«Die Situation in Mitholz ist definitiv ein Horrorszenario»

3'500 Tonnen Munition liegen verschüttet im Berg bei Mitholz. Der staatliche Bombenentschärfer Mathias Peterle aus Stuttgart spricht von einem «Horrorszenario».

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In einem Stollen im Berner Oberland liegen massenhaft Fliegerbomben. Herr Peterle, Sie sind professioneller Entschärfer: Wie ist es, wenn man eine Bombe in den Händen hält?
Mathias Peterle: In den Händen halten ist die falsche Umschreibung. Die Bomben, die wir antreffen, sind relativ gross. Wir arbeiten lediglich an den Sprengkörpern und müssen uns jedes Mal wieder neu an sie herantasten. Jede Bombe handhaben wir so, wie wenn es die erste wäre.

«Wenn ich mir vor Ort ein Bild vom Zustand der Bombe und des Zündsystems gemacht habe, dann werde ich ruhiger.»

Haben Sie bei einer ­Entschärfung keine Angst?
Nein, eigentlich nicht. Klar geht man mit Respekt an die Arbeit. Aber wenn man die wichtigsten Vorgehensweisen im Kopf hat, geschieht normalerweise nichts. Wichtig ist, dass man keine Routine aufkommen lässt. Es bleibt aber ein Restrisiko. Wenn man ­jedoch den Gedanken hätte, dass heute der letzte Tag sein könnte, wäre das der falsche Ansatz.

Wie hoch ist jeweils Ihr Puls?
Der geht eigentlich eher runter.

Runter?
Bei der Anfahrt ist der Stress am grössten. Da weiss ich oft noch nicht, was mich erwartet. Wenn ich mir aber vor Ort ein Bild vom Zustand der Bombe und des Zündsystems gemacht habe, dann werde ich ruhiger. Wir müssen jeweils auch beruhigend auf die Bürger, Ordnungsämter oder auch Rettungskräfte einwirken.

«Die Schweizer sind mit dieser Hinterlassenschaft nicht zu beneiden.»

Sie haben meist mit einzelnen Blindgängern zu tun. In Mitholz liegen Tausende unter Steinen begraben. Ist das für einen Bombenentschärfer ein Horrorszenario oder wie ein Lottogewinn?
Definitiv ein Horrorszenario. Die Schweizer sind mit dieser Hinterlassenschaft nicht zu beneiden. Je länger das Zeugs da unten liegt, desto gefährlicher wird es zudem.

Weshalb?
Die im Zweiten Weltkrieg verwendeten Sprengstoffe sind einerseits hochgradig krebserregend und könnten aufgrund der Korrosion aus den Bomben geschwemmt werden. Andererseits ist die Materialermüdung allgemein ein Problem. Egal, ob in Mitholz oder in Deutschland.

Was heisst das konkret?
Die Aussenhüllen der Bomben und der Zündsysteme brechen aufgrund der Verwitterung weg, aber das Innenleben ist immer noch funktionsfähig. Das macht das Entschärfen gefährlicher. In Mitholz muss aufgrund der Explosion im Jahr 1947 zudem davon ausgegangen werden, dass die Zündsysteme und Bomben beschädigt sind. Zuerst muss also geklärt werden, ob ein Entschärfen überhaupt möglich ist. Das muss von Bombe zu Bombe einzeln entschieden werden. Genauso wie die Frage, ob Fernentschärfungsgeräte eingesetzt werden können. Vielleicht ist das in den engen Stollen nicht möglich.

Es wird angenommen, dass die Fliegerbomben nahe beieinanderliegen. Ist das ein Vorteil?
Nein, das ist eher ein Nachteil. Geschieht bei den anstehenden Arbeiten etwas, droht eine Massenreaktion.

Kennen Sie eine vergleichbare Situation?
In Deutschland gab es Munitionsvergrabungs- oder Spreng­stellen aus dem Zweiten Weltkrieg. Dort hatte man ebenfalls mit angesprengten Bomben zu tun. Aber so massiv in Stollen gebündelt wie in Mitholz, so etwas ist mir nicht bekannt.

Was genau tun Sie eigentlich, wenn Sie zu einer Bombe ­gerufen werden?
In der Regel tauchen die Bomben in Deutschland bei Bauvorhaben auf. Entweder stösst man unvorbereitet auf eine solche, oder wir werden von privaten Kampfmittelräumfirmen gerufen. Letztere informieren uns meist auch schon darüber, um was für einen Typ es sich handelt und was für ein Zündsystem daran angebracht ist. Selbstverständlich muss man sich dann aber noch ein Bild vor Ort machen.

Ist die Entschärfung in der Realität auch so vom Zufall abhängig wie in Filmen, wo entweder ein blauer oder ein grüner Draht durchtrennt werden muss?
Nein, das ist Hollywood. Oder es handelt sich um selbst gebaute Bomben. Da kann es tatsächlich vorkommen, dass man einen Draht antrifft und einen Stromkreis unterbrechen muss. Für solche Fälle ist aber das Bundeskriminalamt zuständig. Bei uns handelt es sich meist um konventionell hergestellte Kampfmittel, die einen festen Sprengkörper und ein dazu passendes Zündsystem haben. Es gibt Unterlagen zu den unterschiedlichen Typen und dazu, was man mit den Bomben oder den Zündern noch machen kann, wenn sie beispielsweise beschädigt sind.

Wie entschärfen Sie eine ­Bombe?
Wir schauen, wie die Zündkette am besten unterbrochen werden kann, und entfernen den Zünder der Bombe. Entweder geschieht dies mit herkömmlichen Werkzeugen oder mit einem Fernentschärfungsgerät. Wenn das nicht funktioniert, dann ist der letzte Schritt die Sprengung der Bombe.

Welches ist der gefährlichste Schritt?
Das hängt vom Bombentyp ab. Einerseits sind stark verwitterte Bomben schwierig zu entschärfen. Andererseits solche, die anstelle eines mechanischen Aufschlagzünders einen chemischen Langzeitzünder haben. Da kann jede Erschütterung zu einer Auslösung führen. Glücklicherweise geht aus den Unterlagen, die ich gesehen habe, nicht hervor, dass es in Mitholz solche chemischen Zündsysteme gibt.

Und was geschieht mit den ­entschärften Bomben?
Sie werden vernichtet. Dabei werden die Bomben in Scheiben geschnitten und anschliessend thermisch behandelt. Der Sprengstoff, der im Zweiten Weltkrieg verwendet wurde, schmilzt ab etwa 70 Grad und tropft wie Kerzenwachs aus den Hüllen raus. So verbrennt er ohne Explosion.

Der Sprengstoff der Bombe ­allein ist also nicht gefährlich?
Ja und nein. Wenn man den Zünder und die Übertragungsladung entfernt hat, ist der Sprengstoff der Hauptladung tatsächlich relativ reaktionsarm. Man kann theoretisch mit einem Feuerzeug an ihn rangehen, und es geschieht nichts. Generell kann gesagt werden, dass Sprengkörper insbesondere dann gefährlich sind, wenn die Zündsysteme an ihnen angebracht sind. Bestandteile solcher Systeme sind Detonatoren, die sehr schlag- und stossempfindlich sind. Diese Übertragungsladungen zünden dann die eigentliche Hauptladung.

In Mitholz wurde die Munition lediglich gelagert. Die Zünder waren zwar zusammen mit den Fliegerbomben untergebracht, dürften aber wohl nicht angebracht gewesen sein. Wäre ­wenigstens das ein Lichtblick?
Wenn die Zünder tatsächlich nicht angebracht sind, dann ist die Situation im Hinblick auf die Fliegerbomben tatsächlich nicht ganz so dramatisch. Aber es hat in den Stollen ja auch noch scharfe Munition und Granaten. Manchmal sind solche Sprengmittel sogar noch gefährlicher zum Entschärfen als Bomben.

Warum kommt es immer wieder zu Selbstentzündungen?
In erster Linie liegt das an den Zündsystemen. Wie gesagt sind etwa chemische Langzeitzünder bei Sprengbomben sehr erschütterungsempfindlich. Aber auch vorgespannte Zündsysteme bei Handgranaten oder Minen neigen stark zur Selbstdetonation, weil sie durch die voranschreitende Materialermüdung handhabungsunsicherer werden.

Sie haben gesagt, dass die Bomben in Deutschland gesprengt werden, wenn sie nicht entschärft werden können. In den Stollen in Mitholz dürfte dies kaum infrage kommen.
Das glaube ich auch. Sonst droht die erwähnte Kettenreaktion. Auch eine eigentliche Entschärfung dürfte wohl kaum vor Ort ­gemacht werden, weil auch dabei etwas geschehen kann. Aber mit diesen Fragen müssen sich die Experten vor Ort beschäftigen. Aus der Ferne wäre es reine Spekulation, Genaueres zu sagen.

Der Aufwand, der auf die Schweiz zukommt, dürfte aber immens sein.
Ganz bestimmt. Ohne die genaue Situation zu kennen, ist klar, dass man bei den Begehungen nur die Spitze des Eisbergs gesehen hat. Aus der herkömmlichen Kampfmittelräumung weiss man zudem, dass die Einsätze weitaus teurer werden können als ursprünglich angenommen.

Wäre es auch denkbar, die Stollen einfach zuzubetonieren?
Wenn tatsächlich nur mechanische Zünder vorhanden sind, könnte man das machen. Bedenken habe ich aber, weil es irgendwann auch zu Ausschwemmungen von Sprengstoffen kommen könnte. Die gefährlichen Stoffe könnten ins Grundwasser gelangen. Ob man dies mit Beton verhindern kann, weiss ich nicht.

Bei Funden von Fliegerbomben wird in Deutschland stets grossflächig evakuiert. In Mitholz ­geschieht derzeit nichts dergleichen. Wie beurteilen Sie das?
Ich finde das richtig. Unnötig ­Panik zu machen, bringt nichts. Solange an der Munition nicht ­direkt gearbeitet wird oder es zu Erschütterungen kommt, ist die Situation relativ sicher.

In der Gefahrenzone leben 150 Menschen, Strasse und Bahn verlaufen dort. Würden Sie eine Bergung der Bomben ohne Evakuation in Betracht ziehen?
Wir in Baden-Württemberg würden das nicht machen. Aber das ist Sache der verschiedenen Länder. In Deutschland handhaben das sogar die einzelnen Bundesländer unterschiedlich. Die Entscheidung muss man letztlich dem Fachkundigen vor Ort überlassen, er trägt ja auch die Verantwortung.

Das tönt alles nach unglaublich viel Druck. Wie gehen Sie in der täglichen Arbeit damit um?
Ich verlasse mich einfach auf das von altgedienten und erfahrenen Kollegen Gelernte und auf das vermittelte Wissen diverser Lehrgänge an der Sprengschule Dresden. Solange man dies alles beherzigt, ist es aus meiner Sicht ein Beruf wieder jeder andere auch, in dem es zu Stresssituationen kommen kann. Wichtig ist aber, das Restrisiko nicht komplett aus den Augen zu verlieren.

Macht Ihnen der Beruf ­eigentlich Spass?
Natürlich, sonst würde ich ihn nicht ausführen.

Was genau reizt Sie daran?
Die Vielfalt. Ich will nichts verherrlichen, aber die Unmengen an Arten von Munition oder Zündsystemen faszinieren mich. Jedes Jahr treffen wir auf zwei oder drei Munitionsteile, die wir noch nie gesehen haben. Das ist das Spannende am Beruf. Hinzu kommt natürlich auch der Antrieb, einen Beitrag an die Sicherheit der Bürger zu leisten.

Was sagt Ihre Lebenspartnerin zu Ihrer Arbeit?
Sie hat mich so kennen gelernt und gewusst, auf was sie sich einlässt. Mittlerweile kommt sie ganz gut klar damit. Wenn ich Bereitschaftsdienst habe, informiere ich sie, dass ich unterwegs bin. Was genau ich mache und wo ich bin, sage ich ihr aber nicht. Doch in der heutigen Zeit der Onlinemedien, wo die Bilder schneller im Internet sind als wir vor Ort, muss man sich nichts vormachen.

(Berner Oberländer)

Erstellt: 08.08.2018, 06:54 Uhr

Zur Person

Beinahe täglich wird in Deutschland eine Strasse, ein Quartier oder ein ganzer Stadtteil eva­kuiert, weil ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden wurde. 1,5 Millionen Tonnen Bomben haben Amerikaner und Briten während des Krieges auf das Deutsche Reich abgeworfen. Rund 15 Prozent der Bomben sind aber gar nicht explodiert. Kaum ein anderes Land hat mehr Erfahrung mit explosiven Hinterlassenschaften als Deutschland.

Werden Bomben gefunden, kommen die staatlichen Kampfmittelräumdienste der Bundesländer zum Einsatz. Allein in ­Baden-Württemberg werden ­jedes Jahr zwischen 50 000 und 100 000 Kilogramm Munition gefunden und entschärft.
Einer der damit beauftragten Experten ist Mathias Peterle. Er ist seit 2015 stellvertretender Einsatzleiter des Kampfmittel­beseitigungsdiensts in Baden-Württemberg.

Mit Sprengstoffen zu tun hat er aber seit 16 Jahren. 2002 hat Peterle verwaltungsintern den Job gewechselt und ist zum Kampfmittelräumdienst gestossen. Im Laufe seiner Dienstzeit absolvierte der gelernte Verwaltungsfachangestellte den Lehrgang «Truppführer in der Kampfmittelbeseitigung» an der Sprengschule in Dresden. Heute ist Peterle 38 Jahre alt, noch unverheiratet und kinderlos. Er kennt die Resultate des Zwischenberichts der Expertengruppe für Mitholz.
mab

Grösseres Risiko

Vor den Sommerferien liess der Bundesrat in Mitholz eine Bombe platzen: Das Risiko, das vom ehemaligen Munitionsdepot in Mitholz für die Bevölkerung ausgeht, ist grösser als bisher angenommen. Denn noch immer werden rund 3500 Tonnen ­Munition vermisst, Tausende 50-Kilogramm-Fliegerbomben sind in den unterirdischen Stollen verteilt.

Die neuen Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Felssturz, ein Einsturz von An­lageteilen oder eine Selbstzündung verschütteter Munitionsbestandteile eine Explosion ­auslösen könnten. Das weckt ­Erinnerungen an 1947: Damals explodierte ein Teil des Munitionslagers mit 7000 Tonnen Patronen, Geschossen und Bomben. 9 Bewohner starben, Dutzende wurden schwer verletzt. Eine Expertengruppe klärt derzeit das weitere Vorgehen ab. Auf eine Evakuation des Weilers Mitholz wird vorerst verzichtet.mab

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