Gemeindepräsident mitten in Naturgefahren

Guttannen

Hans Abplanalp war 12 Jahre Gemeindepräsident im Grimseldorf. Prägend in seiner Amtszeit waren verschiedene Naturereignisse.

Der scheidende Gemeindepräsident Hans Aplanalp vor seiner Fotogalerie, die zeigt, wie das bäuerliche Leben im Oberhasli früher war. Foto: Anne-Marie Günter

Der scheidende Gemeindepräsident Hans Aplanalp vor seiner Fotogalerie, die zeigt, wie das bäuerliche Leben im Oberhasli früher war. Foto: Anne-Marie Günter

Getrychelt hat Hans Abplanalp in Guttannen nie. Aufgewachsen ist er in Geissholz in der Gemeinde Schattenhalb, damals war er im Trychelzug Willigen dabei. Seit 1980 wohnt er in Guttannen. Wegen der Arbeit oder wegen der Liebe? «Ein bisschen wegen beidem», sagt er lächelnd. Seine Frau ist Guttannerin, und der gelernte Bauschlosser arbeitete im Felslabor der Nagra, gewissermassen als «Hüttenwart» mit verschiedenen Pflichten in der unterirdischen Forschungsanlage. Politische Ämter hat er nie gesucht, und er gehört auch keiner Partei an. «Als ich vor 14 Jahren als Gemeinderat vorgeschlagen wurde, habe ich mitgemacht», sagt er.

Murgänge und Hochwasser

Er musste im ersten Jahr seiner Amtszeit ins kalte Wasser springen. Im August 2005 kam es nach anhaltendem Starkregen zu den Murgängen mit Überschwemmungen, die im Berner Oberland viel Schaden anrichteten. Im Rotlauigraben auf der Sonnseite des Tals kamen 500'000 Kubikmeter Geschiebe in Bewegung, das Ausbruchmaterial staute die Aare, und sie floss mit Steinen, Geröll und Schlamm durchs Dorf. Hans Abplanalp war als Gemeinderat zuständig für Sicherheit und Feuerwehr und auch Chef des Krisenstabs. «Wir hatten Glück, dass das Hochwasser bei uns tagsüber kam. So konnten wir vieles vorbereiten», erinnert er sich.

Auf der damaligen KWO-Baustelle standen schwere Baumaschinen, so liess sich rasch ein Graben aufreissen, der das Wasser vom Dorf weglenkte. «In der folgenden Nacht habe ich wenig geschlafen», sagt er. Es sei sogar das Fernsehen gekommen und habe ihn interviewt. Gesendet sei das Interview aber nicht worden. «An andern Orten war die Lage dramatischer», sagt er. War Guttannen deshalb benachteiligt, als die Schweiz für die Hochwasserregion sammelte? «Nein», sagt Abplanalp, «da wurde gerecht verteilt.» In Guttannen sei zudem der Kanton mit seiner Strasse am meisten betroffen gewesen. Allerdings führte das Ereignis zu Abwanderung.

Das Ritzlihorn

4 Jahre später – Hans Abplanalp war inzwischen Gemeindepräsident – kam das Ritzlihorn. Der 3263 Meter hohe Berg über dem Dorf ist instabil. In seinem Gipfelbereich werden grosse Gesteinsvolumen nur durch Eis zusammengehalten. Mit der Klimaerwärmung schmilzt dieses, und es entstehen Murgänge im Spreitgraben, wie sie 2009 bis 2012 erfolgten. Monatelang wurde gebaggert, es wurde eine provisorische Umfahrung angelegt, Prognosestudien ausgearbeitet. Ein Tiefpunkt für Abplanalp war, als es hiess, der Dorfteil Boden müsse aufgegeben werden. «Da habe ich sehr schlecht geschlafen», sagt er.

Guter Kanton, böser Kanton

«Der Kanton hat uns immer sehr geholfen», meint Abplanalp. Auf der andern Seite gab es den Kanton, der Guttannen die feudale Finanzlage schmälerte, die es lange Zeit gehabt hatte. Die Haupteinnahmequelle ist die Kraftwerke Oberhasli AG, die sehr viel Liegenschaftssteuern zahlt. So hat die Gemeinde ein Pro-Kopf-Einkommen von 5000 Franken. Je weniger Einwohner es werden – und die Abwanderung ist ein zunehmendes Problem –, desto höher wird dieses. Das Pro-Kopf-Einkommen ist aber eine Kennzahl für den Lastenausgleich. Guttannen zahlt und erhält auch keinen geografisch-topografischen Zuschuss. «Treffen wollte man Saanen», so Abplanalp. Er sprach bei Finanzdirektorin Beatrice Simon persönlich vor und fand offene Ohren, aber kein Gehör. «Bei allen Regeln gibt es Gewinner und Verlierer», habe es geheissen.

Grosser Zusammenhalt

«Der Zusammenhalt in unserem Dorf ist gross», sagt Abplanalp. Als 2005 die Kirche an einem Dienstag verschüttet war, halfen alle mit, dass am Sonntag wieder ein Gottesdienst stattfinden konnte. In 11 Jahren seiner Präsidialzeit stand die Bevölkerung hinter ihm, erst im letzten Jahr gab es Differenzen. Sachlich ging es um ein Referendum gegen die Änderung des Monitorings für den Spreitlauigraben. Was alles dahinterstand, gehört zum Dorfleben, wobei für Aussenstehende schwer objektiv festzustellen ist, was zur Missstimmung beiträgt.

Jedenfalls freut sich Hans Abplanalp, dass die Gemeindeversammlung bei der Abstimmung mit wenigen Ausnahmen den Vorschlag des Gemeinderats annahm. «Da habe ich gut geschlafen.» Einen wichtigen Zusammenhalt sieht er auch in der Regionalkonferenz Oberland-Ost. «Die grossen Gemeinden unterstützten uns», sagt er und erwähnt speziell den Interlakner Gemeindepräsidenten Urs Graf. Abplanalp wird weiter beim Unesco-Welterbe mitarbeiten und den Kulturevent «Bärenfrühling» in Guttannen präsidieren.

Berner Oberländer

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