Gstaad Menuhin Festival

Der Thunersee als Quell der Inspiration für Johannes Brahms

Gstaad Menuhin Festival In Saanen und Zweisimmen widmen sich drei Konzerte und eine Lesung Johannes Brahms. Der deutsche Komponist verbrachte in den späten 1880er-Jahren drei Sommer am Thunersee, dessen Schönheit ihn inspirierte.

Rachel Harnisch singt im «Deutschen Requiem» von Brahms am 12. August in der Kirche Saanen.

Rachel Harnisch singt im «Deutschen Requiem» von Brahms am 12. August in der Kirche Saanen. Bild: pd / R. Ruis

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«Ein Spätsommertag war’s. Die Nachmittagssonne stand vor ihrem Untergange und strahlte golden über die Wasser und durch die geöffneten Fenster zu uns herein», schreibt Brahms Biograf Max Kalbeck über die Liebe des Komponisten zur Thunersee-Region: «Die Blumengehänge, die über die Ufer des Sees herabfielen, wurden zu neuen glutvollen Farben erweckt und sandten ihren Duft herüber.»

In Hofstetten hatte er ein ganzes Stockwerk im Hause eines Tischlermeisters gemietet, eine geräumige Dreizimmerwohnung, deren Fenster und grosse Veranda einen traumhaften Ausblick ­boten. Seinem Verleger Fritz Simrock berichtete er: «Ich glaube, es ist die schönste Wohnung, die ich je hatte, und ich bin sehr froh, mich zur Reise hierher entschlossen zu haben.»

Thuner Uraufführungenim kleinen Kreis

Als der rauschebärtige Komponist 1886 seinen «Kammer­musiksommer» am Thunersee verbrachte (2. Cello- und 2. Violinsonate sowie das c-Moll-Klaviertrio, Opera 99, 100 und 101), erreichte ihn die Nachricht, die Altistin Hermine Spies werde ihn besuchen. Sofort begann er zwei neue Lieder zu komponieren, die er wie zufällig aufs Klavier platzierte, dass Hermine nicht habe widerstehen können. Sie sang die beiden neuen, noch ungedruckten Lieder, die auf dem Notenpult des Flügels lagen, berichtet Biograf Kalbeck: «Immer leiser wird mein Schlummer» und «Wie Melodien zieht es». Brahms begleitete auf dem Klavier.

Inspiriert von seiner Reise nach Budapest entstanden in Brahms’ Thuner Sommer 1887/1888 die «Zigeunerlieder» op. 103. Angeregt durch einen «Budapester Winterausflug» machte sich dann Brahms daran, die Stücke neu zu bearbeiten. Der Intendant des Gstaad Menuhin Festival, Christoph Müller, weist in einem Gespräch auf Brahms’ Kompetenz hin: «Seit seiner Jugend war er ein Spezialist im ungarischen Genre und gehörte in Wien zu den Stammgästen der Zigeunerkapellen im Prater. Seine musikalische Fassung der ‹Zigeunerlieder› kann also in hohem Mass Authentizität beanspruchen!»

Thun weckte Johannes Brahms’ Kreativität

Egal ob am See oder mitten in den Bergen – die Sommer in Thun verbrachte Brahms am liebsten auf dem Land. Stundenlang ging er spazieren und schaffte Platz für neue Ideen. Umgeben von Wiesen und Bergen und mit Blick auf den Thunersee entstand die dritte und letzte Sonate für Violine und Klavier (13. August).

Weit weg von Wien schien Brahms in Thun nicht nur Kraft zu sammeln, sondern auch seine kreativsten Wochen des Jahres zu verbringen. Bis zur Veröffentlichung der Violinsonate d-Moll vergingen zwei Jahre. Die Uraufführung fand in der Weihnachtszeit 1888 in Budapest statt. Er selbst übernahm darin den Part des Pianisten, Violinist war Jenö Hubay, einer der führenden Geiger Ungarns.

Die epochale Trauermusik

am Festival

Das Ensemble Vocal de Lausanne konzertiert am Festival (12. August) mit «Ein deutsches Requiem» op. 45, das zwar nicht in Thun geboren wurde. Doch als das Werk am Karfreitag des Jahres 1868 im Bremer Dom uraufgeführt wurde, war Johannes Brahms 35 Jahre alt und feierte einen bahnbrechenden Erfolg. Mit dem Gedanken, eine Trauermusik zu komponieren, trug sich Brahms bereits seit 1859.

In dieser Zeit trauerte er um seinen väterlichen Freund und Mentor Robert Schumann, der nach «schwerer Geisteskrankheit» 1856 in Bonn verstarb. Schumann verkörperte für Brahms das Bild des genialen Künstlers. Doch erst der Tod seiner Mutter im Jahre 1865 wurde zum Auslöser für die Komposition dieses unsterblichen Werks. Brahms’ sehr eigenständige, evangelisch-lutherische Auffassung der lateinischen Totenmesse, die Hinwendung des «Deutschen Requiems» an die Trauernden, ist so durch eigene Verlusterfahrungen geprägt.

Intendant Christoph Müller hebt hervor: «Nicht zuletzt der Blick des Komponisten über konfessionelle Grenzen hinaus auf den Ernst der letzten Dinge, auf das menschlich Wesentliche, hat bewirkt, dass das «Deutsche Requiem» seinen Weg in die Herzen der Menschen gefunden hat und einen festen Platz in unserer Musikkultur einnimmt.»

Als Abschluss, oder, wie im Programm bezeichnet, als i-Tüpfelchen, werden die Schauspielerin Hannelore Elsner und der Schauspieler Stefan Gubser am Gstaad Menuhin Festival (30. August) aus dem Briefwechsel zwischen Clara Schumann und Johannes Brahms lesen. Die innige Verehrung von Clara verhinderte nicht zuletzt, dass der Komponist eine Familie gründete. Statt mit der angebeteten Frau war Brahms mit seiner Musik verheiratet – das macht zumindest seine Nachwelt glücklich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.08.2018, 20:32 Uhr

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Die drei Konzerte (teils mit Lesung) finden wie folgt statt:
Sonntag, 12. August, 18 Uhr, Kirche Saanen: Chorkonzert. «Ein deutsches Requiem» – Brahms in den Alpen: Thuner Werke Integral II. Mit Rachel Harnisch, Sopran; Thomas E. Bauer, Bariton; Ensemble Vocal de Lausanne; Céline Monnier, Pierre-François Roubaty, Klavier; Daniel Reuss, Leitung.
Montag, 13. August, 19.30 Uhr, Kirche Zweisimmen: Kammermusikfest Gstaad. Brahms in den Alpen: Thuner Werke Inte­gral III: «Frühlingssonate» mit Patricia Kopatchinskaja (Violine) und Polina Leschenko (Klavier).
Donnerstag, 30. August, 19.30 Uhr, Kirche Zweisimmen: Kammermusikfest Gstaad. Brahms in den Alpen: Thuner Werke Inte­gral IV: Menuhin’s Heritage Artist VI Christel Lee, Violine, und Andrei Ionita, Violoncello; Sebastian Knauer, Klavier; Hannelore Elsner, Schauspielerin; Stefan Gubser, Schauspieler. (cbs)

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