Wer waren die vermummten Angreifer nach dem Berner Derby?

Nach dem Berner Fussballderby Thun gegen YB vom 25. Mai 2016 randalierten mehrere Fans. Seit Montag haben sich sieben Thun-Anhänger vor Gericht zu verantworten. Sie sollen ein Polizeiauto mit Steinen beworfen haben.

Schmiererei am Bahnhof Thun nach dem Derby vom 25.05.2016.

Schmiererei am Bahnhof Thun nach dem Derby vom 25.05.2016. Bild: Leserreporter

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Die drei Frauen und vier Männer sind zwischen 20- und 27-jährig. Sie sind Transportfachmann, ­angehender Landschaftsgärtner oder Sachbearbeiterin Treuhand. Sie haben aber auch Gemeinsamkeiten: So waren sie mit einer Ausnahme alle am Berner Fussballderby Thun gegen YB vom 25. Mai 2016 in der Stockhorn-Arena – und zwar im Heimsektor.

Alle waren zumindest in der Nähe, als nach dem Spiel ein Polizeiauto mit Steinen beworfen wurde. Alle wurden kurz darauf von der Polizei angehalten und ­stehen dieser Tage vor Gericht. Und alle beteuern ihre Unschuld, nachdem sie bei der ersten Einvernahme noch allesamt die Aussage verweigert hatten.

Sprache wiedergefunden

Am Montag gaben sie sich nun aber redselig. Sie beantworteten artig die Fragen von Gerichtspräsidentin Natalie Fritz. Sie seien eingeschüchtert gewesen, hätten teilweise schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht, erklärten sie ihr anfängliches Schweigen. «Ich habe aber nichts zu verbergen», sagte einer der Angeklagten. «Ich bin unschuldig – wie wir alle hier.»

Er erläuterte, wie sich der Abend im Mai 2016 aus seiner Sicht zugetragen hatte. Dabei stützte er sich auf seine handgeschriebenen Notizen. Man habe sich am Spiel getroffen – mehr oder weniger zufällig.

Nach Abpfiff sei man um ca. 23 Uhr zu sechst mit dem Bus zum Bahnhof gefahren, um dort einen Bekannten – den siebten Angeklagten – zu treffen. Diesem war wegen eines verhängten Stadionverbots der Matchbesuch nicht möglich.

Gemeinsam sei die Gruppe Richtung Scherzligschleuse gelaufen. Unterwegs habe eine der Frauen versucht, den Bekannten telefonisch zu erreichen. Sie hätten in diesem Moment ein Polizeiauto bemerkt, sich aber nichts weiter dabei gedacht. «Wir liefen weiter und sind kurz darauf auf den Bekannten getroffen», gab der Mann weiter zu Protokoll.

Wie aus dem Nichts sei dann eine Horde Vermummter aus der Nacht aufgetaucht und Richtung Polizeiauto gesprintet. Im ersten Moment habe er befürchtet, sie würden von YB-Fans angegriffen. Als er merkte, um was es ging, schlug er vor, das Weite zu suchen. «Wir wollten nichts mit der Sache zu tun haben.»

Die Gruppe sei daraufhin gemächlich zum Maulbeerkreisel gelaufen, von Hektik sei keine Spur gewesen. «Wir haben gehört, dass es scheppert.» Kurz darauf seien sie von einem Teil der Vermummten überholt worden, die sich aus dem Staub machen wollten. «Sie liefen in die Innenstadt.»

Dann ging alles schnell. Innert Sekunden waren rund 20 Polizisten vor Ort. Sie kesselten die sieben Matchbesucher ein. «Sie hatten es auf uns abgesehen», sagte der Mann. Es sei eine «völlig willkürliche Aktion» gewesen. Für ihn sei es bis heute ein Rätsel, wieso die Ordnungshüter die Vermummten nicht gesehen haben wollten.

Zufall – oder doch nicht?

Ebenfalls nicht erklären konnte er sich die Tatsache, dass die beiden attackierten Polizisten, die den Angriff übrigens unverletzt überstanden, die Gruppe ziemlich genau identifizieren konnten. So seien die drei Frauen und die drei Männer an ihnen vorbeigelaufen. Kurz darauf seien die Frauen zurückgekehrt.

«Ich hatte den Eindruck, dass sie uns im Auge behalten wollten», hat einer der Polizisten im Einsatzbericht festgehalten. «Das ist wohl ein blöder Zufall», sagte der Angeklagte dazu. Es sei ja durchaus denkbar, dass sich noch andere Leute rund um den Bahnhof aufgehalten hätten.

Heute wird Gerichtspräsidentin Fritz die letzten beiden An­geklagten einvernehmen. Dass einer von ihnen eine völlig andere Version erzählen wird, ist angesichts der Vorgeschichte unwahrscheinlich. Von einer Absprache wollte einer der Männer aber nichts wissen. «Wir mussten nichts absprechen, sondern alle nur die Wahrheit sagen.» (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 08.01.2018, 22:48 Uhr

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