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Hirsche im Justistal frei zur Jagd

Erstmals sind Teile des Justistals für die diesjährige Hirschjagd geöffnet. Als Grund für das Novum gilt die Bestandes­zunahme des Rothirsches.

Majestätisch: Der Rothirsch verursacht aber auch Schäden im Wald.
Majestätisch: Der Rothirsch verursacht aber auch Schäden im Wald.
Benoît Renevey

Intelligenz, Schlauheit, höchste Achtsamkeit. Solchen Eigenschaften verdankt es der Rothirsch, dass er schwierig zu be­jagen ist. So auch in der Ge­meinde Sigriswil: Es sei ein jahrelanger Erfahrungswert, dass sich die Hirsche der dortigen Um­gebung ins Wildschutzgebiet im Justistal zurückzögen, sobald die Jagdzeit anbreche, sagt Niklaus Blatter, Vorsteher des kantonalbernischen Jagdinspektorats.

«Dort herrscht ganzjähriges Jagdverbot, und die Tiere wissen aus Erfahrung, dass sie im Justistal während der Jagdzeit sicher sind.» Doch warum werden überhaupt Hirsche im Berner Oberland wie gerade aktuell wieder bejagt?

Vor allem seit 2003 habe die Population massiv zugenommen, erklärt Blatter, und sie werde auch weiterwachsen und sich in gewissen Wildräumen aus­breiten. «Doch in einigen Wildräumen rufen die Schäden, die der Rothirsch in der Land- und Forstwirtschaft mittlerweile verursacht, nach einer Bestandes­begrenzung.»

Für den Hirsch, aber . . .

Dies gilt auch für das Wildschutzgebiet Justistal. Hier habe sich der «Rotwildbestand sehr gut entwickelt», heisst es im Jahresbericht 2017 des Berner Jagdinspektorats: «Die hohe Rotwilddichte führte aus Sicht der Land- und Forstwirtschaft zu hohen Wildschadenforderungen und zu Anträgen zur Reduktion des Wildbestandes.»

Davon kann Hans Rudolf Scheuner, Förster der Forstbetriebe Sigriswil, ein Lied singen. Vor allem durch «Fegen» (Reiben des Geweihs an Bäumen) und «Schälen» (Ablösen von Rinde mit den Zähnen), aber auch durch «Verbiss» (Abfressen von Trieben an Jungbäumen) könne der Rothirsch erhebliche Schäden in den Wirtschafts- und Schutz­wäldern anrichten.

Scheuner betont aber: «Wir vom Forstbetrieb Sigriswil sind für den Hirsch in unseren Wäldern.» Er sei ein einheimisches Tier und gehöre in das Gebiet. «Als Waldbesitzer sind wir durchaus bereit, gewisse Schäden, die er im Wald anrichtet, zu tolerieren.» In den letzten Jahren habe die Hirschpopulation im Gemeindegebiet jedoch stetig zugenommen und zu Problemen geführt.

Deshalb erlebt der König der Wälder im talauswärts liegenden Teil des Wildschutzgebiets Justistal diesen Herbst eine böse Überraschung. Während er sich hier bislang sicher wähnen konnte, hat das kantonale Jagdinspektorat diesen Gebietsteil erstmals für die Hirschjagd freigegeben.

«Hirsche sind Heimat»

Mägi Burch, eine in der Gemeinde Sigriswil wohnhafte «Eidgenossin, Mutter und Jägerstochter», wie sie sich selbst bezeichnet, ist darüber empört: «Es tut mir tief im Herzen weh, dass un­sere prächtigen Hirsche zur Jagd freigegeben werden, und dies noch dazu in einem Jagdbann­gebiet, das doch eine heilige Zo­ne, ein Zufluchtsort für unsere Wildtiere ist.»

Zudem höre sie immer wieder von «beschämenden Jagdsituationen». Die Begründungen für eine Teilöffnung des Justistals für die Hirschjagd lässt sie nicht gelten. Der Wild­bestand sei sehr niedrig. «Hirsche sind Heimat», sagt Burch. «Unsere Kinder sollen sie und andere Wildtiere doch auch noch sehen können.»

Jagdinspektor Niklaus Blatter widerspricht: «Im Jahr 2003 lebten im gesamten Kanton erst etwa 250 Rothirsche.» Seither habe sich deren Zahl beinahe versiebenfacht. «Auf über 1700 Tiere wird der aktuelle Rotwildbestand im Kanton Bern geschätzt.»

Zudem betont er, dass im oberen Teil des Justistals weiterhin ein durchgehendes Jagdverbot bestehen bleibe. Doch nicht nur in rein jagdtechnischer Hinsicht wurde das Wildschutzgebiet Justistal überarbeitet. «Seit diesem Jahr müssen Hunde an der Leine geführt werden, und im Herbst, also während der Brunftzeit der Hirsche, dürfen die Wege an den Talflanken nicht verlassen werden.»

Auf diese Weise solle der Lebensraum der Hirsche und der anderen Wildtiere beruhigt werden. «Damit konnten wir auch etwas für den Schutz unserer Tiere erreichen», sagt Blatter.

Rotwild lernt schnell

Ein Jäger aus der Gemeinde Si­griswil *, der sich bereits seit ei­nigen Jahren an der Hirschjagd im Berner Oberland beteiligt, war auch im neu freigegebenen Perimeter im Justistal auf Pirsch. Mit Erfolg.

«Ich konnte schon mehr als einen Rothirsch erlegen», freut sich der passionierte Jäger. Dies sei zweifellos auch einem gewissen Überraschungseffekt für die Tiere zu verdanken.

«Doch die Hirsche sind sehr schlau und bemerken die kleinsten Veränderungen schneller, als einem lieb sein kann. Ich denke, dass sich in Zukunft die Jagd auf den Rothirsch im neuen Peri­meter schwierig gestalten wird.»

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