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Literatur mit Potenzial eines süssen Weins

thunUrbaner Irrsinn begleitet den kroatischen Schriftsteller Edo Propovi? seit Jahren: erst als Kriegsreporter, inzwischen als Inspirationsquelle für seine Geschichten. Im Rahmen des Literaare-Festivals las er in der Alten Oele aus seinen Werken vor.

«Wandern ist für mich eine ernste Sache – im Gegensatz zu Literatur», meint Edo Propovi? und löst damit Gelächter im Publikum aus an seiner Lesung am Samstagnachmittag in der Alten Oele in Thun. Er gesteht, dass er seit sechs Jahren ein leidenschaftlicher Wanderer sei. Davor sei er ein Stadtmensch gewesen – durch und durch. Die entflammte Leidenschaft für das Gebirge war für den 1957 in Zagreb geborenen Schriftsteller eine Weggabelung. Für den ehemaligen Kriegsreporter hiess dies: entweder noch mehr urbanen Irrsinn ertragen oder in den Bergen zur Ruhe kommen. Urbanes als Inspiration Noch holt er sich die Inspiration für seine Geschichten im Urbanen: Sie spielen mitten unter den Menschen in der Stadt, die sich täglich einer zerrütteten Gesellschaft stellen. Seine Romane widmen sich der politischen Entwicklung seines Heimatlandes Kroatien und beschreiben das Erwachsenwerden der Zagreber Jugend – womit sich auch Ivan Kalda herumschlägt, der Protagonist im gleichnamigen Buch «Kalda». Der spielsüchtige Vater hat die Familie verlassen. Die Pubertät und die Mädchen machen Ivan zu schaffen. Er strauchelt, folgt jedoch unbeirrt seinem Weg, bis er die Fotografie entdeckt. Irrsinn komisch dargestellt Propovi? liest jeweils ein paar Minuten auf Kroatisch vor, damit seine Muttersprache auf die Zuhörerinnen und Zuhörer einwirken kann. Der deutsche Vorleser Albert Liebl gibt mit einer behutsamen, aber eindringlichen Sprache die unwiderstehliche Anziehungskraft, die von Propovi?s Figuren ausströmt, ins Deutsche weiter. Edo Propovi? ist eine schlichte Erscheinung. Der grosse, hagere Mann mit den gelockten Haaren und dem Stoppelbart sitzt im grauen Leinenhemd am Rand eines Sofas. Spitze Knie zeichnen sich unter blauen Jeans ab. Die dunklen Augen versprühen Leidenschaft. In seinem Blick aber liegt etwas von einem gehetzten Reh. Ist es der so oft erlebte urbane Irrsinn, der sich darin zeigt? Trotzdem versteht er es, seine Geschichten mit Komik zuzuspitzen. Viele Zuhörer im Saal verstehen Kroatisch. Sie brechen in Gelächter aus, noch bevor die Übersetzerin neben ihm auf dem Sofa ihre Arbeit verrichten kann. Sätze, die wie Wein fliessen Propovi?s Sprache ist lakonisch und flüssig. Ein Satz ergiesst sich in den nächsten. Die Sätze haben das Potenzial eines süssen Weins: Sie gehen runter wie nichts und entfalten ihre Wirkung erst im Nachhinein. Schmunzelt das Publikum erst amüsiert, so erschrickt es einige Momente später, wenn die Worthülsen gesprengt sind und ihr Inhalt austritt. Amüsiert saugen Mann und Frau die Geschichten von Ivan in sich auf, den die «Titten» der Mädchen verwirren. Doch später, vielleicht auch erst auf dem Heimweg, stellt sich eine verzögerte Trauer oder Beklemmung ein – über die gebeutelte Gesellschaft –, die den Zuhörenden nun ins Bewusstsein tritt. Eines jedoch ist klar: Propovi?s Geschichten ziehen das Publikum in einen Sog, aus dem sie nicht mehr auftauchen möchten. Seine Sprache hat Suchtpotenzial. Sibyl Heissenbüttel >

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