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Die neue Freyheit

Ende September wechselt der Gemeindeschreiber von Wattenwil Martin Frey in die freie Marktwirtschaft. Er freut sich auf die erste Phase seines Lebens, in der sein Arbeitgeber nicht die öffentliche Hand sein wird.

Martin Frey bei der Brätlistelle im Heimenried oberhalb von Wattenwil, gelegen am Gürbetaler Höhenweg: «Für mich der optimale Ort für gute Gedanken.» Foto: Patric Spahni
Martin Frey bei der Brätlistelle im Heimenried oberhalb von Wattenwil, gelegen am Gürbetaler Höhenweg: «Für mich der optimale Ort für gute Gedanken.» Foto: Patric Spahni

Ein Paar kleine Kinderturnschuhe und eine Handvoll Kieselsteine lagen auf dem Tisch, als Martin Frey im Herbst 1998 seine Stelle als Gemeindeschreiber von Wattenwil antrat. «Mit diesem Willkommensgeschenk deuteten meine neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an, dass ein steiniger Weg vor mir liege, der gutes Schuhwerk erfordere», erinnert sich Frey an jenen Tag.

Die Wattenwiler Gemeindeverwaltung befand sich damals zwar nicht in einem schlechten Zustand. «Aber sie war in alten Strukturen verhaftet, es fehlte eine Vorwärtsstrategie.» Das blieb auch Peter Röthenmund (SVP), dem damaligen Gemeindepräsidenten, nicht verborgen. «Er war ein Visionär und sagte mir schon kurz nach meinem Stellenantritt: ‹Wir wollen Zentrumsgemeinde im oberen Gürbetal werden.›»

Immer mehr Aufgaben

Der Startschuss für die interkommunale Zusammenarbeit war abgefeuert, und Martin Frey schnürte seine Laufschuhe für den Marathon, in dessen Verlauf Wattenwil immer mehr Aufgaben für die umliegenden Gemeinden übernehmen sollte.

Der Sozialdienst ist mittlerweile nicht nur für Wattenwil zuständig, sondern zusätzlich für sieben weitere Gemeinden; die Bauverwaltung ist als Regio BV Westamt für elf Gemeinden zuständig, und die Wattenwiler Gemeindeschreiberei führt seit 2010 die Verwaltung der Nachbargemeinde Forst-Längenbühl, um nur drei Beispiele zu nennen.

«Eigentlich wollte ich nur 10 Jahre in Wattenwil bleiben», sagt Martin Frey. Weil der Aufbau der interkommunalen Zusammenarbeit für abwechslungsreiche und herausfordernde Arbeit sorgte, wurden 21 Jahre daraus. Jahre, die Frey und Wattenwil so stark zusammenschweissten, dass er heute sagt: «Ich bin eigentlich mehr Wattenwiler als Mühlethurner.»

Er kennt beide Seiten

In diesem Dorf im Gürbetaler Chabisland ist Frey als Sohn des Dorfarztes aufgewachsen, und hier wohnt er noch heute mit Frau und Tochter. Die KV-Lehre absolvierte er auf der Gemeindeverwaltung Buchholterberg und wechselte danach ein erstes Mal in jene von Wattenwil, wo er schon bald stellvertretender Gemeindeschreiber wurde.

«1991 wurde ich Gemeindeschreiber in Rümligen, wo ich für alle Bereiche der Verwaltung zuständig war und daneben die Lehrgänge zum Gemeindeschreiber und zum Bauverwalter absolvierte.» Gleichzeitig war er Gemeinderat von Mühlethurnen und zuständig für das Bauressort. «Durch diese beiden Funktionen lernte ich, wie wichtig ein gutes Verhältnis zwischen Gemeinderat und Gemeindeschreiber ist. Obwohl Letzterer oft über mehr Wissen verfügt als seine politischen Vorgesetzten, sollte er nie versuchen, Entscheidungen zu treffen, sondern lediglich Entscheidungsgrundlagen liefern.»

Polizei eingeschaltet

Als Gemeindeschreiber von Wattenwil versuchte Martin Frey stets, das Bindeglied zwischen dem Gemeinderat und der Bevölkerung zu sein. «Es war meine grösste Herausforderung in diesen 21 Jahren, den Ausgleich zwischen diesen beiden Gruppen zu suchen und Vertrauen zwischen ihnen zu schaffen.»

Eine Aufgabe, die nicht immer leicht war, wie er selber einräumt, denn die Skepsis der Bürgerinnen und Bürger gegenüber Politik und Verwaltung habe nicht abgenommen. «Oft genügt ein Gespräch nicht. Immer mehr muss schriftlich geregelt werden.» Zweimal in all den Jahren habe er Angst um seine Mitarbeiter gehabt, weil sich Bürger ungerecht behandelt gefühlt und Drohungen ausgesprochen hätten. In diesen beiden Fällen informierte Frey sofort die Polizei, die einmal sogar einen Mitarbeiter in Zivil an eine Gemeindeversammlung schickte.

Ausbildung ist Herzenssache

Alles in allem aber ist Frey des Lobes voll über seinen Beruf im Allgemeinen und seine Arbeitgeberin im Besonderen. Der Kontakt mit den unterschiedlichsten Leuten, die Arbeit im Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Privatleben – Frey ist Gemeindeschreiber mit Leib und Seele und hält es für selbstverständlich, jeden Morgen als Erster an seinem Arbeitsplatz zu sein.

Die Anzahl der Verwaltungsangestellten in Wattenwil wuchs in 21 Jahren um mehr als 100 Prozent, auch als Folge der Zentrumsfunktion von Wattenwil. Etliche seiner aktuellen oder ehemaligen Angestellten hatten bei ihm die KV-Lehre gemacht und kehrten später zurück. «Die Ausbildung junger Leute war für mich immer eine Herzensangelegenheit», betont Martin Frey. «Ganz besonders freute mich, dass ich vor 10 Jahren eine BMS-Ausbildungsstelle realisieren konnte. Nach der KV-Lehre gibt es bei uns seither die Möglichkeit, zu arbeiten und parallel die Berufsmatur zu machen.»

Der Weg bleibt steinig

Trotz der Liebe zum Beruf und zu Wattenwil – Martin Frey verlässt die Gemeinde Ende August. «Letztes Jahr feierte ich meinen 50. Geburtstag und begann, eine innere Unruhe zu spüren. Ich merkte, dass ich beruflich noch etwas anderes machen will.» Bloss – was? Martin Frey arbeitete bisher ausschliesslich auf Gemeindeverwaltungen und sagt: «Ich kann gar nichts anderes.» Die Antwort lautet: Finances Publiques AG.

Die Firma aus Bowil berät und hilft Gemeindeverwaltungen nicht nur in finanziellen Belangen, sondern auch in jedem anderen Bereich. «Zum Beispiel, wenn der Gemeindeschreiber krankheitshalber plötzlich für längere Zeit ausfällt», erläutert Martin Frey. Mit anderen Worten: Er wird seine berufliche Kernkompetenz weiterhin voll nutzen können – im Gegensatz zu heute allerdings auf Mandatsbasis.

Sein Hauptarbeitsplatz wird zwar im Emmental sein, aber je nach Auftraggeberin wird er ins hinterste Berner Oberland oder ins Seeland reisen. «Ich freue mich auf diese neue Erfahrung», sagt er, «und bin gespannt, wie es ist, nicht mehr auf der sicheren Seite zu stehen, sondern mich in der freien Marktwirtschaft zu bewegen – auch wenn der Weg steinig sein wird.»

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