«Dann werde ich dich erschiessen»

Wangen an der Aare

Erst stritten sich die Männer um Geld, dann fielen Schüsse: Über ein Verbrechen, bei dem eher zufällig niemand getötet wurde.

Die Schiesserei im Herzen des Städtlis verlief letztendlich glimpflich. Foto: Raphael Moser

Die Schiesserei im Herzen des Städtlis verlief letztendlich glimpflich. Foto: Raphael Moser

Johannes Hofstetter

Das Rendez-Vous war noch geschlossen. Doch im Restaurant im Zentrum von Wangen an der Aare wurde gearbeitet: In der Küche präparierten die Wirtin und ihr türkischer Partner Fleischplatten, in einem anderen Raum bügelte die Kellnerin Tischtücher glatt. Die Vorfreude war gross: Um 17 Uhr würden die ersten Gäste zur Antrinkete in die Beiz strömen.

Von der Chefin und ihren Mitarbeitenden zunächst unbemerkt, setzten sich um 13 Uhr herum zwei Männer auf die Terrasse. Die Kellnerin öffnete ein Fenster und liess die Herren wissen, dass das Restaurant erst später öffne. Einer der Männer verlangte trotzdem, den Lebensgefährten der Chefin zu sprechen. Die junge Frau begab sich in die Küche, um den Gesuchten zu holen.

Mehrere Schüsse abgefeuert

Kaum stand sie wieder hinter ihrem Bügelbrett, hörte sie, wie das anfänglich normale Gespräch draussen in einen Streit ausartete. Sie guckte nach draussen und sah, wie sich einer der Fremden über ihren am Tisch sitzenden Kollegen beugte und ihn anbrüllte. Sein Begleiter war verschwunden. Die Kellnerin riet der Chefin, die Polizei zu rufen, und ging auf die Terrasse. Unerschrocken stellte sie sich zwischen den Unbekannten und ihren Chef. Der Eindringling zog eine Pistole aus dem Hosenbund und zielte auf ihren Oberkörper. Dann senkte er den Lauf und schoss dreimal neben ihre Füsse.

Ein Querschläger zischte in einen Stuhl im benachbarten Städtli Food Imbiss. Direkt daneben genoss ein Gast die Mittagssonne.

Stein- und Projektilfragmente spritzten auf und verletzten die Frau an den Unterschenkeln und am rechten Fuss. «Du hast jetzt eine Woche Zeit, um das Geld zu besorgen», schrie der Unbekannte den Mann aus dem Rendez-Vous an. Und drohte ihm: «Wenn du das Geld wieder nicht hast, bist du tot. Dann werde ich dich erschiessen.» Dann feuerte er zweimal in das offene Fenster des Restaurants, in dem die Wirtin gerade mit der Polizei telefonierte. Weitere Schüsse rissen Löcher in die Fassade. Ein Querschläger zischte in einen Stuhl im benachbarten Städtli Food Imbiss. Direkt daneben genoss ein Gast die Mittagssonne. Ein Splitter des Sessels ritzte einen seiner Finger.

Am selben Abend verhaftet

So schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden die Männer. Der eine stellte sich kurz darauf der Polizei. Weil sich gegen ihn kein Tatverdacht erhärten liess, stellte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen ihn im Mai ein. Der mutmassliche Schütze wurde am selben Abend verhaftet. Zuvor warf er die Pistole, die er illegal erworben und mit sich geführt hatte, in die Aare.

Nun muss sich der 30-jährige Türke wegen mehrfacher Gefährdung des Lebens, qualifizierter einfacher Körperverletzung mit Waffe, versuchter Nötigung, Widerhandlungen gegen das Waffengesetz und eines Verstosses gegen das Gewässerschutzgesetz vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau verantworten.

Täter wollte Geld eintreiben

Gegenüber den Untersuchungsbehörden hatte der arbeitslose Vater von zwei Kindern angegeben, er habe von seinem Landsmann im Rendez Vous Geld eintreiben wollen, das dieser einem Verwandten schuldete. Die rund 22'000 Franken hätte er gemäss dem Auftraggeber behalten dürfen, um seine in einem griechischen Flüchtlingslager festsitzende Familie in die Schweiz zu holen, behauptete er. An dieser Version hielt er auch bei seiner mehrstündigen Befragung durch Gerichtspräsidentin Nicole Fankhauser fest.

Die Schuld an der Eskalation der Ereignisse schob er auf die Kellnerin ab.

Er gab zu Protokoll, die Pistole «nur zur Sicherheit» mitgenommen zu haben, weil es sich beim Lebenspartner der Rendez Vous-Wirtin um einen «Gauner und Betrüger» handle. Die Schuld an der Eskalation der Ereignisse schob er auf die Kellnerin ab. «Wenn sie mir aus dem Weg gegangen wäre, statt vor ihrem Chef stehenzubleiben, wäre nichts passiert», versicherte er. Die Frau habe aber keinerlei Anstalten gemacht, zurückzuweichen, und ihn darüberhinaus noch geschubst.

Weil er aus Prinzip keine Frauen schlage, habe er «leider» keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als sie mit der durchgeladenen Pistole einzuschüchtern. Im Übrigen habe er - entgegen der übereinstimmenden Aussagen seiner drei Opfer - lediglich einmal in den Boden gefeuert. Die sechs anderen Patronen habe er in die Luft und in die Hausfassade geballert.

Kläger lassen sich dispensieren

Die Kellnerin und ihre Chefs baten die Richterin daraufhin, sie vom weiteren Verlauf des Prozesses zu dispensieren. «Ich kann diesen Mann nicht mehr sehen», liess die Kellnerin — die bei den Verfahrensbeteiligten bis dahin einen überaus souveränen Eindruck hinterlassen hatte — das Gericht wissen. Schon bei ihrer Einvernahme hatte sie durchblicken lassen, dass dieser Prozess ihr sehr zu schaffen mache.

Sie habe einen Grossteil ihrer Kindheit auf dem damals kriegsumtobten Balkan verbracht und sei jahrelang Zeugin von Brutalitäten geworden. Während der Schiesserei vor dem Rendez Vous und auch jetzt, vor Gericht, komme in ihr manches von dem wieder hoch, was sie sicher in einer Schublade ihrer Seele verstaut geglaubt habe.

Nach einer Beratung mit ihren zwei Laienrichtern und einer ad hoc-Befragung der Parteienvertreter erfüllte die Vorsitzende den Wunsch der drei Opfer. Am Dienstag stehen die Plädoyers der Staatsanwältin, der amtlichen Verteidigerin und des Anwalts der Kellnerin auf dem Programm. Das Urteil wird am Freitag eröffnet.

Es droht Landesverweis

Die Vertreterin der Anklagebehörde wird eine Freiheitsstrafe von 2 bis 5 Jahren fordern. Von einer Tötungs- oder Verletzungsabsicht geht sie nicht aus. Der Mann habe aber «in vollem Bewusstsein mit einer geladenen Pistole auf Menschen gezielt und wiederholt in den harten Steinboden sowie ins Innere des Restaurants geschossen, obwohl er wusste, dass sich in der Beiz und im benachbarten Lokal Menschen befanden», heisst es in der neunseitigen Anklageschrift. Damit habe er «eine konkrete und unmittelbare Lebensgefahr» für mehrere Personen geschaffen.

Falls der Mann verurteilt wird, verhängt die Justiz einen Landesverweis. In die Türkei zurückzukehren, sei für ihn aber nur eine Option, wenn das Gericht für seine Sicherheit garantiere, liess er das Gremium wissen. Wegen seiner politischen Aktivitäten sei er in seiner Heimat inhaftiert, geschlagen und gefoltert worden. Seine Zukunft sehe er in der Schweiz, antwortete der Mann, der auf dem Thorberg im vorzeitigen Strafvollzug sitzt, auf eine entsprechende Frage seiner Verteidigerin. «Hier will ich mit meiner Familie ein glückliches Leben führen.»


Weitere Beiträge aus der Region Oberaargau


Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt