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Wie der Kanton Bern von Moutier profitiert

Finanziell ist Moutier für den Kanton Bern ein Verlustgeschäft. Trotzdem setzt sich SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg vehement für einen Verbleib des Städtchens im Kanton ein.

SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg erlebte die Krawalljahre des Jura-Konflikts in den 1970ern als Kind mit.
SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg erlebte die Krawalljahre des Jura-Konflikts in den 1970ern als Kind mit.
Christian Pfander

Der Kanton Bern pumpt jedes Jahr rund 50 Millionen Franken nach Moutier. Weshalb setzen Sie sich trotzdem dafür ein, dass das Städtchen nicht zum Kanton Jura wechselt?Pierre Alain Schnegg: Auch wenn die Zahl korrekt ist, vergisst man immer, dass wir in Moutier rund 16 Millionen Franken Steuern einnehmen und für die dortige Bevölkerung über den nationalen Lastenausgleich rund 26 Millionen erhalten. Unter dem Strich resultiert so ein Betrag von 5 bis 10 Millionen Franken, der nach Moutier geht. Zudem ist es nicht der einzige Ort im Kanton Bern, in dem die Geldflüsse in diese Richtung laufen. Man könnte noch viele ähnliche Orte finden, darf dabei aber unseren Kanton und unser Zusammen­leben nicht auf Finanzflüsse beschränken.

Diese anderen Orte stimmen aber nicht über einen Kantonswechsel ab. Gerade in Anbetracht des Sparpakets von 300 Millionen Franken müsste doch jeder Betrag willkommen sein.Für uns kam es nie infrage, der Bevölkerung von Moutier aus Spargründen einen Kantonswechsel zu empfehlen. Ich glaube denn auch, dass wir ein sehr kurzfristiges Gedächtnis haben, wenn wir über Finanzen sprechen. Während vieler Jahre waren die Geldflüsse andersrum. Der Berner Jura war und ist eine hoch industrialisierte Umgebung. Als die Industrie noch geboomt hat, profitierte Bern finanziell von Moutier. Wer weiss, ob es nicht in einigen Jahren wieder so sein wird.

Welchen konkreten Vorteil hätte Bern aber heute davon, wenn Moutier bleibt?Die Stärke unseres Kantons ist seine politische Position in der Schweiz. Dank der französischsprachigen Minderheit spielt Bern in beiden Sprachregionen eine wichtige Rolle. Wir sind sowohl in den Regierungskonferenzen im Welschland als auch in jenen der Deutschschweiz vertreten. Somit können wir viel stärker Einfluss nehmen als ein Kanton, der nur in einem Teil der Schweiz vertreten ist. Was wäre der Kanton Bern ohne seine französischsprachige Minderheit? Scherzhaft gesagt: Ein Aargau 2 – aber mit viel tieferer Finanzkraft.

Bern bliebe ein zweisprachiger Kanton. Es gibt rund 100'000 französischsprachige Einwohner. Moutier hat nur 7500 Einwohner...Das stimmt. Aber Moutier ist auch die grösste Stadt im Berner Jura und eine Art administratives Zentrum. Es gibt viele Angestellte des Kantons und wichtige Institutionen wie das Spital oder die Steuerverwaltung. Diese sind nicht nur für Moutier von Bedeutung, sondern für den gesamten Berner Jura. Es wird nicht einfach sein, das Loch zu stopfen, wenn die Stadt den Kanton wechselt. Zudem würde die Minderheit einmal mehr geschwächt.

Wenn auch nur ein bisschen.Es sind immerhin 7500 Personen auf ein Total von 50'000 Einwohnern im Berner Jura. Das sind mehr als zehn Prozent. Wenn Sie auf Ihrem Bankkonto zehn Prozent des Sparkapitals verlieren, dann sind Sie auch nicht glücklich. Wenn wir weiterhin wollen, dass die Minderheit im Kanton Bern gehört wird, dann darf diese nicht noch kleiner werden. Ansonsten könnte es sein, dass in der Deutschschweiz plötzlich die Sonderrechte für den Berner Jura infrage gestellt werden. Der Regierungsrat wünscht sich deshalb aus ganzem Herzen, dass der Kanton ungeteilt bestehen bleibt.

«Wenn Sie auf Ihrem Bankkonto zehn Prozent des Sparkapitals ver­lieren, dann ­sind Sie auch nicht glücklich.»

Pierre Alain Schnegg

Das sieht man auch der Abstimmungsbotschaft an. Dort steht sogar der Satz: «Ohne Moutier wäre der Kanton Bern nicht mehr derselbe.» Ist das nicht übertrieben?Nein, das glaube ich nicht im Geringsten. Wenn Moutier geht, wird es im Kanton Bern grosse Veränderungen geben. Dasselbe betrifft die Sicht der anderen Kantone auf Bern. Auch diese würde sich verändern. Mit Moutier verlören wir schliesslich auch ein weltbekanntes Zentrum der Mikromechanik.

Diese exportorientierte Industrie kriselt aber derzeit.Klar, die Unternehmen haben zurzeit ihre Schwierigkeiten. Aber die Industrie ist natur­gemäss nicht gleich stabil wie die Bundesbehörden. Und auf schlechte Zeiten folgen wieder gute Zeiten. Zudem ist der Reichtum der Schweiz dank der Industrie entstanden. Wenn sich ein Land weiterentwickeln will, dann ist es enorm wichtig, dass es auch künftig einen Industrieanteil hat.

Die Existenz der Industrie in Moutier hängt nicht vom Kanton Bern ab.Nein. Diese würde auch im Kanton Jura gut funktionieren. Aber Bern würde einen grossen Teil seiner Industrie verlieren. Wir sollten Wert darauf legen, dass es noch Gebiete gibt, die industrieorientiert sind. Davon profitiert letztlich der ganze Kanton.

Ist das ökonomische Herz des Berner Jura nicht eher Biel als Moutier?Natürlich ist Biel sehr wichtig. Es ist aber auch viel grösser und ausserdem nicht Teil des Berner Jura. Trotzdem hat auch Moutier seinen Platz. Die beiden Städte sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden.

«Biel und Moutier sollten nicht gegeneinander ­ausgespielt werden.»

Pierre Alain Schnegg

Könnte Biel nicht den Platz Moutiers einnehmen, sollte dieses zum Jura wechseln?Nicht ganz. Für viele Dinge könnte Biel sicherlich ein Ersatz sein. Aber der Berner Jura ist eine Französisch sprechende Region, die Stadt Biel ist bilingue. Dort werden viele Frankofone in den Geschäften und Restaurants auf Deutsch bedient. Jeder geht davon aus, dass alle Leute beide Sprachen beherrschen. Es gibt aber auch Dienstleistungen, die in der eigenen Sprache erbracht werden sollten. Ich denke dabei etwa an das Betreibungsamt, die Regierungsstatthalterämter, die Berufsschule oder die Pflege­heime.

In Moutier selbst scheint die Stimmung seit den 70er-Jahren gekippt zu sein. Wäre es nach der Abstimmung von 2013 gegangen, dann wäre Moutier zum Kanton Jura gewechselt. Weshalb?Einerseits gibt es im Gemeinderat und im Grossen Gemeinderat von Moutier seit einigen Jahren eine Mehrheit der Autonomisten. Andererseits stand 2013 nicht die Frage des Kantonswechsels einer Gemeinde zur Debatte. Es ging darum, ob ein Projekt für einen Grosskanton Jura erarbeitet werden soll oder nicht. Somit gibt es sicherlich Leute, die damals Ja gestimmt haben und am kommenden 18. Juni Nein sagen werden.

Was für eine Prognose wagen Sie für die Abstimmung?Es wird sehr knapp.

In welche Richtung kippt es?(zögert) Ich glaube, die Leute werden vernünftig sein und sich sagen: Es lohnt sich, weiter zum Kanton Bern zu gehören.

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