Niederbipp will ein wenig visionär sein

Für ein massvolles Wachstum hat der Gemeinderat von Niederbipp eine Strategie mit vier Leitsätzen entworfen. Sie kommen im Grundsatz bei der Bevölkerung gut an. 

Im Jahr 2040 soll das Strassendorf geschätzte 7500 Einwohnerinnen und Einwohner zählen. Foto: Thomas Peter

Im Jahr 2040 soll das Strassendorf geschätzte 7500 Einwohnerinnen und Einwohner zählen. Foto: Thomas Peter

Chantal Desbiolles

Wie soll die Zentrumsgemeinde im Bipperamt im Jahr 2040 aussehen? Weil im Alltag die Zeit fehlt, setzt sich der Niederbipper Gemeinderat mit dieser Frage in einem Strategieworkshop auseinander. Es gehe dabei darum, bewährte Arbeiten fortzuführen und Neues anzugehen, erklärte Gemeindepräsidentin Sibylle Schönmann (SVP) während der Präsentation der Überlegungen.

Weitsichtige Lösungen seien gefragt, um für das unveränderte Wachstum gewappnet zu sein. Hohe Wohnqualität für alle will Niederbipp langfristig bieten, dazu vielfältige Freizeitangebote, man will mit der zentralen Lage der Gemeinde bewusst umgehen und als Wirtschaftsstandort auf ökologisch ausgerichtete Betriebe setzen: Die Grundsätze sind offen formuliert und könnten in dieser Form auch für viele andere Gemeinden gelten.

Selbständig und verbunden

Doch Niederbipp will mitreden, als Zentrumsgemeinde von sich reden machen und im Kanton gehört werden. Ganz sicher dann, wenn es um Firmenansiedlungen im Gebiet Stockmatte geht – die letzte, 15 Hektaren grosse Freifläche im Kanton für Firmenansiedlungen. Ein kantonaler Entwicklungsschwerpunkt seit mehr als 20 Jahren. «Wenn überhaupt, dann wollen wir da ökologisch ausgerichtete Betriebe», sagte Vizegemeindepräsident Christoph Meyer (FDP).

Aber genauso trachtet das Dorf nach nationaler und internationaler Bekanntheit als ökologisch fortschrittlicher Lebens- und Wirtschaftsstandort. «Wir dürfen auch ein wenig visionär sein», sagte Schönmann. Das Bedürfnis nach ökologischer Ausrichtung sei im Gemeinderat parteiübergreifend Thema – nicht erst seit den Klimademonstrationen. Schönmann nennt als Beispiel die zwei E-Bikes, die für den Werkhof angeschafft wurden: Es gelte, mit realistischen, umsetzbaren Massnahmen zu beginnen.

An einer Entlastungsstrasse, die das Strassendorf vom Industrieverkehr befreien soll, wird geplant. In zwei Jahrzehnten könnte es einen Dorfkern haben. Oder einen Schulcampus. Solche Entwicklungen müsse man andenken und sich fragen: Wo soll das sein? Das eigene Energienetz, das Niederbipp die tiefsten Tarife im ganzen Oberaargau sichert, will der Gemeinderat auf jeden Fall beibehalten.

Auch mit Wasser will man sich möglichst selber versorgen oder über einen regionalen Verbund, heute mit Wolfisberg und Oberbipp. Das Grundwasser soll auch langfristig als Trinkwasserquelle dienen: Weil die Nitratwerte viel zu hoch sind, beteiligt sich Niederbipp an einem Projekt der angrenzenden Solothurner Gemeinden.

Und Altlasten sollen aufgestöbert und etappenweise saniert werden. Es bringe nichts, die kleinen Deponien in der Gemeinde zu verschweigen und die Augen davor zu verschliessen, so Schönmann.

Die Bevölkerung soll sich aktiv einbringen, besonders ins politische Geschehen. Dafür ist der Gemeinderat bereit, unkonventionelle Wege zu gehen. Denkbar sei, die Gemeinderatssitzungen öffentlich zu machen oder Parteilose zu den Kommissionen zuzulassen.

«Wichtig ist, dass wir die richtigen Leute am richtigen Ort haben», sagte Schönmann. Der Gemeinderat agiere heute als Team, das nicht immer, aber immer öfter über die Parteigrenzen hinausschaue. Nachhaltig wolle man handeln und die Zukunft weitsichtig gestalten, dafür müsse man auch zeitgerecht aufgestellt sein: ein Halbamt oder Vollamt für die Leitung der 4802-Seelen-Gemeinde, die in 20 Jahren auf geschätzte 7500 Einwohnerinnen und Einwohner wachsen wird.

Träumen und Wünschen

«Am Puls der Zeit» will die Gemeinde sein, daher auch der neue Slogan. Er wird mit drei Schlagworten – fortschrittlich, nachhaltig, ideal zentral – zur erklärten Vision. Das klinge schön, findet ein Zuhörer, fast zu schön, um glaubhaft zu sein. «Schöne Träume sind das, zum Teil grosse.» Dass Niederbipp national bekannt sei, das habe man den Verkehrsmeldungen zu verdanken.

Er sollte an diesem Freitagabend der einzige Skeptiker bleiben, der sich zu Wort meldet. Viel Lob für die Denkarbeit und die Bereitschaft heimst der Gemeinderat ein. Eine Niederbipperin ist der Ansicht, dass der Weitblick nicht weit genug reicht: Für sie seien die Ideen fast zu wenig visionär, sie hätte mehr erwartet.

Auch, mehr Junge unter den etwa 50 Anwesenden zu sehen. Mehr Einsatz für familienexterne Betreuungsangebote und für den Lärmschutz, weil die Lebensqualität am Jurasüdfuss enorm unter diesen Emissionen leide, wird gefordert.

Wie die Zentrumsgemeinde im Bipperamt im Jahr 2040 aussehen wird, bleibt offen. Schönmann und ihre Kollegen werden ihre Vorstellungen nun in einem zweiten Schritt in weiteren sieben Halbtagen konkretisieren.

Langenthaler Tagblatt

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt