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Das Städtli gehörte einst den Bauern

Der Dorfkern von Wiedlisbach hat sich in den vergangenen hundert Jahren mehrmals stark gewandelt. Zunächst landwirtschaftlich geprägt, führte später die Hauptverkehrsroute mitten hindurch. Heute geht es im historischen Zentrum eher ruhig zu und her.

Rustikal geprägt: Um 1917 führte eine Naturstrasse mitten durch Wiedlisbach.
Rustikal geprägt: Um 1917 führte eine Naturstrasse mitten durch Wiedlisbach.
Archiv Ulrich Ingold

Faszinierend, welche Geschichten die alten Postkarten von ­Ulrich Ingold erzählen. Über 200 Exemplare vom Städtli nennt der Wiedlisbacher Sammler stolz sein Eigen. Der 84-Jährige wurde 1933 hier geboren – und ist bis heute geblieben. Daher ist es wenig überraschend, dass er von einer Unzahl Personen und Vorfällen berichten kann.

So erinnert er sich an seine Kindheit in den 1930er-Jahren, als die Hauptgasse noch aus Kies bestand – da konnte es im Städtli bei schlechtem Wetter schon mal recht schmutzig werden – und fast in jedem Anwesen im Hinterstädtli eine Bauernfamilie zu Hause war. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden die Landwirte zusehends aus dem Dorfzentrum. Sie siedelten um oder gaben ihre Höfe gar ganz auf. Von der landwirtschaftlichen Nutzung zeugen noch heute einige üppige Tenntore, welche die Fassaden zieren.

Wie die Bauern ist auch die Schmitte aus dem Dorfzentrum verschwunden. Auf der Aufnahme von 1917 ist ihr dominantes Dach auf der linken Seite gut zu erkennen. «An der 700-Jahr-Feier 1955 stand sie auf jeden Fall noch», erinnert sich Ulrich Ingold.

Bedeutende Auszeichnung

1918 wurde die Solothurn-Niederbipp-Bahn eröffnet, und Ende der 1930er-Jahre hielt auch die moderne Strassenbautechnik in Wiedlisbach Einzug: Die gekieste Hauptgasse wurde asphaltiert. Der Gemeinderat bemühte sich aber trotz stetiger Modernisierung und dem Wegzug zahlreicher Landwirte, das historische Bild des Städtchens zu wahren.

Ein weiterer Grund für das Ausbleiben einer baulichen Zerstörungswelle, die in zahlreichen historischen Städtchen wütete, könnte auch der wirtschaftliche Rückstand sein, unter dem die Region Anfang des 20. Jahrhunderts zu leiden hatte. Bis heute setzt sich die Städtlikommission gemeinsam mit der Exekutive für ein attraktives und belebtes Dorfzentrum ein.

1974 wurden diese Bemühungen gar vom Schweizer Heimatschutz mit dem Wakker-Preis gewürdigt. Die Auszeichnung für beispielhafte Ortsbildpflege machten Wiedlisbach über die Grenzen des Oberaargaus hinaus bekannt. Im darauffolgenden Jahr wurde das Städtli durch den Europarat ausgezeichnet.

Durch das starke Bevölkerungswachstum litt Wiedlisbach zunehmend unter dem Verkehr. Denn die Hauptverkehrsachse führte notabene mitten durch das Städtli. 1991 wurde schliesslich die Umfahrungsstrasse eröffnet. Und im Rahmen der sogenannten flankierenden Massnahmen wurde rund zwei Jahre später das Rad der Zeit zurückgedreht: Der Asphalt auf der Hauptgasse machte einer Natursteinpflästerung, wie sie bis 1830 ursprünglich bestanden hatte, Platz. Mit dieser Massnahme sollte auch der Bedeutung des Städtchens als Baudenkmal, wie es in den 1970er-Jahren gewürdigt wurde, Rechnung getragen werden.

Verheerender Brand

In seiner über 750-jährigen Geschichte ist Wiedlisbach mehreren Bränden zum Opfer gefallen. Einen besonders hohen Schaden verursachte der Grossbrand vom 8. Dezember 1983. Rosette Herren-Vaterlaus erinnerte sich in einem Beitrag im Jahrbuch des Oberaargaus 1994 genau an den fürchterlichen Morgen: «Einer unserer Mieter rief uns entsetzt schreiend an: ‹Es brennt!›» Als ihr Mann in Wiedlisbach angekommen sei, hätten bereits die Liegenschaften Städtli 3, 5, 7, 9 und 11 gebrannt.

Das Rad der Zeit zurückgedreht: Mit Bsetzisteinen ausgestattet, zeigt sich die Hauptgasse heute wieder wie bis 1830. Bild: Marcel Bieri
Das Rad der Zeit zurückgedreht: Mit Bsetzisteinen ausgestattet, zeigt sich die Hauptgasse heute wieder wie bis 1830. Bild: Marcel Bieri

Insgesamt 210 Mann standen an dem Morgen im Einsatz und konnten ein Übergreifen der Flammen auf die umliegenden Altstadtbauten verhindern. Vom Brand betroffen waren 18 Personen, die Schadenssumme belief sich auf mehrere Millionen Franken. Der Brand war offenbar im Obergeschoss der Biskuitfabrik Scheidegger ausgebrochen. Ein Kurzschluss dürfte die Ursache gewesen sein. Die Häuser wurden in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege und dem Ziel, das historische Bild des Städtchens zu erhalten, wieder aufgebaut.

Zerfall und Umnutzung

In seiner langen Geschichte hat sich auch die Fassade des stattlichen Bürgerhauses so einige Male gewandelt. Auf beiden Aufnahmen ist es mit seiner dominanten Uhr, die den Sanierungsarbeiten standhalten konnte, zu erkennen. 1540 fand das Gebäude als Rathaus zum ersten Mal eine schriftliche Erwähnung. Ab 1792 wurde die Liegenschaft über zweihundert Jahre lang als Gas­tronomiebetrieb genutzt.

Bis sich 2013 die Gebäudeversicherung Bern (GVB) der historischen Liegenschaft annahm, verfiel das Bürgerhaus zusehends, wurde gar als «Haus der Schande im Wakker-Städtli» bezeichnet. Mittlerweile wurde die Liegenschaft von der GVB grundlegend saniert und umgenutzt: Im Bürgerhaus lässt sich nun wohnen (wir berichteten).

Es bleibt zu hoffen, dass sich auch künftige Generationen in der bisherigen Art und Weise um das historische Zeugnis des Städtchens bemühen werden. Oder um es mit den Worten des Restaurators Walter Soom zu schreiben, der 1955 zur 700-Jahr-Feier den Auftrag erhielt, einen würdigen und farbigen Gesamtplan für das Städtchen zu entwerfen: «Mit dem Aufnehmen jeder einzelnen der ungefähr dreissig Fassaden an der Hauptgasse wurde mir mehr und mehr all das Erhaltenswerte vertraut und lieb.»

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