Leni mischt das Bankengeschäft auf

Langenthal

Szenen voller Situations­komik, dargeboten vom Theater Überland: Die Besucher im ausverkauften Stadttheater erlebten in Anwesenheit von Autor Franz Hohler eine glanzvolle Uraufführung seiner Komödie «Cafeteria».

<b>Der Schriftsteller und die Kulturbeauftragte</b> in angeregter ­Diskussion: Franz Hohler und Marianne Hauser Haupt.

Der Schriftsteller und die Kulturbeauftragte in angeregter ­Diskussion: Franz Hohler und Marianne Hauser Haupt.

(Bild: Daniel Fuchs)

Brigitte Meier

Das Premierenpublikum wird von einer strahlenden Marianne Hauser Haupt, Kulturbeauftragte der Stadt Langenthal, willkommen geheissen. Herzlich begrüsst sie Autor Franz Hohler, der mit seiner Frau Ursula in den voll besetzten Stuhlreihen sitzt und sich sichtlich auf die Uraufführung seines Stückes «Cafeteria» zur Wiedereröffnung des Stadttheaters freut.

Dies sei vorweggenommen: Es ist eine überzeugende Inszenierung von Theaterleiter Reto Lang, hervorragend umgesetzt vom Theater Überland.Mehr als die Gleichstellung von Mann und Frau thematisiert der an und für sich heitere Stoff die Freiheit des Menschen, nicht nur in Schablonen zu denken.

Was passiert, wenn man den vorge­gebenen Rahmen ignoriert? Gefragt sind Mut, Selbstbewusstsein und ein Quäntchen Frechheit, um dieses Risiko zu wagen, im Bewusstsein, scheitern zu können.

Männer fühlen sich verdrängt

Angesiedelt ist das Stück in der Cafeteria einer Bankfiliale. Die umtriebige Kassierin bedauert, dass kaum jemand ein Linzertörtchen kauft. «Es ist so traurig, weil es niemand haben möchte. So gehts im Leben.

Manchmal ist man knusprig, manchmal beginnt man zu bröseln», philosophiert Leni Miescher in ihrem Dialog mit dem verschwiegenen Törtchen.

Als die Filiale der Grossbank dazu aufgefordert wird, mehr Frauen in Leitungspositionen einzustellen, erachtet die Geschäftsleitung die Cafeteria als einzig möglichen Bereich. So wird die Kassierin zur Chefin der Cafeteria befördert und der bisherige Chef Fredi Freudiger alias Kaspar Weiss zu ihrem Assistenten degradiert.

Unkonventionell und fantasievoll krempelt die bodenständige Leni nicht nur die Cafeteria um, sondern mischt auch das Bankengeschäft auf. In der männlich ­dominierten Finanzwelt, ausgezeichnet dargestellt vom Ensemble des Theaters Überland, findet sich Leni erstaunlich gut zurecht.

Sie verwaltet ein ansehnliches Kapital, entwickelt ausgefallene Ideen und gewinnt das Vertrauen vieler Kunden. Sie handelt mit Aktien oder empfiehlt, Projekte wie jenes der holländischen Deichbauern zu unterstützen. Sehr zum Missfallen der männlichen Finanzfachmänner, die sich von der selbst berufenen Bankfrau bedrängt und verdrängt fühlen.

Eindrückliche Bühnenpräsenz

Marlise Fischer überzeugt mit Spielfreude, eindrücklicher Mimik und Bühnenpräsenz. Resolut, aber warmherzig und humorvoll verkörpert die 65-jährige Schauspielerin Leni Miescher, die einer kühlen und digitalisierten Bankenwelt gegenübersteht. Mit der umgestalteten Cafeteria versucht sie ein warmes Ambiente zu schaffen. Erfüllt Kundenwünsche von Latte macchiato bis zu frisch gepresstem Orangensaft.

Marlise Fischer überzeugt in ihrer Rolle als Kassierin, die zur Chefin befördert wird. Bild: Daniel Fuchs

Die Quotenfrau kümmert sich nicht einen Deut um den Dienstweg. Und der Erfolg gibt ihr recht: «Seit wir Cremeschnitten anbieten, ist der Umsatz enorm gestiegen.» Als sie die Cafeteria öffentlich macht und ein Kasperlitheater mit dem Titel «Der Banküberfall» für Kinder organisiert, wird sie ins Chefbüro zitiert. «Oha!» Dieser typische Franz-Hohler-Ausdruck ertönt mehrmals.

«Linzertörtchen mag ich nicht besonders. In einer Cafeteria sind es jedoch Klassiker.»Autor Franz Hohler

Während der Betriebsassistent um Versetzung bittet, fordern andere Angestellte gar ihre Entlassung. Sie geniesst jedoch die Unterstützung der Direktion, und ihre neu eingerichtete «Eck-Bank» wird als informelles Plauderstündchen von Hausfrauen über Jungunternehmer bis hin zum Stadtpräsidenten geschätzt.

Als Leni Miescher zur Direktorin befördert wird, spürt sie rasch, dass die Finanztransaktionen hier etwas anders laufen als an der Cafeteriakasse. Nicht alles entwickelt sich so problemlos weiter, wenn man ausserhalb seines Handlungsspielraums agiert. In der letzten Szene steht Leni wieder an der Kasse, zufrieden und frisch verliebt, in Fredi, ihren Betriebsassistenten.

Das Langenthaler Publikum belohnt die Darbietung mit stehenden Ovationen. Franz Hohler zeigt sich beeindruckt von der Leistung des gesamten Ensem­bles: «Wahrlich eine gelungene ­Uraufführung.» Während des Anstehens an der Theaterbar verrät der Autor schmunzelnd, dass er Linzertörtchen nicht besonders möge. «In einer Cafeteria sind es jedoch Klassiker.» Vielleicht auch schon bald im Stadttheater Langenthal.

Die Komödie wird voraussichtlich im November nochmals gespielt. Infos unter: www.stadttheater-langenthal.ch.

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