Erinnerungen an die eigene Schulzeit

Madiswil

Der Bau des Dorfschulhauses war um 1900 ebenso umstritten wie achtzig Jahre später die Erhaltung und Um­wandlung ins Gemeindezentrum. Dazwischen gingen Generationen von Madiswilerinnen und Madiswilern dort zur Schule.

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Jürg Rettenmund

Der heute 75-jährige Walter König besuchte neun Jahre lang die Schule im heutigen Dorfzentrum von Madiswil. Deshalb sandte er dieser Zeitung ein altes Bild davon. Es stamme wohl aus den 1920er-Jahren, vermutet er.

An seine Jahre in dem Gebäude, das nicht nur den jungen Madiswilerinnen und Madiswilern Ehrfurcht einflösste, erinnert er sich allerdings nicht mehr im Detail. «Das ist lange her.» Nur die all­gemein bekannten Tatsachen, dass die Lehrerinnen und Lehrer streng und Schläge als Erziehungsmittel nicht selten waren, hält er fest.

Dank einem Beitrag von Simon Kuert im Jahrbuch des Oberaargaus sind wir trotzdem vertraut mit der Geschichte des markanten Bauwerks, und zwar über die Zeit hinaus, die Walter König erlebte.

Seit 1807 befand sich das Schulhaus von Madiswil dort, wo auch das alte Zentrum des Links­mähderdorfs lag: Bei der Kirche. Heute befindet sich dort der Parkplatz beim Kindergarten. Fotos der kantonalen Denkmalpflege zeigen ein Haus, das sich mit Walmdach, Laube und Fassade kaum von den alten Bauernhäuser unterschied.

Ende des vorletzten Jahr­hunderts genügte dieses den Anforderungen nicht mehr. In den Schulzimmern sei es zu dunkel, und die hygienischen Einrichtungen entsprächen nicht mehr der Zeit, schrieb der Schulinspektor und drohte, die kantonale Unterstützung zu streichen.

Den Platz für einen Neubau suchte man jedoch nicht mehr bei der Kirche, sondern an der Obergasse. Dorthin hatte sich mit dem Ausbau der Talstrasse und der Eröffnung der Langenthal-Huttwil-Bahn das Dorfzentrum verlagert. Der Standort und das schliesslich verwirklichte Projekt fanden jedoch erst im dritten Anlauf eine Mehrheit.

Eines der Schönsten

Es entstand nicht nur «eines der schönsten Landschulhäuser im Kanton Bern», wie der Schul­inspektor bei der Einweihung festhielt, sondern einer der für die Zeit um 1900 typischen «Bildungstempel». Bis 1983 gingen dort Generationen von Madis­wilerinnen und Madiswiler zur Schule. Dann wurde in der Neumatt ein neues Schulhaus gebaut, in dem auch die Schülerinnen und Schüler der Aussenbezirke Mättenbach und Wyssbach das Rüstzeug für das Leben holten.

Eines der markantesten Gebäude der Gemeinde stand damit leer. In Madiswil hätte man den «Chlotz» am liebsten abgerissen und dort für die Verwaltung neu und modern gebaut. Nur eine Minderheit schloss sich dem Ur­teil der Denkmalpflege an, das Schulhaus spiegle als «neoklassizistischer Repräsentativbau die Aufbruchstimmung der Landbevölkerung», die damit habe demonstrieren wollen, dass sie der städtischen Bevölkerung im Bildungswesen nicht nachstehe.

Eine von einem Rekordaufmarsch von 232 Stimmberech­tigten besuchte Gemeindeversammlung stimmte sogar einem Abbruchkredit zu, wurde aber vom Verwaltungsgericht zurückgepfiffen, das das fachliche Urteil höher gewichtete als den Volkswillen. Hinter dem Schulhaus konnte die Gemeinde ihrem Begehren nach einem Neubau doch noch nachleben und die Linksmähderhalle erstellen.

Berner Zeitung

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