Der Meister der hymnischen Melodien

Hanery Ammans Songs waren Ohrwürmer, die sich nicht aufdrängten, aber hängen blieben. Zusammen mit der Band Rumpelstilz schrieb Amman Schweizer Musikgeschichte.

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Ein Bluesmann war er nicht. Wenn Hanspeter «Hanery» Amman auf seinem Piano eines seiner ausufernden Intros spielte, geriet sein Publikum ins Schwelgen und liess den grossen Gefühlen freien Lauf. Polo Hofer nannte ihn einmal den «Chopin des Oberlandes» und war überzeugt, dass Amman derjenige sei, der die neue Schweizer Nationalhymne schreiben müsse.

Hanery war ein Meister der Melodie, konnte aber auch jazzige und funkige Grooves liefern, die unweigerlich in die Beine fuhren. Seine Spezialität war das Spiel auf den schwarzen Tasten und als Songwriter hatte er ein Flair für Ohrwürmer, die sich nicht aufdrängten, sondern sich durch die Hintertür in die Gehörgänge Einlass verschafften, um dort umso länger zu verweilen.

Mit Polo aufgewachsen

Hanery Ammans Karriere war eng mit derjenigen des sieben Jahre älteren Polo Hofer verbunden, als dessen zeitweiliger Nachbar er in Interlaken aufgewachsen war. 1971 gründeten die beiden mit weiteren talentierten Oberländer Musikern die Band Rumpelstilz. Die Kombination von Hofers an Bob Dylan geschulten Mundarttexten, den poppig inspirierten Songs von Amman und den Grooves der Stilze fuhr mächtig ein – nicht nur den kiffenden Hippies, an die sich Rumpelstilz ursprünglich gewendet hatten.

«Teddybär» aus der Feder von Amman war der erste Flirt mit dem Kommerz und landete in den Top Ten der Schweizer Hitparade, weitere Hits folgten. Bald waren Rumpelstilz mit ihrem Mundartrock die erfolgreichste Schweizer Band und erreichten mit «D’ Rosmarie und i» auch ihren künstlerischen Zenit.

In diesem sechseinhalbminütigen Epos war das Piano-Intro schon der Höhepunkt, und bewusst liess Amman den Song im Refrain in sich zusammenbrechen, statt dort die ekstatische Klimax zu setzen. «D’ Rosmarie» war die Hymne der Hippiegeneration. «Gute Songs verkörpern immer ein Stück Zeitgeschichte, erfassen das, was nebenher noch gelaufen ist», sagte Amman später.

Zwei Alben in 40 Jahren

Wie so manche Band zerbrachen Rumpelstilz an ihrem eigenen Erfolg. Es gab Krach ums Geld, um die musikalische Ausrichtung und um die nächsten Karriereschritte. Hofer gründete mit Polo’s Schmetterding eine währschafte Mundart-Rock’n’Roll-Truppe, Amman versuchte es fortan als Leader seiner eigenen Band. Er übernahm das Gesangsmikro und begann englische Songs zu schreiben. 1980 erschien sein Erstlingsalbum «Burning Fire», das wiederum ein paar Ohrwürmer enthielt, aber ein Insidertipp blieb.

Als Bandleader wie als Komponist war Amman kein pflegeleichter Typ. Seine Nachtaktivität war legendär, die Sessions im Übungsraum oder im eigenen Studio begannen oft erst zu fortgeschrittener Stunde. Und da war Hanerys Hang zum Perfektionismus, seine Mühe, loszulassen. Ganze 20 Jahre dauerte es, bis er sein zweites Album «Solitaire» veröffentlichte, diesmal in Mundart und mit dem eindringlichen Song «Chasch mers gloube», der viel Airplay erhielt.

In der Zwischenzeit hatte sich wieder Polo Hofer eingeschaltet. Er hatte 1985 zu einem Demo des englischen Amman-Songs «Kentucky Rose» ungefragt einen Mundarttext geschrieben und ihn mit seiner Schmetterband veröffentlicht: «Alperose» war für Beide ihr grösster Erfolg – nicht nur in finanzieller Hinsicht. Amman haderte vorest mit dem unverhofften Segen, doch (viel) später taufte er seine Band auf «Alperose Band» um.

Mit Hofer blieb Amman in einer nicht immer einfachen Beziehung verbunden. 1989 starteten Rumpelstilz vom «Anker» Interlaken aus, wo Hanerys Schwester Jeannette wirtet und Hanery auch wohnte, ein erfolgreiches Comeback. Später trafen sich Hofer und Amman in der «Super Plauschband» Alpinistos wieder. 2009 erhielten die beiden Schweizer Poppioniere von ihrer Geburtsstadt eine für die Schweiz bislang einzigartige Ehrung: In Interlaken gibt es nun den «Amman Hofer Platz».

Der Krankheit getrotzt

Es entbehrt nicht der Tragik, dass die einstigen Jugendfreunde Amman und Hofer nun innerhalb so kurzer Zeit der gleichen Krankheit, dem Lungenkrebs, zum Opfer gefallen sind. Als Hofer diesen Sommer starb, hatte Amman sich noch «irritiert» gezeigt. Er selber schien seine Krankheit, die bereits vor zehn Jahren diagnostiziert worden war, im Griff zu haben.

Er war wieder auf Tour und spielte zusammen mit seinem «Songmate» Adrian Stern fürs Fernsehen den Song «Du & I gäge Räscht vor Wält» ein. Doch dann kehrte der Krebs zurück und forderte seinen Tribut. Bis zum Schluss hatte Amman ihm zu trotzen versucht und an einem Instrumentalalbum gearbeitet, das er zum Teil schon an Konzerten auszugsweise vorstellte. Da war sie wieder, diese hymnische Schönheit, die manche Kompositionen Ammans auszeichnet.

Es bleibt zu hoffen, dass wir diese Aufnahmen doch noch zu hören bekommen, auch wenn es nun posthum wäre. Bis dahin müssen die Songs aus Hanery Ammans langer Schaffenszeit über den Tod des einzigartigen Oberländer Musikers hinwegtrösten, etwa ein Instrumental, das er 1978 mit Rumpelstilz für einen Filmsoundtrack eingespielt hatte. Sein Titel: «Tristessa». (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.12.2017, 17:39 Uhr

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