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Neun Quadratmeter Verzweiflung

Der Flughafen von Lanzarote ist ein Ort für Pauschaltouristen. Und er ist der Schauplatz einer Tragödie: Seit dem 16.November hungert Aminatou Haidar in einem kleinen Verschlag aus Protest gegen die Politik Marokkos.

Es ist ein unwirklicher Ort für einen politischen Kampf. Der Flughafen von Lanzarote ist noch still und nahezu verwaist am frühen Morgen. Es ist dunkel, vor einem Übertragungswagen spricht eine Fernsehreporterin ins Mikrofon. «Terminal T2» steht in roten Leuchtbuchstaben über dem Gebäude, in dem die Frau schläft, um die es geht: Aminatou Haidar, 43 Jahre alt, sie nennen sie «Gandhi der Westsahara». Menschenrechtspreis Seit dem 16.November, null Uhr, ist Haidar im Hungerstreik. Anderthalb Liter Wasser pro Tag nimmt sie zu sich: einen halben Liter morgens, einen halben mittags, einen halben abends, angereichert mit je vier Würfeln Zucker. Sonst nichts. Sie kämpft um ihr Recht, nach El Aaiún, der Hauptstadt der von Marokko besetzten Westsahara, zurückzukehren. Zu ihrer Mutter und ihren beiden Kindern, 13 und 15 Jahre alt. Am 14.November, sie hatte einen Menschenrechtspreis in den USA entgegengenommen, war Haidar von marokkanischen Grenzern am Flughafen von El Aaiún abgewiesen worden. Sie wurde festgehalten, verhört, gedemütigt, weil sie demonstrativ sitzen blieb, als die marokkanischen Passagiere aufgefordert wurden, das Flugzeug als Erste zu verlassen. Und weil sie im Einreiseformular als Heimatland Westsahara angab. Nicht Marokko. Marokkos Regierung sagt, sie habe ihren Pass auf den Boden geworfen und auf die marokkanische Staatsbürgerschaft ausdrücklich verzichtet. Haidar bestreitet das. Sicher ist, dass die marokkanischen Behörden ihren Pass einkassiert und sie in ein Flugzeug nach Lanzarote gesetzt haben. Um das Problem endlich loszuwerden. Westsahara-Konflikt Das hat nicht wirklich funktioniert: Denn jetzt spricht die Welt mehr denn je über die Westsahara und den letzten ungelösten Kolonialkonflikt Afrikas, in dem es um ein 270000 Quadratkilometer grosses, an Erdschätzen reiches Geröllgebiet geht – und um hunderttausend Flüchtlinge, die seit 1991 auf das Referendum warten, das von den Vereinten Nationen anberaumt worden war. Wegen Haidar ist nun die frühere Kolonialmacht Spanien mit der heutigen Besatzungsmacht Marokko über Kreuz. Die UNO, die Afrikanische Union, das portugiesische Parlament und Politiker in Spanien haben protestiert. Zudem die Filmemacher Pedro Almodãvar und Ken Loach, der Musikproduzent Brian Eno und der Literaturnobelpreisträger José Saramago. «Marokko, schuldig, Spanien, verantwortlich» steht auf dem Banner, das vor dem Verschlag am Flughafen ausgebreitet ist, in dem Haidar jetzt lebt. Drei mal drei Meter, zwei Matratzen. Es wurde ihr einfach zu anstrengend, Tag und Nacht im Terminal zu liegen, umzingelt von Touristen. Den Blicken ausgesetzt. Jetzt hat sie wenigstens ein bisschen Intimität. Schon in den Achtzigerjahren sass Haidar in den Geheimgefängnissen Marokkos. Damals hatte sie für die Unabhängigkeit der Westsahara demonstriert. Das brachte ihr vier Jahre in Zellen ohne sanitäre Anlagen, Monate mit verbundenen Augen. 2005 wurde sie wieder festgenommen. Sie kam frei, auch, weil sie in den Hungerstreik getreten war. 50 Tage lang damals. Marokko und Spanien Jetzt hat sie wieder aufgehört zu essen. Und hat damit alle blossgestellt: Marokkos Regierung, die nun indirekt damit droht, Terroristen, Drogen und Immigranten nach Europa zu lassen. Und Spaniens Regierung, die zugelassen hat, dass Haidar gegen ihren Willen über die spanische Grenze geschafft wurde – ohne Reisepass. Wahrscheinlich haben sie in Madrid gedacht, dass sich der Wind legen und sich ein Kompromiss finden würde. Von wegen. Zehn bis zwölf Leute übernachten mittlerweile in und vor Haidars Verschlag. Auch Guillermo Toledo, ein Schauspieler, der in jungen Jahren mal mit der Gewalt als politischer Waffe kokettierte. Nun wisse er, was für ein Unsinn das war, sagt er. Der Fall Haidar beweise wie Rosa Parks, Gandhi oder Aung San Suu Kyi: dass Staaten auf gewaltfreie Handlungen keine Antwort haben. «Da kommt eine Frau, hockt sich in einem Flughafen auf den Teppich, hört auf zu essen – und setzt zwei Regierungen schachmatt», sagt Toledo. Die spanische Regierung denkt darüber nach, sie zwangsernähren zu lassen. Wie man es mit Terroristen macht. «Ich weiss sehr gut, was ich mache», sagt Aminatou Haidar. «Ich möchte in die Westsahara zurückkehren. Mit Reisepass oder ohne, lebendig oder tot», sagt sie in den Strauss von Mikrofonen. Und lächelt. Javier Cáceres«Süddeutsche Zeitung» >

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