mann kennen lernte. Er habe jeweils in dem Restaurant gegessen, in dem sie als Köchin gearbeitet habe, erzählt sie. Weil der Mann kaum mehr gehen konnte, habe sie ihm ihre Hilfe angeboten – was damit endete, dass sie ihn auch zu Hause betreute und fünf Jahre lang pflegte, bis er starb. Geld habe sie dafür keines bekommen. «Er hatte ja nichts», sagt sie. Dann hat Berena Vonlanthen vom Personalnotstand in den Pflegeberufen gehört und gemerkt: «Es braucht Leute wie mich, und ich mache das gern.»

Unterstützung der Familie

Dank ihrem Sohn Johan kann sie sich die Ausbildung leisten. «Er unterstützt mich finanziell.» Berena Vonlanthen hat vier Kinder, der Jüngste ist 9-jährig. Muss die Mutter am Morgen früh aus dem Haus, kümmert sich die ältere Tochter um ihn.

Rosmarie Hofstetter lobt Berena Vonlanthens Flexibilität. «Ihr war von Anfang an klar, dass in einem Heim rund um die Uhr gearbeitet wird.» Nur wenn Johan – wie diese Woche gegen YB – ein wichtiges Spiel hat, hält sich die Mutter den Abend jeweils lieber frei.

Wie ihre Kollegin Marelvis Gasser strebt auch Berena Vonlanthen die zweijährige Ausbildung zur FaGe an. Das freut Rosmarie Hofstetter: «Frauen, die neben der Familie Teilzeit in der Pflege arbeiten, sind unsere Perlen.» Natürlich brauche es auch diplomiertes Fachpersonal. Aber Lebenserfahrung und Wertschätzung seien in der Pflege mindestens ebenso wichtig wie Blutzucker- und Blutdruckmessungen.

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