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Moritz Leuenbergers Äpfel

Gerlinde Michel

Sie erinnern sich vielleicht: Irgendwann Anfang Februar erschien Moritz Leuenberger auf unseren TV-Bildschirmen und rief das Jahr der Biodiversität aus. Zum Drehtermin hatte man ihn auf den Berner Wochenmärit geschleppt, wo er etwas hilflos vor unterschiedlichsten Apfelsorten stand und sich bemühte, den Unterschied zwischen einem Kuchen-, einem Koch- und einem Kompottapfel zu begreifen. Bio und divers ist gut, lautete vereinfacht gesagt die bundesrätliche Botschaft. Ich dachte dabei an unseren Garten voller Singvögel, an die Molche, Kröten, Wasserläufer und Schlingnattern im Biotop, an Feuerwanzen, Grillen, Schmetterlinge und Glühwürmchen, und beschloss vorschnell, punkto Biodiversität sei bei uns alles paletti. Vorschnell, weil ich Darwin ausblendete. Sobald nämlich die Amseln den auftauenden Boden wieder nach Würmern durchpflügten und die Rotkehlchen und Meisen das Vogelbad testeten, waren sogleich auch die Katzen zur Stelle. Auf Samtpfoten hatten sie ihre behaglichen Wintersofas verlassen und lagen lüstern auf der Lauer. Als wir beim Vogelbad den ersten Federknäuel nebst säuberlich amputierten Vogelfüssen fanden und gleich darauf einen zweiten, war die Idylle zerstört, unsere Biodiversität in Gefahr. Es musste etwas geschehen. Als Erstes streuten wir ein ekelhaft stinkendes Granulat namens Katzenschreck aus. Wir hielten uns dabei die Nasen zu, aber die Alphakatze, inzwischen unangefochtene Platzhalterin unter der Badestelle, scherte der Gestank einen Teufel. Bewegungslos, mit Granulat zwischen den Pfoten, lauerte sie unter den Büschen, sprungbereit, falls ein Kleiber oder ein Rotschwänzchen ins Wasser hüpfen sollte. Weitere Vergraulungsversuche mit Antikatz, Catsoff, Weg-die-Miez und wie die Pulver, Brühen, Schäume und Gelées sonst noch hiessen, waren genau so wirkungslos. Entweder haben die Gartentiger das Riechen verlernt oder die «Katzenjammer»-Fabrikanten nicht die leiseste Ahnung von felinen Geruchsallergien. Wir erwogen eine Konsumentenklage. Der Mann im Haus fühlte sich herausgefordert und sann auf eine effektivere Abschreckungsmethode. Dem Militär abgeschaut, lief sie unter dem Projektnamen «Panzersperre», wobei der Panzer die grau-weiss gefleckte Kätzin beim Vogelbad war. Um ihr und anderen Miezen das Lauern unter den Büschen zu verleiden, legte er allerhand nette Hindernisse aus, ein Nagelbrett, das aussah wie eine Fakirliege, daneben dornenbewehrte Zweige. Als das nichts nützte, rammte er ganze Palisadenwälder aus spitzen Holzstäben in den Boden und spannte ein Abwehrnetz zwischen Busch und Bad, in welchem die Katze bei der nächsten Attacke zappelnd hängen bleiben sollte. Das tat sie aber nicht, im Gegenteil. Irgendwie schaffte sie es – wahrscheinlich zog sie dafür eine Art Stöckelschuhe an – die Nägel, Dornen und Pfählchen zu umtrippeln und sogar das Netz zu durchlöchern. Und wieder lagen ein paar angekaute Schwungfedern im Vogelbad. Vorübergehend verlegten wir den Badestein an einen katzensicheren Ort, der jedoch den Vögeln durchaus nicht behagen wollte. Die Erfordernisse des Biodiversitätsjahres wurden zum abendfüllenden Thema, es nahm geschlechtsspezifische Züge an; die Kampfarena erweiterte sich von draussen, wo Katzen gegen Vögel vorgingen, hinein ins Haus. Sie kennen alle den «Jö-Effekt», der vor allem Frauen befällt und selbst vogelfressende Katzen nicht vollständig ausschliesst. Ich schwankte, zerrissen zwischen Vogel- und Katzenliebe, der Hausherr bestand auf einem gesteigerten Abwehrdispositiv. Im letzten Akt des Biodiversitätsdramas verlagerte sich der Kampffokus ein weiteres Mal, nämlich zu «Mann gegen Katze». Der Mann ersann die abgespeckte Version eines lichtschrankengesteuerten Wasserwerfers, nämlich einen Gartenschlauch, dessen Öffnung strategisch direkt auf den Katzenbusch beziehungsweise die darunter wartende Katze gerichtet war. Sobald sie in Jagdposition lag, müsste er nur noch zum Wasserhahn huschen, diesen voll aufdrehen und zuschauen, wie sie mit tropfendem Fell für immer das Weite suchte – so der Plan. Ich weiss nicht mehr, wie oft er auf Zehenspitzen balancierend den Wasserstrahl anwarf. Aber die verflixte Mieze hört offenbar weit besser als sie riecht, jedenfalls war sie längst von dannen, wenn der Schlauch losspritzte. Im Zeichen der Eskalation hat der Mann nun bei Franz Carl Weber eine Riesenwasserpistole mit garantierter Reichweite von 20 Metern bestellt. Nicht aus Spieltrieb, sondern im Interesse der (kontrollierten) Biodiversität. Weiss Herr Leuenberger eigentlich, was er da angerichtet hat? Katz gegen Vogel. Frau gegen Mann. Mann gegen Katz. Wir sind überfordert, brauchen einen Kurs. Welche Biodiversität meinte der Umweltminister wirklich? Gehört der Mensch (Mann) auch dazu, ist er Zuschauer oder Akteur im evolutionären Auf und Ab? Oder gibt es die Koexistenz in glücklicher Diversität nur bei den Äpfeln im Verkaufsregal? E-Mail: g.michel@hebamme.ch redaktion-bo@bom.ch>

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