Die Invalidenversicherung unter den Musikinstrumenten

Oberhofen

Im Museum für Uhren und mechanische Musikinstrumente darf ab Sonntag wieder in eine Zeit abgetaucht werden, in der Drehorgeln zentral für den Lebensunterhaltwaren und Uhren noch nicht Smartwatches hiessen.

Einige der ausgestellten Uhren im Museum für Uhren und mechanische Musikinstrumente aus der Sammlung von Hanspeter Wehrli.

Einige der ausgestellten Uhren im Museum für Uhren und mechanische Musikinstrumente aus der Sammlung von Hanspeter Wehrli.

(Bild: Damaris Oesch)

«Hanspeter Wehrli hatte ein Einfamilienhaus voller Uhren», erinnert sich Martin Tschabold mit einem Schmunzeln. Von den insgesamt 91 Uhren des Sammlers stellt das Museum für Uhren und mechanische Musikinstrumente (Mumm) 47 in den Räumen des Wichterheerguts Oberhofen aus.

Diese Schätze aus seinem Nachlass hatte der leidenschaftliche Uhrensammler Wehrli per Legat der Stiftung Mumm vermacht. Um die wertvollen Gewichtsuhren im Museum unterbringen zu können, wurde während der Winterpause ein Lagerraum umgebaut.

Dort können Besucherinnen und Besucher ab dem nächsten Sonntag die Uhren aus der Zeit von etwa 1680 bis 1920 bestaunen. Um 11 Uhr eröffnet das Mumm-Team rund um Präsident Tschabold die Saison.

Martin Tschabold, Präsident der Stiftung Mumm, zeigt einen Sekretär mit einem eingebauten Flötenwerk. Bild: Damaris Oesch

Berühmte Swatch-Uhr

Diese 47 Uhren sind bei weitem nicht die einzigen, die im historischen Gebäude in Oberhofen ausgestellt sind. Das Mumm dokumentiert die 300-jährige Geschichte der Uhrmacherei; von der kleinen Uhr auf dem Spazierstock bis hin zur modernen Bahnhofuhr wird alles abgedeckt.

Auch berühmte Zeitmessgeräte haben den Weg nach Oberhofen gefunden: Die Swatch-Uhr, die der bekannte Schweizer Astronaut Claude Nicollier bei seiner Weltraummission 1999 trug, hat einen Ehrenplatz im Museum.

Erlebnisse im Museum

Das kleine Museum beherbergt aber nicht nur Uhren, sondern auch Musikinstrumente, genauer gesagt mechanische Musikinstrumente. «Der Antrieb ist bei einer Uhr und einer Musikdose gleich», erklärt Martin Tschabold die Gemeinsamkeiten der beiden Hauptausstellungsgegenstände seines Museums.

Die Sammlung umfasst etwa 100 mechanische Musikinstrumente aus drei Jahrhunderten: Von der kleinen Musikdose in einer Uhr bis hin zum grossen Orchestrion, das Museum bietet die gesamte Palette an und führt die Objekte liebend gern vor.

«Wir wollen ein Erlebnismuseum sein», formuliert Tschabold das Anliegen der rund 60 freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Manch ein Besucher habe schon gestaunt, als sich die Tasten des (mechanischen) Klaviers wie von Geisterhand bewegten oder als man sich ob des Klangs des Orchestrions in einem Ballsaal des vergangenen Jahrhunderts wähnte.

Drehorgeln aus Berlin

Was Technik möglich macht, zeigt auch die Geschichte des Giovanni Battista Bacigalupo. Der italienische Einwanderer machte sich und seiner Familie in Berlin einen Namen als bekannteste Drehorgelbauer.

«Eine Bacigalupo ist der Rolls-Royce unter den Drehorgeln», erklärt Ueli Weber, Mitarbeiter im Museum. Diesem Familienunternehmen ist während einer weiteren Saison die Sonderausstellung des Mumm gewidmet.

Die inzwischen wertvollen, kunstvoll verzierten alten Drehorgeln inmitten eines authentischen Settings machen es dem Besucher möglich, in die Zeit ein­zutauchen, als die wunderbar klingenden und liebevoll hergestellten Instrumente für arme Menschen die Lebensgrundlage bedeuteten.

«Drehorgeln waren eine Art Invalidenversicherung», führt Weber aus. Das letzte Atelier eines Bacigalupo schloss 1976 seine Tore, im Museum für Uhren und mechanische Musikinstrumente erklingen die Melodien bis heute.

Öffnungszeiten des Museums für Uhren und mechanische Musikins­trumente: Sonntag, 6. Mai, bis Ende Oktober, täglich 14 bis 17 Uhr.

Berner Oberländer

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