«Auf die Antwort sind wir gespannt»

Langenthal

Die Heilpädagogische Schule (HPS) Oberaargau reichte kürzlich als eine der ersten Sonderschulen im Kanton ein Gesuch für eine Betriebsbewilligung ein. Daran lässt sich ablesen, wie weit entfernt die Abläufe von denjenigen der Regelschule sind.

Weihnächtliche Lektion: Unterricht an der Heilpädagogischen Schule Oberaargau in Langenthal.

Weihnächtliche Lektion: Unterricht an der Heilpädagogischen Schule Oberaargau in Langenthal.

(Bild: Thomas Peter)

Patrick Jordi@jordipatrick

In Langenthal existiert seit 1964 ein Sonderschulangebot. Nach all den Jahren musste die HPS nun ein Gesuch für eine Betriebsbewilligung einreichen. Arbeiteten Sie bis anhin denn illegal?* Christine Blum:Nein, das nicht. Unsere Schule wurde regelmässig überprüft. Aber in einem gewissen Sinn sind wir seit einigen Jahren formell nicht mehr anerkannt.

Das müssen Sie erklären.Es hat mit dem Wechsel von der Invalidenversicherung (IV) zum Kanton zu tun. Bis 2008 wurden die Sonderschulen des Kantons Bern von der IV beaufsichtigt. Dann ging die Finanzierung und somit die Aufsicht an den Kanton über. Seither befinden wir uns in einer Übergangsphase. Es müssen neue rechtliche Grundlagen geschaffen werden. Bis diese bestehen, gilt eine Art Übergangsverordnung, die sogenannte Sonderpädagogikverordnung SPMV. Aus ihr leitet sich auch das Gesuch zur Betriebsbewilligung ab.

Der Kanton hat Ihnen damit ziemlich viel Arbeit aufgehalst.In der Tat. Es waren zahlreiche Sitzungen und Arbeitsstunden nötig. Fast alle Dokumente, die für das Gesuch erforderlich waren, mussten erst einmal geschaffen werden – sehen Sie hier (deutet auf einen Bundesordner). Wir haben unsere Strukturen quasi selbst gemacht. Es gab nur vereinzelt Mustervorlagen.

Was will der Kanton denn ­wissen?Wir müssen nachweisen, dass gewisse Minimalstandards erfüllt sind. Verlangt wird beispielsweise, dass mindestens zwei Drittel der Mitarbeitenden, die für den Unterricht und die pädagogisch-therapeutischen Massnahmen verantwortlich sind, eine entsprechende Fachausbildung haben. Bei der HPS Oberaargau beträgt der Anteil des Fachpersonals im Bereich Unterricht rund 86 Prozent.

In diesem Punkt schneiden Sie sehr gut ab. Weniger rosig präsentiert sich die Situation bei der Infrastruktur: Am Standort in Huttwil gibts Schwierigkeiten.Das stimmt, die Verhältnisse sind nicht optimal. Das Hauptpro­blem ist, dass die beiden Schul­gebäude in Schwarzenbach bei Huttwil weit voneinander entfernt liegen. Das erschwert den Unterrichtsablauf. Die Schülerinnen und Schüler müssen mehrmals pro Tag das Gebäude wechseln. Der Weg vom einen Schulhaus zum andern führt die stark befahrene Bernstrasse entlang. Alles in allem ist das eine unbefriedigende Situation, die wir mittel- bis langfristig verbessern wollen.

Müssen Sie wegen dieser Probleme um die Erteilung der Betriebsbewilligung fürchten?Nein, ich denke nicht.

Sie erhalten die Bewilligung also sowieso – alles nur Formsache?In gewisser Weise dürfte das so sein. Trotzdem sind wir auf die Antwort der Bewilligungsbehörde – das ist das Alters- und Behindertenamt der Gesundheits- und Fürsorgedirektion – gespannt. Vielleicht werden im Nachhinein noch Anpassungen verlangt, wer weiss.

Wann rechnen Sie mit einem Entscheid?Im Frühling 2016.

Die HPS gehört zu den ersten Sonderschulen des Kantons, die den Bewilligungsprozess durchlaufen. Einreichen müssten Sie das Gesuch erst Ende 2016. Warum drücken Sie auf die Tube?Das hat mit der Fusion der Sonderschulen Langenthal und Huttwil zu tun. Diese konnten im Januar 2012 zusammengeführt werden. Der Kanton verlangte im Zuge der Fusion, dass die Konzepte angepasst und vereinheitlicht werden. Diese Überarbeitung hat zu einem etwas forscheren Prozess bei der Gesuch­stellung geführt.

Dieser ganze Papierkram, nur damit am Ende eine Bewilligung herausschaut, die auf Voraussetzungen fusst, welche die HPS sowieso schon seit langem erfüllt. Finden Sie das sinnvoll?Für mich ist es einsichtig, dass wir als Sonderschule eine gesetzliche Grundlage brauchen. Das gibt uns auch die Sicherheit, dass wir die Qualitätsanforderungen des Kantons erfüllen. Etwas sonderbare Umstände ergeben sich allerdings für die Eltern der Kinder, die bei uns zur Schule gehen. Im Rahmen der Neuregelung müssen die Eltern einen Vertrag unterschreiben, die sogenannte Schulungsvereinbarung. Darin festgehalten wird etwa eine gegenseitige dreimonatige Kündigungsfrist. Stellen Sie sich eine solche Vereinbarung im Regelschulbereich vor! Undenkbar.

An dem Prozess, den Sie jetzt durchlaufen, lässt sich also recht deutlich ablesen, wie weit entfernt die Abläufe der Sonderschule von jenen der Regelschule sind. Kennen Sie noch andere Beispiele?Im Regelschulbereich werden die Kinder einer Schule in der Nähe zugewiesen. Die Eltern eines Sonderschülers dagegen müssen selber einen Platz suchen. Fraglich ist auch, ob dieser Platz dann in einer Institution ist, die in der Nähe des Wohnorts der Betroffenen liegt. Weiter gibt es bei uns im Gegensatz zur Regelschule keine Zeugnisse. Und es werden momentan noch nicht die gleichen Fächer unterrichtet. Die Orientierung am Lehrplan des Kantons Bern ist allerdings vorgesehen.

Man merkt: Diese Unterschiede beschäftigen Sie.Durchaus. Denn eigentlich machen wir ja alle die gleiche Arbeit – ob Sonder- oder Regelschule: Wir bereiten die Kinder und Jugendlichen für die Bewältigung des Lebens als Erwachsene vor.

Trotz Unterschieden scheint man ja auch gemeinsame Wege zu gehen. Die HPS Langenthal liegt direkt neben dem Schulzentrum Kreuzfeld.Die Zusammenarbeit wird auf kleinem Feuer umgesetzt. Synergien werden etwa beim Hausdienst genutzt. Darüber hinaus werden Einzelprojekte mit Schulklassen umgesetzt. Es gab auch schon gemeinsame Anlässe.

Gäbe es nicht noch mehr Möglichkeiten zur Zusammenarbeit? Schliesslich wurde gerade die Nähe zum Schulzentrum Kreuzfeld gerühmt, als es vor einigen Jahren um den Bau der HPS auf der Kniematte ging.Doch, die gibt es. Man könnte gemeinsame Pausen, Fächer oder wiederkehrende Anlässe einführen. Davon würden die Schüler auf beiden Seiten profitieren. Wir wollen Schritt für Schritt vorwärtsgehen und Projekte um­setzen.

Was hemmt die Zusammenarbeit?Vielleicht kennt man die HPS noch zu wenig. Den Neubau im Kreuzfeld haben wir erst vor fünf Jahren bezogen. Ausserdem ist das benachbarte Schulzentrum recht gross. Um mehr gemein­same Aktivitäten umzusetzen, müsste wohl in einem ersten Schritt geklärt werden, welches Schulhaus beziehungsweise welche Schulstufe sich besonders für eine Zusammenarbeit eignet.

Apropos Wahrnehmung der HPS: Weiss die Bevölkerung überhaupt, welche Institution sich hinter diesen drei Buchstaben verbirgt?Seit der Fertigstellung des Neubaus wird die HPS sicherlich ­bewusster wahrgenommen. Wir versuchen auch in die Öffentlichkeit zu treten, indem wir mit unseren Schülern Anlässe besuchen und mitgestalten. Vertreten waren wir zum Beispiel am Glatte Märit. Und im Frühsommer werden wir ein Theater aufführen. Es ist wichtig, dass wir auf uns aufmerksam machen können – auch hinsichtlich der Finanzen.

Warum? Die gesamten Kosten des Schulbetriebs trägt doch ohnehin der Kanton.Es gibt immer wieder Situationen, die zusätzliche Gelder er­fordern. Beispielsweise konnte unser Spielplatz in seiner jetzigen Form nur dank Spenden realisiert werden. Oder bei der Durchführung einer Landschulwoche sind wir bei besonderen Vorhaben auch auf das Wohlwollen anderer angewiesen. Es ist im Übrigen nicht ganz richtig, wenn Sie sagen, der Kanton trage die gesamten Kosten.

Korrigieren Sie mich.Auch die Eltern übernehmen gewisse Kosten. Für das Mittagessen bezahlen sie einen Fixbetrag von 9.50 Franken. Und wenn wir ein obligatorisches Lager durchführen, werden den Eltern pro Tag 30 Franken in Rechnung gestellt.

Berner Zeitung

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