Schülerinnen fühlen sich «zu Objekten degradiert»

Langenthal

Die Rektorin des Gymnasiums Oberaargau musste sich für eine E-Mail rechtfertigen, die sie an ihre Gymnasiastinnen verschickt hatte. Einige Adressatinnen fühlten sich durch Kleiderempfehlungen diskriminiert.

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Jürg Rettenmund

Im Gymnasium Oberaargau finden gegenwärtig die mündlichen Maturitätsprüfungen statt. Am Montag, als die letzten Antworten der Schülerinnen und Schüler benotet waren, musste noch Rektorin Barbara Kunz zur mündlichen Prüfung antraben.

Die Fragen stellten dort allerdings keine Lehrer, sondern Journalistinnen und Journalisten.Die Prüfung eingebrockt hatte sich Barbara Kunz letzten Donnerstag, als sie an alle Schülerinnen ein E-Mail versandt hatte. Das geriet einigen Adressatinnen in den falschen Hals.

Eine wandte sich an die Zeitung «20 Minuten», die am Montag darüber berichtete. Der Schülerin stiess vor allem sauer auf, dass nur sie und ihre Kolleginnen angeschrieben worden waren. Sie seien zu Objekten degradiert worden, beklagte sie sich gegenüber «20 Minuten». «Das ist klar sexistisch.»

Nur ein Teil übernommen

Öl ins Feuer gossen Recherchen des Gratisblattes: Die Grafik im E-Mail hatte die Schulleitung aus der Vorlage eines deutschen Gymnasiums herauskopiert. Dieses hatte sich jedoch an Schülerinnen und Schüler gewandt und ihnen die «No-gos» aufgezeigt. Die Seite für die Männer schnitt die Leitung des Gymnasiums Oberaargaus jedoch heraus.

Klicken Sie auf die Grafik, um diese zu vergrössern.

In die Kritik geriet vor allem Rektorin Barbara Kunz. Sie war am Freitag mit den Vorwürfen der Schülerin konfrontiert worden, hatte jedoch bis Sonntagabend nicht geantwortet. Auch am Montagmorgen war sie für Medienanfragen nicht erreichbar, der mündlichen Maturitätsprüfungen wegen.

Am Abend dann wehrte sie sich gegen den Vorwurf, Weisungen herausgegeben zu haben, die einseitig die Frauen diskriminierten. Ihr Anliegen sei vielmehr gewesen, die Frauen darauf hinzuweisen, wie ihr Auftreten wirken könne.

Und zwar ohne bei den Männern schlafende Hunde zu wecken, indem sie diese auch anschrieben habe. Es seien weder Kontrollen angekündigt noch Sanktionen angedroht worden.

Wenn es wärmer wird

Das Thema tauche regelmässig auf, wenn die Temperaturen steigen würden, hielt Barbara Kunz fest. Neu sei vielleicht, dass sie seit einem Jahr Rektorin sei und es ihre Art sei, Themen anzusprechen, auch wenn sie unangenehm seien. Dabei war das Flugblatt durchaus mit Humor abgefasst. «Das ist nicht die Absicht unseres Schreibens an Sie!» steht zu einem Foto mit Schülerinnen in adretten Uniformen mit Karo­jupes und Blazern.

In der Grafik erklärt die Schulleitung die No-gos: «durchsichtige, trägerlose oder bauchfreie Oberteile, zu tiefe Einblicke, beleidigende, diskriminierende oder sexistische Aufdrucke, Hintern oder Unterhose permanent sichtbar, barfuss in den Schulgebäuden».

Es sei ihre Absicht gewesen, erklärte Barbara Kunz, aktiv zu werden, bevor etwas passiere. Und Prorektor Robert Zemp stellte klar: Schuluniformen dürften nicht das Ziel sein, sondern Schülerinnen und Schüler, die mit den Freiheiten umgehen könnten, die ihnen geboten ­würden.

Wie das Gymnasium den Medienhype mit der Schülerschaft thematisieren wird, konnte die Rektorin am Montag noch nicht sagen. Priorität hätten für sie zurzeit die mündlichen Prüfungen der Maturandinnen und Maturanden.

Langenthaler Tagblatt

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