«Manchmal gab es auch rote Köpfe»

Thörigen

Thörigens Gemeindepräsident Rolf Schneeberger ist einer, der die politische Debatte nie gescheut hat. Nun hört er auf und blickt zurück, auch auf den Bau des Gemeindehauses.

«Das Haus ist aufgeräumt.» Rolf Schneeberger hinterlässt seinem Nachfolger eine gut funktionierende Gemeinde. Foto: Christian Pfander

«Das Haus ist aufgeräumt.» Rolf Schneeberger hinterlässt seinem Nachfolger eine gut funktionierende Gemeinde. Foto: Christian Pfander

Sebastian Weber

Herr Schneeberger, 14 Jahre im Gemeinderat, 10 Jahre davon als Präsident. Das muss Ihnen vorkommen wie eine halbe Ewigkeit.
Einerseits ist es eine sehr lange Zeit. Andererseits habe ich aber auch gestaunt, wie rasch die 14 Jahre vergangen sind.

Sie hätten noch 2 Jahre vor sich gehabt. Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, um aufzuhören?
Ich hatte Angst, dass wir in 2 Jahren plötzlich vier oder fünf neue Mitglieder für den Gemeinderat suchen müssen. Christoph Aeschlimann, der jetzt das Vizepräsidium übernimmt, hätte wegen der Amtszeitbeschränkung aufhören müssen. Und Sandro Moret, der meine Nachfolge antritt, hat dann auch schon über 10 Jahre auf dem Buckel. Es war deshalb ein vorausblickender Entscheid. Rein von der Motivation her hätte ich die 2 Jahre sicher noch machen können. Aber eine saubere Nachfolgelösung war mir wichtiger.

Was für eine Gemeinde hinterlassen sie Sandro Moret?
Ich getraue mich zu sagen: Das Haus ist aufgeräumt. Er kann sein Amt beginnen und muss nicht zuerst Altlasten abarbeiten.

Sie hinterlassen ihm auch eine eigenständige Wasserversorgung. Seit vielen Jahren kämpft man um Subventionen. Vergeblich. Das ist ein Ärgernis.
Eigentlich schon. Der Kanton will keine kleineren Wasserversorgungen mehr. Es hat aber auch etwas Gutes: Obwohl wir seit fast 30 Jahren keine Subventionen erhalten, besitzen wir die günstigste Wasserversorgung in der ganzen Region.

«Das Amt ist keine Wohlfühloase. Wir haben die Probleme im Gemeinderat offen benannt.»

Was werden Sie vermissen?
Sicher die Gemeinderatssitzungen. Ich habe festgestellt, wie wichtig es ist, Themen im Rat zu diskutieren. Ich bin danach immer mit einem guten Gefühl nach Hause gefahren. Zudem habe ich immer wieder neue, gute Kontakte knüpfen können. Politische, aber auch kulturelle. Das wird jetzt in Zukunft sicher abnehmen.

Aber Hand aufs Herz: Es wird sicher auch Aufgaben geben, die Sie gerne an Sandro Moret abtreten.
Ein bestimmtes Sachthema gibt es da nicht. Aber es ist natürlich schon so: Man geht mit diesem Amt ins Bett und steht morgens damit wieder auf. Das ist mir damals, als ich frisch Präsident geworden war, besonders eingefahren. Diese direkte Verantwortung fällt jetzt weg.

Als Präsident muss man auch Geschäfte vertreten, die nicht überall gut ankommen. Etwa bei der Gründung des Schulverbands oder bei der Einführung von Tempo 30 an der Bachstrasse und im Gässli.
Es gab es auch mal Kritik, das ist so. Aber ich habe die politische Debatte nie gescheut und auch nie als Problem erlebt. Damit es am Schluss tragbare Lösungen gibt, gehört das einfach dazu – auch an Gemeindeversammlungen. Letztlich hat man sich immer gefunden. Es wurde in diesen Diskussionen auch nie unter die Gürtellinie geschossen. Und Sachgeschäfte gehen mir sowieso nicht nahe. Das passiert mir erst, wenn es um menschliche Schicksale geht.

Das war der Fall, als 2014 der langjährige Gemeindeschreiber entlassen werden musste.
Ja, das war eine Geschichte, die mich damals sehr belastet hat. Da ging es für einmal nicht mehr nur um ein Sachgeschäft. Ich persönlich war von dem Problem zwar nicht direkt betroffen, andere dafür mehr.

Sie haben von sich selbst einmal gesagt, dass Sie kein Diplomat seien. Dann sind rote Köpfe aber vorprogrammiert, oder?
Das Amt ist keine Wohlfühloase. Wir haben die Probleme im Gemeinderat offen benannt. Und ja: Manchmal gab es auch rote Köpfe. Als Gemeindepräsident muss man Unangenehmes ansprechen können. Nur so kommt man weiter. Ich habe immer versucht, lösungsorientiert zu arbeiten.

«Nach einer halben Stunde hatte ich innerlich Panik, weil ich keine Ahnung von der Materie hatte.»

Bei Ihrer Verabschiedung an der Gemeindeversammlung meinten Sie, dass Sie auch viele Fehler gemacht hätten.
Das Amt des Gemeinderats ist keines, das man irgendwo erlernen könnte. Man beginnt einfach und macht auch mal Fehler. Grobe Schnitzer waren keine dabei. Aber ich erinnere mich noch an die erste Kommissionssitzung im Ressort Öffentliche Sicherheit. Nach einer halben Stunde hatte ich innerlich Panik, weil ich keine Ahnung von der Materie hatte. Was mache ich eigentlich hier?, fragte ich mich damals. Und auf diese Weise gelangt man im Gemeinderat an viele neue Themen. In einigen Bereichen muss man sich das Wissen zuerst aneignen. Man lernt immer wieder etwas Neues.

Was zum Beispiel?
Ich habe relativ früh gelernt, dass man mit verschiedenen Varianten an die Stimmbürger herantreten muss. So, wie wir das zum Beispiel auch bei der Sanierung der Hombergstrasse oder beim Bau des neuen Gemeindehauses getan haben. Und für gewisse Dinge braucht es einfach genügend Zeit, damit sie reifen können.

Sie haben zahlreiche Projekte angestossen und begleitet. Welches lag Ihnen besonders am Herzen?
Bei meinem Amtsantritt hatte ich drei Schwerpunkte gesetzt: Ich wollte dafür sorgen, dass wir die Schule im Dorf behalten können. Das ist uns gelungen. Auch die Schülerzahlen sind gestiegen. Weiter wollte ich die bauliche Entwicklung vorantreiben. Auch hier hatten wir Erfolg: Unser Bauland im Dorf ist bald fast ganz aufgebraucht. Wir haben alle gemeindeeigenen Liegenschaften erfolgreich auf den Markt gebracht. Und der dritte Schwerpunkt war das Gemeindehaus. Das ist ein Projekt mit einer langen Vorgeschichte. Bereits Ende der 80er-Jahre gab es Pläne, die Verwaltung an der Buchsistrasse neu einzurichten. Ich wusste daher, dass wir bei diesem Projekt vorsichtig vorgehen müssen.

Haben Sie sich mit dem neuen Gemeindehaus ein Denkmal gesetzt?
Das ist genau der Eindruck, der nicht entstehen sollte. Es war nicht mein persönliches Bedürfnis nach einem neuen Gemeindehaus, das den Ausschlag gab. Sondern dasjenige der Bevölkerung. Ich betrachte es daher nicht als ein Denkmal für mich, sondern als ein wichtiges Element für das ganze Dorf. Für die Stimmbürger war klar: Wenn wir uns unsere Eigenständigkeit bewahren wollen, müssen wir dieses Projekt realisieren.

Die Eigenständigkeit wird offenbar auch bei der Bauverwaltung grossgeschrieben. Die Planungen für eine regionale Bauverwaltung in Herzogenbuchsee laufen auf Hochtouren. Nicht mehr an Bord aber ist Thörigen. Warum?
Wir haben bereits jetzt einen Vertrag mit Herzogenbuchsee, der vorsieht, dass sie für uns Aufgaben im Bauwesen übernehmen. Unsere Baugesuche werden zur Prüfung nach Buchsi geschickt. Das ist für uns eine sehr gute Lösung. Weshalb wir auch keinen Grund gesehen haben, uns an einem Projekt zu beteiligen, dass dauernd Kosten verursachen wird, die wir jetzt nicht haben.

Sie sind leidenschaftlicher Jäger. Ein Tier, das Sie wohl gerne mal abschiessen würden, aber nicht dürfen, ist der Biber, oder?
Ich persönlich war nie ein Gegner des Bibers. Aber er ärgert in Thörigen natürlich viele, das weiss ich. Er war jetzt rund 100 Jahre weg. Während dieser Zeit hat man die Gewässer so gebaut, wie man es gerade für richtig hielt. Der Aspekt Biber ging dabei vergessen. Mittlerweile haben wir in Thörigen eine pragmatische Lösung gefunden: Dank einer Leistungsvereinbarung mit dem Jagdinspektorat können jene Dämme in der Altache, die nicht das Überleben des Bibers gefährden, zweimal im Jahr entfernt werden.

Die Rückstauungen des Bibers waren es, die letztlich die Gesamtmelioration aufs Tapet brachten. Ihre Meinung zu diesem Vorhaben?
Als ich das erste Mal davon hörte, dachte ich: Das kommt nicht zustande. Als das Projekt dann aber ausgearbeitet wurde, realisierte ich, dass es langfristig betrachtet durchaus Sinn ergibt. Die Melioration ist der günstige Weg, um all jene Dinge zu erledigen, die sowieso anstehen würden.

Rolf Schneeberger (54) lebt mit seinem Sohn in Thörigen. Er ist Jäger und betreibt seine eigene Schafzucht. Seit 25 Jahren arbeitet der gelernte Forstwart und eidgenössisch diplomierte Förster beim Jagdinspektorat des Kantons Bern.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt