Rendez-vous mit der «schönen Braunen»

Martin Wirz aus Thun durfte im Führerstand der schönen braunen Lokomotive mitfahren. Ein emotionaler Tag für den 63-Jährigen. In vielerlei Hinsicht.

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Es ist 4 Uhr, an einem Samstagmorgen im Dezember. Im Haus von Martin Wirz an der Länggasse in Thun brennen die Lichter. Der «Forum»-Leser ist bereits hellwach. «Ich hatte eine kurze Nacht, konnte kaum schlafen, war nervös, aufgeregt», sagt er.

Der Grund: Für den Thuner geht heute «einer meiner insgeheim grössten Wünsche» in Erfüllung. Noch einmal darf der 63-Jährige in einem Führerstand mitfahren. Nicht auf irgendeiner Strecke. Nicht mit irgendeiner Lokomo­tive. Und auch nicht mit irgend­einer Begleitperson. Doch der Reihe nach.

Eine Herzensangelegenheit

In einer emotionalen Mail an die Redaktion dieser Zeitung erzählt Martin Wirz, weshalb und wann er vom BLS-Virus befallen wurde. «Ich bin in Brig aufgewachsen, mein erster Schulfreund in der ersten Klasse war der Sohn des Bahnhofsvorstands von Lalden, das an der BLS-Strecke Brig–Thun liegt.»

So habe er 1964 auch hautnah die Inbetriebnahme der heute legendären Re-4/4-Lokomotive erlebt. Und dank Beziehungen seines mittlerweile verstorbenen Vaters kam er in den Besitz eines Ausweises, der ihn während einiger Jahre zum Zutritt in den Führerstand berechtigte.

«Ich durfte viele Male an der Spitze eines schweren Zuges über den Lötschberg fahren. Welch ein Erlebnis!» Seither sind fast 50 Jahre verstrichen. Geblieben ist das BLS-Virus – und die Liebe zur legendären Lokomotive, die heute unter dem Namen Re 425 auf dem Schweizer Schienennetz unterwegs ist. «Wie gerne wäre ich noch einmal mit der ‹schönen Braunen› über den Berg gefahren», sinniert er am Ende seiner Mail.

Weihnachten, Geburtstag . . .

Wir kontaktieren die BLS, welche sich dazu bereit erklärt, den Wunsch zu erfüllen. Martin Wirz darf im Führerstand von Domodossola nach Spiez fahren. Als er davon erfährt, sitzt der Rentner gerade...in einem Zug. Er ringt um Worte. «Ich bin gerührt», sagt er mit zittriger Stimme.

Damit der Lokführer während der Fahrt ungestört seiner Arbeit nachgehen kann, wird Martin Wirz – wie das bei Führerstandsfahrten üblich ist – ein pensionierter Lokführer als Begleitperson zur Seite gestellt.

Der Zufall will es, dass Hanspeter Bratschi, der Schulfreund von anno dazumal, diese Aufgabe übernimmt. «Kennen Sie das Gefühl, Geburtstag, Ostern und Weihnachten gleichzeitig zu erleben? So geht es mir im Moment», sagt Martin Wirz , als ihm mitgeteilt wird, wer seine Begleitperson ist.

Es ist 6 Uhr, als sich die ehe­maligen Schulfreunde («Aus unerklärlichen Gründen haben wir uns aus den Augen verloren») am Bahnhof in Spiez treffen. Auf der Fahrt im modernen «Lötschberger» schwelgen die beiden in ­Erinnerungen. Und in Domodossola angekommen, fahren sie mit dem Taxi zum Güterbahnhof, wo sie von Lokführer Thomas Schrag in Empfang genommen werden.

«Schampar interessant»

Ja, und dann steht sie da, die «schöne Braune». Die Nummer 177, mit dem Namen Zweisimmen. 80 Tonnen schwer, 6000 PS stark. Mit dem «Forum»-Leser an Bord wird sie Autos vom Tessin ins Berner Oberland transportieren.

Es ist kurz nach 9 Uhr, es schneit und hat Nebel, als sich der 402 Meter lange und über 500 Tonnen schwere Güterzug in ­Bewegung setzt. Der «Trainspotter», wie sich Martin Wirz auf ­seiner Visitenkarte nennt, zückt immer wieder die Kamera. So, wie er das an diesem Tag noch gefühlte tausend Mal tun wird.

«Die Stimmung und das Licht waren zauberhaft bei der Abfahrt», sagt er später. Auf der Fahrt durch den Simplon erzählt Hanspeter Bratschi die eine oder andere Anekdote und steht seinem Schulfreund Red und Antwort.

Er, der vor ­seiner Pensionierung 37½ Jahre bei der BLS als Lokführer angestellt war, hat so einiges zu erzählen. Und obwohl auch Wirz über ein grosses Bahnwissen verfügt, sagt er: «Das war schampar interessant.»

Unbeschreibliche Emotionen

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Brig geht die Fahrt – via Lalden – weiter nach Goppenstein. Nicht durch den modernen Lötschberg-Basistunnel, sondern auf der klassischen Strecke über den Berg. Von 678 auf 1217 Meter über Meer, ehe es durch den fast 15 Kilometer langen alten Lötschbergtunnel geht.

Es ist 10.30 Uhr, als der Zug Kandersteg erreicht. «Und plötzlich schien die Sonne, öffnete sich die Wolkendecke», schwärmt Martin Wirz. Eine gute halbe Stunde später fährt der Güterzug im Bahnhof Spiez auf einem Nebengleis ein. Der «Forum»-Leser hat feuchte Augen, als er den Führerstand verlässt.

«Für mich war diese Fahrt ein Erlebnis, wozu mir die Worte fehlen, um meine Freude und meine Gefühle ausdrücken zu können», sagt er. Und er hoffe, dass es nicht wieder 50 Jahre gehe, bis er seinen Jugendfreund Hanspeter Bratschi wieder einmal sehe, um mit ihm über die geschichtsträchtige und wohl schönste Alpenbahn fachsimpeln zu können.

Es ist 13 Uhr, als Manfred Wirz wieder zu Hause an der Länggasse in Thun ist. Glücklich. Müde. Schlafen wird er heute Nacht gut.

Berner Zeitung

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