Peter Bichsel: «Lesenlernen war ein grosses Abenteuer»

Herzogenbuchsee

Das Moderatorenduo Bänz Friedli und Hannes Hug konnte für den «Pflotschhoger» Peter Bichsel zum Talk begrüssen. Der Schriftsteller und Kolumnist fesselte mit Schlagfertigkeit und Hellsichtigkeit.

«Die menschliche Biografie entsteht durch das, was man nicht kann» – Peter Bichsel, Schriftsteller und Kolumnist.

«Die menschliche Biografie entsteht durch das, was man nicht kann» – Peter Bichsel, Schriftsteller und Kolumnist.

Brigitte Meier

Beim Eingang zum ausverkauften Kreuzkeller in Herzogenbuchsee steht das hölzerne Glücksschweinchen aus dem Alten Schlachthaus. Die erweiterte Crew setzt das bekannte Talkformat «Pflotschhoger» jetzt im Kreuz fort. Dort haben am Samstag die Moderatoren Bänz Friedli und Hannes Hug den Schrift­steller Peter Bichsel begrüssen können.

Sprachliche Verspieltheit

Dieser fesselt die rund 100 Zuhörer mit seiner Prägnanz, Schlagfertigkeit und Hellsichtigkeit. Wache, wasserblaue Augen blicken hinter den runden Brillengläsern hervor. Er wechselt das Mikrofon von der einen in die andere Hand, streicht sich über das schlohweisse Haar, bevor er mit etwas heiserer Stimme antwortet.

Ein Leben lang pflegte Bichsel die kleine Form mit Kurzgeschichten und Kolumnen. Und ist gerade deshalb für viele der grösste Schweizer Autor der Gegenwart. Seine Geschichten zeichnen sich durch ihre sprachliche Verspieltheit und scheinbare Einfachheit aus. Schon als kleiner Bub habe ihn das Spiel mit den Buchstaben fasziniert.

«Lesenlernen war das grösste Abenteuer meines Lebens. Damals hatten wir noch Setzkästen mit Lettern, und mit ebendiesen begann die Liebe zu der Sprache», erzählt der 82-Jährige. Die grösste Schwierigkeit beim Schreiben sei immer der Anfang, der erste Satz. Wenn man vor einem weissen Papier sitze und einem nichts in den Sinn komme, sagt Bichsel, der sich als Kolumnist vor allem mit Literatur und Kultur, aber auch mit Politik beschäftigte.

Als persönlicher Berater und Freund von Willi Ritschard habe er den sozialdemokratischen Bundesrat so kennen gelernt, wie ihn die Öffentlichkeit nicht gekannt hat. Zusehends betrübt zeigt sich Bichsel über die längst verlorene Form von politischer Kultur und die Gefährdung der direkten Demokratie.

Hier macht Moderator Bänz Friedli darauf aufmerksam, dass gerade in Herzogenbuchsee noch direkte Demokratie gelebt werde. Indem sich die Stimmbürger einstimmig hinter den Verkauf des Gästehauses Kreuz an die jungen Initianten ausgesprochen haben.

«Ich hatte Glück»

Am meisten freue er sich, wenn er ehemalige Schüler wiedersehe. «Die kennen mich besser als alle Leser und Literaturkritiker», betont Peter Bichsel, der unter anderem in Zuchwil unterrichtet hat. Mit Jürg Naef sitzt einer dieser Schüler in der ersten Reihe. «Wir haben Peter Bichsel als Autoritätsperson respektiert und seine Menschlichkeit geliebt. Er habe sogar seine Maturarbeit über den Schriftsteller verfasst», sagt der Allgemeinmediziner, der in Buchsi eine Hausarztpraxis geführt hat.

1964 wurde er mit dem Buch «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennen lernen» schlagartig bekannt. Dieses sei zur richtigen Zeit erschienen. «Ich hatte Glück. Denn es ist ein grosser Irrtum zu glauben, die menschliche Biografie entstehe durch das, was man kann. Nein, sie entsteht dadurch, was man nicht kann.»

Ein kleines Nashorn

Er sei gerne Lehrer gewesen, und dass er Schriftsteller geworden sei, sei einfach passiert. «Berühmt wollte ich nie werden», betont der Schriftsteller. Seine Mutter pflegte jeweils zu sagen: «Du bisch nid dr Gschidst, dr Gschider het d Chatz gfrässe.» Gebannt hören ihm die Zuhörer zu, auch in den kurzen Denkpausen bleibt es ruhig.

Trotz negativen Kritiken war sein einziger Roman «Die Jahreszeiten» erfolgreich. Weil es sein Lieblingsbuch sei, sei es wohl auch sein bestes, sagt er. «Denn ich hatte mir immer vorgestellt, mal ein dickes Buch zu schreiben, mit dem man auch Pflanzen pressen kann», sagt Peter Bichsel und lässt seinen Schalk aufblitzen. Etwa auch, als er zum Schluss ein kleines «Nashorn» aus dem Rucksack klaubt und eine Kurzgeschichte darüber vorliest.

Langenthaler Tagblatt

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