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«Nicht in Vergessenheit geraten»

Johann Schneider-Ammann war der erste Oberaargauer überhaupt im Bundesrat. Entsprechend stolz sei man auf seine Wahl gewesen, sagt Langenthals Stadtpräsident Reto Müller. Und habe zuweilen auch mit ihm gelitten.

Ausnahmezustand im Herbst 2010: Der frisch gewählte Bundesrat liess sich von der Langenthaler Bevölkerung feiern.
Ausnahmezustand im Herbst 2010: Der frisch gewählte Bundesrat liess sich von der Langenthaler Bevölkerung feiern.
Walter Pfäffli

Es herrschte Ausnahmestimmung in jenem Herbst 2010 in Langenthal. Umringt von Weibeln, dem damaligen Stadtpräsidenten und dem Berner Regierungspräsidenten schritt Johann Schneider-Ammann (FDP) an der Seite seiner Frau Katharina durchs Stadtzentrum.

Scharenweise hatten sich Menschen auf den Trottoirs versammelt. Alle waren gekommen, um ihrem künftigen Bundesrat die Ehre zu erweisen und sich später bei Gratisrisotto und -getränken gemeinsam über den ersten Oberaargauer überhaupt in der Landesregierung zu freuen.

«Wenngleich nicht alle Entscheide des Magistraten für alle Einwohner stets nachvollziehbar waren, stand Langenthal treu hinter seinem Bundesrat.» Reto Müller, Stadtpräsident

Erst wenige Tage waren damals vergangen seit der für Langenthal so denkwürdigen Wahl. Schon diese hatten etliche Oberaargauer live in Bern mitverfolgt. Und noch vor Jahresende wurde Schneider-Ammann 2010 zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.

Stolz und Kritik

«Die Wahl Johann Niklaus Schneider-Ammanns in den Bundesrat hat die Bevölkerung der Stadt Langenthal und auch die Behörden mit Stolz erfüllt», blickte Stadtpräsident Reto Müller (SP) nach der Bekanntgabe von dessen Rücktritt am Montag auf die damalige Stimmung zurück.

Auch zur Bundespräsidentenfeier 2016 sei wieder ein grosser Teil der Langenthaler Bevölkerung erschienen. «Wenngleich nicht alle Entscheide des Magistraten für alle Einwohnerinnen und Einwohner stets nachvollziehbar waren», so sei Langenthal doch treu hinter seinem Bundesrat gestanden, sagte Müller.

Freilich ist zuweilen auch in der Wohngemeinde Kritik laut geworden an Schneider-Ammann. Erst vor zwölf Tagen marschierten um die 200 Personen gemeinsam vom Wuhrplatz auf den nach ihm benannten Platz vor dem Choufhüsi, um ihrem Unmut gegenüber seiner Haltung in der Rüstungspolitik Ausdruck zu verleihen (wir berich­teten).

«Schneider-Ammann sah und sieht sich als Diener des Staates», lobte am Montag indes der Stadt­präsident. «Eindrücklich und manchmal gar mitleidig las man jeweils aus seinem Gesicht und seiner Haltung ab, wie ihm der eine oder andere Auftritt nicht behagte.»

«Wenngleich nicht alle Entscheide des Magistraten für alle Einwohner stets nachvollziehbar waren, stand Langenthal treu hinter seinem Bundesrat.»

Reto Müller, Stadtpräsident

Der Gemeinderat, die Behörden und die Bevölkerung Langenthals dankten ihm und seiner Familie denn auch für den «grossen und aufopfernden Einsatz zugunsten unseres Landes».

Auch Region-Geschäftsführer Stefan Costa lobt das politische Erbe seines Parteikollegen, «von dem unsere exportorientierte Oberaargauer Wirtschaft mit ihren vielen zuliefernden Gewerbebetrieben noch viele Jahre wird profitieren können».

Oberaargauer Werte

Als «verlässlicher, gradliniger und bodenständiger Mensch» habe Schneider-Ammann Attribute des Oberaargaus vertreten, sagt Costa. «Ich bedaure es deshalb sehr, dass wir Ende Jahr einen Politiker aus seiner aktiven Karriere werden verabschieden müssen, der unsere Region mit seinen Werten verkörpert und reprä­sentiert.»

Ins selbe Horn stösst Diego Clavadetscher, Präsident der FDP Langenthal. Mit seiner Besonnenheit, seiner Lösungsorientierung, seinem Fleiss, dem Unternehmeresprit, seinem Verantwortungsbewusstsein und seiner Zurückhaltung habe «ihr» Bundesrat während seiner Amtszeit für den Oberaargau typische Werte repräsentiert.

«Selbstverständlich hätten wir uns gefreut, wenn unser Land noch länger von den Kompetenzen ‹unseres› Bundesrates hätte profitieren dürfen», so Clavadetscher. Gleich­zeitig könne die FDP Langen­thal aber gut verstehen, dass sich Schneider-Ammann «nach acht kräftezehrenden Jahren vermehrt seiner Familie und anderen Aufgaben widmen will».

Das unterstreicht auch Béa­trice Lüthi, Präsidentin des ­Wirtschaftsverbands Oberaargau (WVO). Dass der Magistrat nun etwas kürzertreten wolle, sei «absolut verständlich», verweist sie auf dessen Verdienste insbesondere für die Berufsbildung.

Als seine Nachfolgerin wünsche sie sich allerdings eine Frau, räumt die WVO-Präsidentin offen ein. «Gemischte Teams arbeiten besser, das gilt auch für den Bundesrat.» Wobei natürlich das wichtigste Kriterium sei, nicht am Volk vorbeizupolitisieren.

Repräsentant der Kleinstadt

Gedanken über die Zukunft macht sich ebenso Stadtpräsident Müller. Auch wegen des Bundesrates und seiner Familie sei Langenthal in den letzten Jahren ab und an im Fokus des Interesses gestanden. «In diesem Sinne hat er uns als intakte und gesunde Kleinstadt im Mittelland der Schweiz repräsentiert und bekannter gemacht.»

Dass Langenthal nun nicht mehr direkt im Bundes- oder im Regierungsrat vertreten sein wird, möge kurzfristig keine grosse Auswirkungen haben, da dort nicht primär regional- oder gar kommunalpolitische Anliegen vertreten werden sollten. «Trotzdem wird es wichtig sein, dass der Oberaargau in Bern nicht in Vergessenheit gerät.»

Immerhin im Nationalrat ist die Region wenigstens bis zu den nächsten Wahlen noch vertreten, wie am Montag Adrian Wüthrich in Erinnerung rief. «Ich werde ab 2019 den Oberaargau im Bundeshaus alleine vertreten müssen!», kommentierte der SP-Nationalrat in den sozialen Medien Schneider-Ammanns Rücktritt.

In der Firma Ammann wollte man den Rücktritt des früheren Chefs aus der Landesregierung am Montag nicht kommentieren.

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