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Er war es – und wird doch freigesprochen

Vor dem Kollegialgericht in Thun stand ein Mann, der seine Mutter schlug und würgte. Doch weil er psychisch krank ist, ist er für die Tat nicht verantwortlich. Trotz Freispruchs bleibt er jedoch in der psychiatrischen Klinik.

Es war eine sehr spezielle Geschichte, die am Mittwoch vor dem Kollegialgericht in Fünferbesetzung verhandelt wurde. Der Vorwurf, den man dem heute 28-jährigen Mann aus dem Niedersimmental macht, lautet auf versuchte vorsätzliche Tötung. Der Staatsanwalt beantragte jedoch keine mehrjährige Freiheitsstrafe, sondern eine stationäre Massnahme, weil das psychiatrische Gutachten klar aussagt, dass der Mann zum Zeitpunkt der Tat schuldunfähig war. Lediglich eine stationäre Massnahme sei geeignet, das Rückfallrisiko zu senken.

Der Mann wurde nach der Tat in die Klinik Münsingen eingewiesen. Dies im Rahmen einer Fürsorgerischen Unterbringung, die von der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) angeordnet worden war.

Gewürgt und geschlagen

Im November 2015 hatte der Mann während des Abendessens plötzlich begonnen, auf seine Mutter einzuschlagen, worauf diese nach draussen flüchtete. Er verfolgte die Mutter und schlug weiter auf sie ein, bis sie zu Boden fiel. Daraufhin würgte er sie, sodass sie nicht mehr atmen konnte.

Ein im Haus anwesender Bekannter der Mutter kam dieser zu Hilfe und führte sie mit dem Auto ins Spital. Dort stellte man diverse Verletzungen fest. Es gab jedoch keine Hinweise darauf, dass Lebensgefahr bestanden hätte. Bei der Befragung durch die Polizei gab der Mann an, er habe seine Mutter töten wollen – mit einem Taschenmesser, das er bei sich trug. Das Messer sei ihm aus der Hand gefallen, darum sei es nicht dazu gekommen.

Chronische Schizophrenie

Im psychiatrischen Gutachten heisst es, dass der Mann an einer chronisch paranoiden Schizophrenie leide. Diese Diagnose sei bereits zur Tatzeit vorgelegen und bestehe weiterhin. Weiter kommt das Gutachten zum Schluss, dass die Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt aufgehoben war. Es bestehe ein hohes Rückfallrisiko, wenn die Störung unbehandelt bleibe und keine geeignete sozialpsychiatrische Versorgungsstruktur aufgebaut werde.

Nur eine stationäre Massnahme bringe die erwünschte Besserung. Das zeige die im Mai 2015 angeordnete ambulante Massnahme, die nicht umgesetzt werden konnte. Die Arzttermine seien nicht wahrgenommen und die Medikamente nicht regelmässig eingenommen worden. Erst seit der Mann in der psychiatrischen Klinik sei, begännen Medikamente und Therapie zu wirken.

Freispruch oder Massnahme

Das Kollegialgericht unter der Leitung von Gerichtspräsident Jürg Santschi kam in seinem Urteil zum Schluss, dass der Angeschuldigte damals tatsächlich die Absicht hatte, zu töten. Doch geht das Gericht davon aus, dass er in seinem Wahn die Person, die er vor sich hatte, töten wollte. Jedoch nicht seine Mutter; diese wollte er nicht töten, höchstens verletzen.

Das Kollegialgericht bewertete auch die aktuelle Situation. Seit der Angeschuldigte in der Klinik untergebracht ist, hat sich sein Zustand bereits verbessert. Der Fürsorgerische Freiheitsentzug und die damit verbundene Einweisung in die Klinik waren durch die Kesb angeordnet worden.

Nun stellte sich die Frage, soll das Gericht eine stationäre Massnahme verfügen oder nicht? Wenn keine strafrechtliche Massnahme angeordnet wird, so wird der Fürsorgerische Freiheitsentzug durch die Kesb weitergeführt. Diese entscheidet dann allein, wie es mit dem Mann weitergehen wird, zum Beispiel, wie lange er noch in der Klinik bleiben muss und in welcher Institution er allenfalls später wohnen wird.

Das Kollegialgericht kam schliesslich zu folgenden Urteil: Der Mann wird vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung freigesprochen, die Verfahrenskosten gehen zulasten des Kantons. Der Mann geht zurück in die Klinik und wird wie bisher behandelt und betreut.

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