Der Gletschersee soll baulich gezähmt werden

Lenk/Plaine Morte

Zur Verhinderung künftiger Hochwasser nach Gletscherseeausbrüchen geht die Lenk in die Offensive: Sie lässt einen 800 Meter langen Mikrotunnel ins Eis bohren, der vom ausbruchfreudigen Favergesee bis zu einer Gletschermühle reicht.

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2014 waren es innert weniger Stunden zweieinhalb Millionen Kubikmeter Schmelzwasser. Und Ende August letzten Jahres ereignete sich der siebte und grösste Gletscherseeausbruch mit bis zu 90 Kubikmeter Wasser pro Sekunde: Die Erfahrung der Schwellenkorporation Lenk zeigt, dass kritische Entwicklungen der spontanen Entleerung des Favergesees auf dem Plaine-Morte-Gletscher jeweils bei einem Seevolumen über 1 Million Kubikmeter auftreten. Dabei hat sich der See bisher immer durch Höhlensysteme mehr oder weniger schlagartig entleert.

Ein Kanal durch das Eis

Jetzt haben die Experten herausgefunden, dass eine sehr flache, etwa einen Kilometer breite und 10 bis 13 Meter hohe Eisbarriere den Auslauf des Wassers aus dem Gletschersee verhindert.

Zur Entschärfung der Situation war zunächst eine Projektidee seitens Gemeinde Crans-Montana angedacht, welche den See mittels Abpumpen des Wassers gegen Süden auf tiefem Niveau halten sollte, denn das abgepumpte Wasser wäre auf der Walliser Seite willkommen gewesen. Infolge der im vergangenen Winter schwierigen Bedingungen zur Verlegung der Stromleitung bis zu den Pumpaggregaten musste das Projekt aber sistiert werden.

Die Fachleute halten im kommenden Sommer einen ähnlichen Ausbruch wie am 27. Juli 2018 für wahrscheinlich. Hingegen weniger, dass das Entwässerungssystem nach dem Ausbruch im letzten Jahr noch intakt ist und sich der See nicht wieder füllt. Die am Infoabend vom 21. Januar angekündigte Expertengruppe für Glaziologie hat deshalb untersucht, ob und wie dieses subglaziale Abflusssystem genutzt und reaktiviert werden könnte.

In Zusammenarbeit mit mehreren Unternehmern konnte nun eine Lösung gefunden werden: Es ist die Kombination zwischen einem Graben und einem Mikrotunnel. Durch einen unterirdischen, 800 Meter langen Kanal von 40 Zentimeter Durchmesser soll das Wasser durch die Eisbarriere geführt und 1300 Meter weiter westlich in die markante Gletschermühle abgeleitet werden; Letztere dient quasi als Auffangbecken.

Die Kosten dieser baulichen Massnahmen belaufen sich auf rund zwei Millionen Franken. «Wir haben von Bund und Kanton zusammen schon mal eine Beteiligungszusicherung von 66 Prozent erhalten», sagt Peter Zeller. Der Präsident der Schwellenkorporation Lenk gibt zudem der Hoffnung Ausdruck, dass sich vielleicht auch die eine oder andere Nachbargemeinde an den Kosten beteiligen möge, «denn der Nutzen dieser Hochwasserschutzmassnahme ist ja für das ganze Simmental».

Bereits am kommenden Montag beginnen die Bauarbeiten mit der Anfahrt von zwei je 13 Tonnen schweren Menzi-Muck-Baggern via Crans-Montana bis hin zum am südöstlich des Plateaugletschers liegenden Favergesee.

In der Folge wird die spezialisierte Oberaargauer Mikrotunnel AG das 800 Meter lange Loch ins Innere des Gletschers bohren. Die übrigen Bauarbeiten werden vom Lenker Bauunternehmen Alain Grossenbacher ausgeführt, das beim Bauen am und auf dem Gletscher bereits über reichlich Erfahrung verfügt.

«Wir rechnen damit, dass das fliessende Wasser, welches Richtung Moulin strömen wird, durch seine höhere Temperatur den Kanal nach und nach zum Schmelzen bringt und somit ausweitet», zeigt sich Schwellenkorporationspräsident Peter Zeller optimistisch. Von der Gletschermühle aus soll ein oberflächlicher Kanal das Wasser dann zum Retzligletscher und von dort Richtung Simmenfälle weiterleiten.

Erneuter Informationsabend

Am Freitag, 3. Mai, findet in der Mehrzweckhalle Lenk ab 20 Uhr eine Informationsveranstaltung zu den Notmassnahmen am Gletschersee statt.

Berner Oberländer

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