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Chinesische Kunst von heute

Vier namhafte chinesische Kunstschaffende haben Werke im Spannungsfeld zwischen Ost und West gestaltet. Zu sehen sind diese im Kunsthaus.

Die vier Kunstschaffenden vor der Plakatwand von Qiu Jie (v.l.): Qiu Jie, Luo Mingjun, Liu Guangyun und Tang Nannan.
Die vier Kunstschaffenden vor der Plakatwand von Qiu Jie (v.l.): Qiu Jie, Luo Mingjun, Liu Guangyun und Tang Nannan.
Monika Hartig

«Es ist sehr schwierig, eine Ausstellung mit China zu organisieren, allein schon wegen des weiten Wegs. Und es gab grosse Probleme mit der Übermittlung von Bildern am PC», sagte Kurator Heinz Häsler. Am Samstag fand im Kunsthaus Interlaken die Vernissage der Ausstellung «Chinese Art Today» statt.

Häsler «Die Ausstellung setzt bewusst einen Kontrapunkt zu 2018, wo wir chinesische Tuschmalerei präsentierten – unproblematisch und schön. Diesmal zeigen wir etwas ganz anderes.»

Chinesische Avantgarde

Häsler stellte dem Publikum vor: die Künstlerin Luo Mingjun und die drei Künstler Liu Guangyun, Qiu Jie und Tang Nannan. Alle vier Kunstschaffenden sind Teil einer chinesischen Avantgarde, die sich westlicher Kunst geöffnet hat, ohne dabei ihre Wurzeln und ihre Kultur zu vergessen.

Die Existenz der Künstler im Spannungsfeld zwischen Ost und West prägt ihre Werke. Zentral sind dabei Fragen nach der Identität, der Herkunft, der Gegenwart und dem Wohin. Häsler: «Es sind sehr bekannte Künstler, die in grossen Museen ausgestellt haben. Wir freuen uns sehr, sie hier zu haben.»

Gegenwartskunst chinesischen Ursprungs ist in neuerer Zeit weltweit stark präsent in Museen sowie Galerien und erzielt hohe Preise. «Die Präsentation der zum Teil auch politischen Arbeiten ist besonders am Touristenort Interlaken, der jährlich von Tausenden Gästen aus China besucht wird, speziell und passend», so der Flyer

Alle vier ausstellenden Künstler wurden in China geboren und ausgebildet. «Drei der vier Kunstschaffenden leben heute ganz oder teilweise in der Schweiz oder in Deutschland. Das ermöglicht ihnen, ihren eigenen Kulturkreis mit neuen Augen zu sehen», so die Kunsthistorikerin und China-Wissenschaftlerin Barbara Ruf.

Menschen mit Katzenköpfen

So etwa Qiu Jie (58), der seit 1989 in Genf lebt und arbeitet. Er sagt von sich: «Ich bin ein Romantiker, ein nostalgischer und gegenständlicher Künstler.» In einer grossen Wandinstallation zeigt Qiu Jie Propagandaposter mit chinesischen Alltagssituationen, lebensnah und virtuos gezeichnet.

«Ich habe seit meiner Jugend in China immer mit Bleistift gezeichnet – für anderes Material war kein Geld da.» In Qiu Jies Bildern kommen oft Katzen oder Katzenköpfe auf Menschenkörpern vor. Qui Jie: «Auf Chinesisch heisst Katze Mao und wird ausgesprochen wie der Name des früheren Staatspräsidenten Mao Zedong. Ich finde dieses Wortspiel lustig.»

Künstler Qiu Jie hat das Bild «Massage» 2013 mit Bleistift auf Papier gemalt. Bild: PD
Künstler Qiu Jie hat das Bild «Massage» 2013 mit Bleistift auf Papier gemalt. Bild: PD

«Weder hier noch dort»

Künstlerin Luo Mingjun (56) lebt und arbeitet in Biel und China. An der Vernissage wurde der Film «Elsewhere» über ihre chinesische Heimat vorgeführt. Kunsthistorikerin Ruf: «Luo zeigt in ihren Arbeiten Orte aus der Vergangenheit, die ihr fremd geworden sind.

Hier wird der rasante Wandel Chinas deutlich spürbar. ‹Elsewhere› ist ein Ort – weder hier noch dort.» An das Gefühl der Ortslosigkeit knüpften auch die grossflächigen Papierarbeiten Luos in Schwarzweiss an, sagt Barbara Ruf. So hat Luo Mingjun etwa mit «Olivenzweige» den Flyerumschlag in Kohle auf Papier gestaltet.

Menschen am Wasser

Tang Nannan (50) ist der einzige der vier Künstler, der noch in China lebt und arbeitet. So setzt etwa seine Fotoserie «Beach» in Schwarzweiss Menschen am und im Meer ins Zentrum. Auch ein Video von riesigen Meereswellen «Billennium Waves» zeigt der Künstler. Kunsthistorikerin Ruf: «Hier passt das chinesische Sprichwort ‹Vor der Weite des Meeres die eigene Bedeutungslosigkeit spüren›.»

Bedrucktes Blech

Liu Guangyun (57) lebt und arbeitet in Mainz und Shanghai. Er präsentiert aus seiner Serie «Sectional Targets» etwa einen riesigen Totenkopf, gedruckt auf durchschossenes Blech. Auf dem Boden vor dem Bild sind weisse Perlen verstreut.

Weiter zeigt der Künstler eine Installation mit einem durchschossenen Wörterbuch und dazu ein Video; ein Licht wirft Schatten auf das Nachschlagewerk. Barbara Ruf: «Liu Guang­yuns Arbeiten versinnbildlichen den interkulturellen Diskurs. Der Künstler versucht damit, sich von den Schatten der Vergangenheit und der Gegenwart zu befreien.»

Ruf beglückwünschte die Veranstalter zu der facettenreichen Ausstellung: «Geschichten aus Ost und West werden miteinander verwoben. Themen wie Herkunft oder Identität zeigen die Gemeinsamkeiten der beiden Kulturen.»

Chinese Art Today: im Kunsthaus Interlaken bis 19. Mai. Jeweils ­Mittwoch bis Samstag von 15 bis18 Uhr und am Sonntag von 11 bis 17 Uhr. (Montag, Dienstag sowie Karfreitag, 19. April, geschlossen).

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