Blick hinter die Gefängnismauern

Langenthal

In seinem «Gespräch im Foyer» hatte der ehemalige Regierungsrat Hans-Jürg Käser mit Annette Keller, Direktorin der Justizvollzugsanstalt Hindelbank, im Langenthaler Stadttheater eine ehemalige Untergebene zu Gast. 

Angeregte Diskussion: Hans-Jürg Käser und Annette Keller.

Angeregte Diskussion: Hans-Jürg Käser und Annette Keller.

(Bild: PD)

«Hans-Jürg Käser lädt ein»: Unter diesem Motto begrüsst der ehemalige Langenthaler Stadtpräsident und Berner Regierungsrat am Sonntagabend im Stadttheater Annette Keller, Direktorin der Justizvollzugsanstalt Hindelbank. «Die Kulturbeauftragte, Marianne Hauser Haupt, hat mich angefragt, ob ich für dieses neue Format zu haben wäre», verrät Hans-Jürg Käser. Bei der Auswahl der Gäste habe sie ihm freie Hand gelassen.

Unter den Persönlichkeiten, die er als bis zum 31. Mai 2018 tätiger Polizei- und Militärdirektor des Kantons Bern und Präsident der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren kennen gelernt habe, habe er zwei angefragt und spontane Zusagen erhalten: Jürg Noth, Chef Grenzwachtkorps, und Annette Keller, deren Chef er war.

Die Atmosphäre im Foyer ist familiär. Die vierzig im Halbkreis bereitgestellten Stühle sind alle besetzt. Das Scheinwerferlicht ist auf die an einem Tisch sitzenden Hans-Jürg Käser und Annette Keller gerichtet, die ungezwungen-locker von ihren Erfahrungen mit der Justizvollzugsanstalt Hindelbank sprechen – der einzigen für Frauen in der deutschsprachigen Schweiz.

Keller stellt sich vor. Sie sei im Thurgau aufgewachsen, weshalb sie Ermatinger Dialekt spreche. Sie blickt auf ihren beruflichen Werdegang zurück, bis sie am 1. Mai 2011 ihr Amt als Direktorin der Anstalten Hindelbank und Nachfolgerin von Marianne Heimoz antrat: Lehrerin, Theologiestudium, Pfarrerin, Leiterin Sozialdienst der Universitären Psychiatrischen Dienste der Uni Bern, Betreuerin in der Justizvollzugsanstalt Hindelbank.

Auf die Freiheit vorbereiten

Ihre Insassinnen auf die Freiheit vorzubereiten und sie das Leben lernen zu lassen», sei vom ersten Tag an Hauptaufgabe der Anstalten Hindelbank, wo zurzeit 106 Frauen betreut würden – 34 davon nach einem Tötungsdelikt, ein Drittel in Zusammenhang mit Drogen. 58 Prozent seien Ausländerinnen, 42 Prozent Schweizerinnen. Der Umgang und das Reden mit den in den Normalvollzug eingewiesenen Frauen sei «normaler, als man denkt», so Annette Keller über die Frauen, die sich tagsüber innerhalb ihrer Wohngruppe und im gesicherten Aussenbereich frei bewegen können.

«Es soll ein menschlicher Alltag sein», betont die Direktorin. Auf einen solchen verzichten müssten Frauen, denen aus Gründen der Hochsicherheit Handschellen angelegt würden. Am Tag des Rauskommens komme die Zeit, wo die Frauen, für die in der Anstalt alles geregelt gewesen sei, nun wieder selber Entscheidungen treffen müssten. Darauf würden sie vorbereitet – auch mit Arbeit, Bildung, Freizeitgestaltung und Sonderangeboten. Man befrage die Frauen, wie sie sich das Leben nach dem Austritt vorstellen würden.

Die letzte Phase

Zum Thema Besuchsrecht geht Annette Keller besonders zu dem der Kinder ein. Einen Fokus richtet sie auch auf die Aussenwohngruppe in Burgdorf, wo für die letzte Phase des Vollzugs zwölf Plätze zur Verfügung stünden, beantwortet der Gast von Hans-Jürg Käser Publikumsfragen. Im Alltag seien die Frauen nicht gefährlich, weil sie damals aus einer besonderen Situation heraus etwas Kriminelles getan hätten, betont sie. Das Sicherheitspersonal sei nicht bewaffnet. Gesprochen werde neben Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch und Spanisch ein «Knast-Esperanto mit Händen und Füssen». Die Rückfallquote nach drei Jahren betrage bei den Frauen 15 Prozent.

Hier hakt Käser ein und verweist darauf, dass dies schwierig zu interpretieren sei, weil auch ein zu schnelles Fahren als Rückfall gelte. Eine Frau sei, so Keller, wegen illegalen Aufenthalts in der Schweiz schon fünfmal entlassen und an die Grenze gestellt worden. Weil es ihr in Hindelbank mit den dort herrschenden klaren Strukturen am wohlsten sei, sei sie stets zurückgekehrt. Keller erwähnt freudige Entwicklungen von Frauen, die – wieder in Freiheit – ihr Leben in den Griff bekommen hätten.

Käser dankt Keller für den «tollen Job», den sie verrichte. Weil er noch weitere «spannende Persönlichkeiten» im Köcher hat, ist eine Fortsetzung des gestarteten Formats geplant.

Langenthaler Tagblatt

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