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Wo die Partei- Familiengeschichte ist

Das Wochenende steht im Dorf ganz im Zeichen der SP mit ihrer bewegten Geschichte. Seit der Gründung vor 100 Jahren haben drei Generationen der Familie Meyer die Ortspartei geprägt.

Kurt Meyer und sein Sohn Markus beim Alterszentrum Spycher, das der Vater vor dreissig Jahren als Fürsorgedirektor einweihen konnte.
Kurt Meyer und sein Sohn Markus beim Alterszentrum Spycher, das der Vater vor dreissig Jahren als Fürsorgedirektor einweihen konnte.
Thomas Peter

Als wäre es gestern gewesen, erinnert sich Kurt Meyer an jenen Sonntagabend im November 1942, als plötzlich der spätere ­Gemeindepräsident Otto Zimmermann ans Fenster klopfte. «Fritz, du musst aufstehen», habe er nach seinem Vater gerufen, «wir haben die Mehrheit.»

Zwanzig Jahre sollten die Sozialdemokraten ab jenem Wahlsonntag die entscheidende Kraft bleiben in Roggwil. Und mit Fritz Meyer ihren ersten Gemeindepräsidenten überhaupt in der damals noch jungen Geschichte der Partei stellen.

Der Gründer

Es war mitten im Ersten Weltkrieg, als ebendieser Fritz Meyer, gemeinsam mit einem Dutzend Gleichgesinnter, am 21. November 1916 im Lindensaal die SP Roggwil gründete. Der Vater habe zwei Jahre zuvor sein Lehrerpatent gemacht und sei direkt im Anschluss in den Aktivdienst eingerückt, erinnert sich der heute 84-jährige Kurt Meyer.

Sicher ­habe auch der Militärdienst beigetragen zur Politisierung des jungen Lehrers. Aber ebenso habe das Lehrerseminar Hofwil als Brutstätte für neue Ideen gegolten. Wen verwunderts, dass zu den Gründern der SP Roggwil mit Hans Marti auch ein zweiter Lehrer gehörte? Doch auch ein Walter Schneeberger, Vater der heutigen Schneeberger Lineartechnik AG, war Gründungsmitglied der Roggwiler Sozialdemokratie.

Wie vielerorts in der Schweiz hatten sich auch im Textilarbeiterdorf bereits im 19. Jahrhundert verschiedene Organisationen gebildet, um für die Rechte der Arbeiter einzustehen. In der neuen Ortspartei hatten sie nun einen Vertreter auch auf kom­munalpolitischer Ebene gefunden. Das schlug sich 1918 in den ersten Proporzwahlen im Dorf nieder, bei denen die SP auf Anhieb vier der neun Gemeinderatssitze zugesprochen bekam.

«Es war oft sehr beeindruckend», erinnert sich Kurt Meyer zurück an die Grossaufmärsche der Arbeiterschaft an Partei- und Gemeindeversammlungen seiner Kindheit. Mit seinem Vater Fritz hatte die SP Roggwil schon in den 1920er-Jahren nun auch ihren ersten Vertreter im Grossen Rat, den er 1945/1946 gar präsidieren sollte.

Zwar waren die Sozialdemokraten im Gemeinderat vorerst weiterhin in der Unterzahl. Ihr Einfluss auf das Gemeindewesen aber stieg in jenen Zwischenkriegsjahren weiter an, wie einem Beitrag von Markus Zimmermann und Simon Kuert in der «Neuen Roggwiler Chronik» von 2006 zu entnehmen ist.

Die Arbeitslosigkeit war schweizweit gross, 1929 folgte mit dem Börsensturz in New York die Weltwirtschaftskrise. Die SP Roggwil setzte sich in dieser Zeit ein für Bauprojekte, die der Arbeitslosigkeit entgegenwirken sollten. Das Schwimmbad wurde gebaut und die Turnhalle Bündtenacker, Strassen und die Kanalisation.

Der Berufspolitiker

Mit zwanzig Jahren trat auch Kurt Meyer der SP bei. «Ich bin in einer roten Familie aufgewachsen», verweist er nicht nur auf den berühmten Vater, sondern auch auf seine Mutter, die Tochter eines Gewerkschaftssekretärs. Die Mutter sei es gewesen, die ihm die Geschichte der Französischen Revolution nähergebracht habe, «den Kampf um Gleichheit und Gerechtigkeit».

Schon früh sei für ihn klar gewesen: Er werde einmal Berufspolitiker. «Ich war der rote Meyer», erzählt er mit einem Lachen vom bürgerlichen Umfeld im Kirchenfeldgymnasium in Bern.

Nach dem Rückzug des Vaters aus der Politik – Fritz Meyer war nicht nur Gemeinderat und Grossrat geworden, sondern auch Nationalrat – rückte 1958 mit Sohn Kurt somit der nächste Vertreter der Familie in den Roggwiler Gemeinderat nach.

Und während der Vater zeit­lebens Lehrer geblieben war, machte der Sohn bald auch seine Ansage aus den Jugendjahren wahr: von 1966 bis 1976 Grossrat und von 1973 bis 1977 auch Nationalrat, wurde er 1976 zudem Regierungsrat. Während mehr als dreissig Jahren sollte damit nun Kurt Meyer die prägende Figur der SP Roggwil sein.

Mit dem sukzessiven Untergang der Textilwerke Gugelmann hatte die Ortspartei aber an Wählern verloren im Dorf. 1962 musste sie die Mehrheit im Gemeinderat abgeben. Auch das Gemeindepräsidium sollte nun für mehr als fünfzig Jahre in bürgerliche Hand übergehen, ehe mit Ma­rianne Burkhard vor zwei Jahren nun wieder eine Vertreterin der SP zum Gemeindeoberhaupt erkoren wurde.

«Nun galt es, sich neu auszurichten, aus der Minderheitsposition heraus Verbündete zu suchen und projektorientiert zu arbeiten», schreibt Kurt Meyer in der Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum der Ortspartei. In seiner Funktion als Fürsorgedirektor konnte Kurt Meyer 1986 das von ihm initiierte Alterszentrum Spycher einweihen. Nur einer von zahlreichen Meilensteinen in seiner langen politischen Laufbahn im Dienste der SP.

Der Unternehmer

Auch Markus Meyer erinnert sich noch gut an den Bau des Alterszentrums: Es war eine der ersten Baustellen, auf der er als junger Maurerlehrling gearbeitet hatte. Doch es sollte nicht lange dauern, bis die Altersversorgung auch den Politiker in ihm zu interessieren begann.

Wie zuvor schon der Vater und der Grossvater, übernahm er 1994 das Präsidium der SP Roggwil und vertrat diese for­tan im Gemeinderat, ehe er vier Jahre später, inzwischen Rechtsanwalt, als Dritter seiner Familie ebenfalls in den Grossen Rat gewählt wurde. Im Gegensatz zum Vater sei für ihn die Politik aber immer eine Nebenbeschäftigung gewesen, sagt der heute 50-Jäh­rige. Er sei in erster Linie Unternehmer.

Das Engagement auch auf kommunaler Ebene war deshalb nicht kleiner. 16 Jahre blieb Markus Meyer Gemeinderat, seit zwanzig Jahren präsidiert er die mit dem Alterszentrum eng verbundene Genossenschaft Alterswohnungen, und auch dem Vorstand der Ortspartei gehört er als Sekretär bis heute an.

Politik im Wandel

Blicken Vater und Sohn heute auf die vergangenen Jahrzehnte zurück, so tun sie dies freilich nicht ohne Stolz. Zahlreiche Projekte hat die SP in dieser Zeit vorantreiben und realisieren können. Unter der Initiative der heutigen Parteipräsidentin Yolanda Büschi wurde 2002 die Kindertagesstätte Roggwil gegründet mit Kurt Meyer als deren erstem Präsidenten.

«Ich war über siebzig, als wir das in Angriff nahmen, und hatte noch nie eine Kita von innen gesehen», sagt er und schmunzelt. Waren es einst die Anliegen der Textilarbeiter, für die sich die SP starkmachte im Dorf, so seien es heute unter anderem eben Fragen der familienergänzenden Kinderbetreuung oder das Wohnen im Alter.

Verändert hätten sich in den letzten Jahren aber nicht nur die gesellschaftlichen Gegebenheiten, sind sich Meyers einig. Auch die Politik an sich sei eine andere geworden. «Die Geschäfte sind komplexer», sagen sie einhellig, was es für den Laien schwieriger mache, sich einzuarbeiten und einen Entscheid zu fassen. Auch der Austausch mit der Bevölkerung sei ein anderer geworden, sagt Markus Meyer.

Als ganz junger Politiker habe er sie gerade noch erlebt, jene Informationsveranstaltungen, zu denen die Leute scharenweise pilgerten, um sich von Politikern und ­Behördenvertretern aus erster Hand über anstehende Geschäfte und aktuelle Entwicklungen informieren zu lassen. Heute würden sie sich diese Informationen aus dem Internet holen, den Versammlungen wohne in der Regel nur noch bei, wer ernsthaft etwas verändern wolle.

Bald die vierte Generation?

Wird zu jenen, die etwas bewirken wollen in Roggwil, bald auch eine vierte Generation der Familie Meyer gehören? Seine älteste Tochter werde bald 18 und habe die Ortspartei bereits gelegentlich bei Veranstaltungen wie der von der SP initiierten Talentshow unterstützt, sagt Markus Meyer.

Auch der Sohn zeige bereits sehr viel Interesse an der Politik, insbesondere an der Geschichte seines Urgrossvaters Fritz. «Er ist aber erst 13», relativiert Markus Meyer.

Er verlange sicher von keinem seiner drei Kinder, dass es denselben Weg einschlage wie der Vater, der Grossvater und der Urgrossvater. «Aber wenn sie sich um das Gemeinwohl kümmern, sich engagieren, so würde es mich sicher freuen.»

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