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«Lisa zeigt den anderen, was Leistungssport ist»

Sven ReesDer Trainer Lisa Urechs spricht über die Qualitäten der Bernerin und verrät, welche Rolle sie in seiner Trainingsgruppe einnimmt.

Wie würden Sie Lisa Urech charakterisieren? Sven Rees: Lisa ist sehr zielstrebig, sehr ehrgeizig und sehr fokussiert – manchmal ein bisschen extrem, aber das ist Teil des Hochleistungssports. Sie lässt sich gut führen und ist eine Athletin, mit der man gerne arbeitet. Warum? Weil sie ihren Teil dazu beiträgt, beispielsweise bei der Zielgestaltung. Es ist nicht so, dass ich etwas vorgebe und sie das dann umsetzt; wir funktionieren als Team. Das sieht man im Leistungssport nicht so häufig. Hängt Ihre Aussage, Lisa Urech sei anspruchsvoll, mit diesem Fakt zusammen? Genau; sie hinterfragt vieles und hat eine sehr eigene Vorstellung von den Dingen, die ihr guttun. Weil ihr der wissenschaftliche Hintergrund fehlt, muss ich gelegentlich ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten. Das ist mir jedoch viel lieber, als wenn eine Athletin nur konsumiert. In der Regel sind jene erfolgreich, die so funktionieren wie Lisa. Wie reagierten die Frauen aus Ihrer Trainingsgruppe auf die Konkurrentin aus der Schweiz? Für Nadine Hildebrand war die Situation schwierig. Über Jahre hinweg war sie die einzige Athletin gewesen, die international betrachtet eine Perspektive hatte. Als Lisa kam, konnte von Konkurrenz keine Rede sein. Lisa stand bei 13,54, Nadine bei 13,03. Nun verlief die Leistungsentwicklung halt so, dass Lisa plötzlich an der Trainingspartnerin vorbeigelaufen ist. Das ist für keine Athletin einfach. Wie hat sich das Verhältnis entwickelt? Lisa und Nadine respektieren sich, im Leistungssport ist das schon viel wert. In den letzten Wochen ist Miriam Hehl gewissermassen zu Lisas Trainingspartnerin geworden, obwohl ich mir das anders vorgestellt hatte. Die beiden wohnen auch zusammen, das passt sehr gut, emotional wie sportlich. Miriam ist zwei Jahre jünger und noch nicht auf dem gleichen Level, aber dank ihres Leistungsvermögens bei einzelnen Elementen hilft sie Lisa, schneller zu werden. Ihre Trainingsgruppe umfasst acht junge Frauen, im April weilten sie im Trainingslager. Wie verhält sich Urech in der Gruppe? Vorbildlich, sie zieht die Gruppe mit. Indem sie ihr Programm konsequent durchzieht, dient sie anderen Athletinnen als Orientierungspunkt. Lisa zeigt den anderen, was Leistungssport ist. Wie reagiert sie auf Rückschläge wie beispielsweise die verpasste Finalqualifikation an der Hallen-EM in Paris? Auf eine Weise, die mir gefällt. In Paris hat sie sich zunächst über sich selbst aufgeregt. Es gibt auch Leute, die in solchen Fällen primär mal auf den Trainer reinprügeln. Danach haben wir die Sache diskutiert – hart diskutiert, mit einem Kuschelkurs kommt man nicht weiter. Das Fazit ist klar: Aus unserer Sicht wäre mehr möglich gewesen, aber das Thema ist nun abgehakt. Sie sagten einst, EM-Bronze-Gewinnerin und Hallen-Europameisterin Carolin Nytra könne für Urech Modellfunktion haben, weil sie sich stetig gesteigert habe, mit sauberen Mitteln sehr weit gekommen sei. Was unterscheidet Urech von Nytra? «Caro» ist aufgrund des höheren Trainingsalters technisch routinierter – nicht besser, aber routinierter. Ihr gelingt es auch in Momenten, in denen sie nicht ganz so konzentriert ist, sehr viele Prozente der Zielleistung abzurufen. Dazu gesellt sich der generelle Erfahrungsschatz: Sie war mehr als einmal hingefallen, hat daraus ihre Lehren gezogen und ist daran gewachsen. Athletisch ist sie auch ein Stück besser, aber das hängt ebenfalls mit dem Alter zusammen. Sie ist 25, Lisa 21 und damit sehr jung; das Höchstleistungsalter liegt bei 27 bis 29 Jahren. Hürdensprint ist eine technomotorisch sehr komplizierte Disziplin, da brauchen und haben wir schon noch ein bisschen Zeit. Urech hat ihre Bestzeit innert zweier Jahre von 13,45 auf 12,81 gesenkt. Was ist in dieser Saison zu erwarten? Lisas Entwicklung ist aussergewöhnlich. In dieser Saison geht es um die Stabilisierung auf diesem hohen Niveau. Im Leistungssport benötigt man ein gewisses Plateau, welches man gezielt aufbauen muss. Es hilft uns nichts, wenn Lisa einmal im Jahr 12,60, in den restlichen Rennen jedoch zwischen 12,95 und 13,05 läuft. Damit würde sie 2014 in Zürich und 2016 in Rio keinen Blumentopf gewinnen. Gelingt es ihr hingegen dereinst, im Durchschnitt zwischen 12,65 und 12,70 zu laufen, ist die Chance viel grösser, dass sie ihr Potenzial bei Grossanlässen abrufen kann. Interview: mjs >

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