Favoriten an der Spitze - Wetter wird immer schwieriger

Grindelwald

Am Mittwoch war Start der 2. Eigertour für Gleischirmflieger in Grindelwald. Chrigel Maurer und Patrick von Känel liegen in Führung.

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Am Mittwochmittag 10. Juli pünktlich um 12 Uhr wird auf dem Eiger+-Platz im Dorfzentrum von Grindelwald die 2. Eigertour gestartet. Die tief hängenden Nebelbalken lassen bei den 73 Athleten aus 15 Nationen wenig Euophorie aufkommen, dass längere Streckenflüge möglich würden. Sie alle werden aber im Verlaufe des Mittwochnachmittag positiv überrascht.

Nachdem der englische Langstreckenläufer Robin Houghton nach nur 1:12 Stunden als Erster die 1100 Höhenmeter auf die First hinter sich gebracht hat finden sich bald auch die Favoriten am Gleitschirm-Startplatz ein und starten ohne Verzögerung, um von der Wetterbesserung und guten Thermik zu profitieren. Es wartet noch ein langer Weg zur 28 Kilometer (Luftlinie) entfernten SAC Tierberglihütte.

Blitzbesuch am Sustenpass

Mit Tempo Teufel fliegen die letztjährigen Podestplatz-Gewinner Christian "Chrigel" Maurer, Patrick von Känel und Sepp Inniger (alle drei aus Frutigen) schnurstracks ins Oberhasli und Richtung Sustenpass, wo sie bereits nach zwei Stunden neben der SAC Tierberglihütte landen.

Eine Stunde später stehen sie bereits bei der nächsten zu besuchenden Hütte, der Gaulihütte. Die Zweifel von Chrigel Maurer, dass die Gaulihütte möglicherweise wegen der schwierigen Windverhältnisse schwierig anzufliegen sei, lösen sich buchstäblich in Luft auf. Klick, ein Selfie jedes Athleten von sich und der Hütte im Hintergrund, das zur Kontrolle umgehend an OK-Chef Michael Witschi geschickt wird.

Noch am selben Abend wieder im Westen

Zurück zum Brienzersee, verliert Chrigel Maurer plötzlich im Bereich des Reichenbachtals an Höhe, muss auf gut 1000 Meter über Meer landen und zu Fuss Richtung Axalp weiterziehen, während Patrick von Känel weiter Tempo machen kann und um 18 Uhr bei der Lobhornhütte landet. Ein Erklärung für seinen "Taucher" findet der sechsfache X-Alps-Champion nicht. Maurer fängt sich aber wieder, kann in der herrschenden Bise der Faulhornkette entlang westwärts soaren und erreicht mit 100 Minuten Rückstand auf den Führenden ebenfalls die Lobhornhütte.

Dieser hat sich aber mittlerweile längst aus dem Staub gemacht - nicht jedoch, ohne vorher von Lobhorn-Hüttenwartin Irene Beck zu einer hausgemachten Limonade und Kuchen einladen zu lassen. Kopfvoran fliegt Patrick von Känel nach einem kurzen Aufstieg zur Kühmatte mitten durch die Leeturbulenzen Richtung Schynige Platte, wo er durch Aufsoaren zum Därliggrat traversieren und weiter bis nach Mülenen vorstossen kann.

Chrigel Maurer erreicht per pedes die Lobhornhütte, zieht es jedoch vor, ohne Rast direkt weiter zur Sulegg aufzusteigen, von wo aus auch er noch am Abend Mülenen erreicht - in dieser Zeit steigtg von Känel bereits zur Schwandegg auf, der Zwischenstation der Niesenbahn. Hier bekommt er vom Bahnpersonal ein bequemes Personalbett für die Nacht und verschafft sich damit zur "Sperrstunde" 900 Höhenmeter Vorsprung.

Schliesslich erreicht 20 Minuten vor der verhängten Nachtruhe (21 Uhr) auch der 23-jährige Nachwuchsathlet Sepp Inniger die Lobhornhütte - und bleibt auch gleich da.

Wenig Thermik - und trotzdem schnell

Am Donnerstag, dem zweiten Renntag ist von guten Flugbedingungen wie am Vortag grösstenteils keine Rede mehr: Eine hohe graue Wolkendecke hat die Region überzogen, so dass zwar Gleitflüge möglich sind, nicht jedoch längere Thermikflüge. Es muss vermehrt gelaufen werden, was jeden Kilometer damit langsamer und härter macht. Patrick von Känel ist auf dem Niesengipfel "gefangen" und sich durch Chrigel Maurer wieder einholen lassen. «Dass sich von Känel von Maurer einholen lassen musste, ist logisch», so Urs Dubach, der Grindelwalder Experte für Flugplanung. «Er konnte am Niesen am Donnerstag Früh nicht einfach starten und sich dem Risiko aussetzen, dass später Maurer bei eventuell besseren Bedingungen ihm über den Kopf hinweg fliegt.»

In der Folge fliegen und wandern die beiden - wie schon letztes Jahr, und mittlerweile fast üblich - Seite an Seite der Niesenkette entlang und via Hahnenmoos an die Lenk, wo mit der Fluhseehütte unterhalb des Retzligletschers der nächste Wendepunkt wartet. Doch noch etwas Thermik findend, erreichen von Känel und Maurer so bereits um 14 Uhr die Balmhornhütte (Gasterntal) und wenig später auch die Dolden- und Fründenhütte (Oeschinensee). An dritter Stelle kommt Sepp Inniger südlich der Lenk schlecht vorwärts und büsst rund 30 Kilometer Terrain auf die Führenden ein. Hinter Inniger klafft jedoch eine riesige Lücke zu den weiteren Verfolgern, die immer noch an der Niesenkette herum "basteln".

Challenge: Drei Oberländer in Führung

In der Kategorie Challenge führen ebenfalls drei Berner Oberländer das 60-köpfige Feld an: Der 21-jährige Sigriswiler Hannes Kämpf und der Interlakner Florian Textor hatten zunächst rund 30 Kilometer Vorsprung auf den Mattner René Mühlemann. Letzterer packt aber die Gelegenheit, am Abend noch genügend Zeit zu haben, bis zur Blümlisalphütte aufzusteigen - zur mit 2840 Metern höchstgelegenen Hütte des Rennens. Dort haben sich am frühen Abend die Führenden der Profiklasse, Chrigel Maurer und Patrick von Känel, aber auch die beiden direkten Konkurrenten Mühlemanns in der der Challengeklasse, Hannes Kämpf und Florian Textor zur Erholung und Übernachtung eingefunden. Ein Zusammenschluss der ersten Drei der Challengekategorie also.

Der Ostschweizer Sebastian Schlegel, letztjähriger Sieger der Challengeklasse und am Mittwoch an der Spitze liegend, musste das Rennen bereits am Mittwochabend nach einer Kollision mit einer Telefonleitung aufgeben, kam aber mit leichteren Blessuren und einigem Materialschaden einigermassen glimpflich davon.

Auch andere Athleten müssen die Eigertour vorzeitig aufgeben - darunter auffallend viele ausländische Teilnehmer. Einige scheinen von den Anforderungen der Tour und dem hiesigen Niveau doch etwas überrascht worden zu sein. Nicht von ungefähr hatte Chrigel Maurer vor dem Start am Mittwochmorgen gewarnt, dass die Eigertour in gewisser Weise sogar schwieriger sei als das X-Alps. Diese Aussage nahmen im Vorfeld vielleicht nicht alle ganz ernst. Es stimmt, dass das X-Alps in Punkto Länge natürlich extremste Anforderung an die Athleten stellt. Aber an der Eigertour bewegt man sich fast permanent in schwierigem Gelände und fliegt in rauen Hochgebirgsflugbedingungen. Auch das Landen und Starten bei den Berghütten ist eine spezielle Herausforderung.

Die 2. Eigertour kann zur Zeit auf folgenden Links live mitverfolgt werden:

Pro-Klasse: https://lt.flymaster.net

Challenge-Klasse: https://lt.flymaster.net

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