Im Service war er Grandseigneur

Interlaken

Eigentlich ist er schon jetzt ein Klassiker. Denn solche standesbewusste Persönlichkeiten wie Raffaele Esposito vom Grand Hotel Victoria-Jungfrau werden in Gastronomie und Hotellerie immer seltener.

Zum letzten Mal begrüsst Raffaele Esposito heute die Gäste im La Terrasse.

Zum letzten Mal begrüsst Raffaele Esposito heute die Gäste im La Terrasse.

(Bild: Markus Hubacher)

Als ihn die NZZ vor neun Jahren porträtierte, titelte sie «Auge und Seele des Service». Und im selben Jahr stellte «Gault Millau» fest: «Er sorgt für einen perfekten Service.» Gemeint ist Raffaele Esposito, Maître d’Hôtel im Interlakner Grand Hotel Victoria-Jungfrau. Nach vierzig Jahren im Nobelhaus am Höheweg hat der 63-jährige gebürtige Italiener heute Samstag seinen letzten Arbeitstag.

«Er sorgt für einen perfekten Service.» Gaullt Millau

Damit tritt einer der renommiertesten Fachangestellten (nicht nur) der Oberländer Hotellerie in den Ruhestand.Mit seinem Können, seinem Wissen, mit Stil und Höflichkeit prägte er insbesondere das hoteleigene Restaurant La Terrasse. Hier war Raffaele Esposito der Grandseigneur des Service. Aber eigentlich hätte er Fischer werden sollen.

Von Apulien in die Schweiz

«Ja, mein Vater wünschte sich, dass ich wie er Fischer werde», erinnert sich Raffaele Esposito. Aufgewachsen in einem kleinen Ort an der Küste von Apulien, wäre das fast schon logisch gewesen. Doch die Mutter von Raffaele spürte bei ihrem Buben andere Wünsche und liess ihn eine Hotelfachschule absolvieren.

«Ich war schon immer fasziniert von anderen Menschen, Kulturen und Sprachen.»Raffaele Esposito

Denn: «Ich war schon immer fasziniert von anderen Menschen, Kulturen und Sprachen.» Heute spricht er fünf Sprachen. «Zudem», und da schmunzelt Esposito, «in den Hotels sah ich viele hübsche Frauen.»

So erklomm Raffaele Esposito schon bald die Karriereleiter – sowohl titelmässig als auch geografisch. Der Weg führte über Bündner Zwischenstationen in Champfer, Pontresina und Sils Maria schliesslich nach Interlaken – dank Emanuel Berger.

Der damalige Direktor des Victoria-Jungfrau engagierte Esposito 1977 als Chef de Rang für die Sommermonate, im Winter, als das Victoria-Jungfrau geschlossen war, arbeitete er im Hotel Eden in Arosa. 1985 wurde er zum Maître d’Hôtel befördert.

Gäste im Wandel

Seither ist Raffaele Esposito, der ehemalige Fischerjunge, Vorgesetzter von rund zwei Dutzend Mitarbeitern und fast ebenso vielen Aushilfskräften. Wichtig ist ihm gegenseitiger Respekt, und zwar von oben nach unten und umgekehrt. Wer keinen Respekt hat, kann auch keinen erwarten.»

Nur gemeinsam könne man dem obersten Ziel dienen, dem Wohl des Gastes. Das Hotel sei der Körper, das Personal die Seele. «Alles muss stimmen», sagt Perfektionist Esposito, von der Reservation über die Tischdekoration und die Speisekarte bis zum Servieren.

«Für viele Stammgäste wurde ich wie zum Familienmitglied, dem man fast alles anvertrauen kann – und das machte mich stolz und glücklich.»Raffaele Esposito

Doch für Raffaele Esposito war noch ein anderer, ganz persön­licher Aspekt von Bedeutung: «Für viele Stammgäste wurde ich wie zum Familienmitglied, dem man fast alles anvertrauen kann – und das machte mich stolz und glücklich.» Das allerdings kam je länger, je seltener vor: Die Aufenthaltsdauer der Gäste ist von einst bis zu mehreren Wochen inzwischen auf nur noch gerade eine, zwei Nächte gesunken.

Geändert haben sich auch Herkunft und Auftreten der Gäste: Asien inklusive Arabien haben Europa abgelöst, und dunkle Anzüge sind Jeans und T-Shirts gewichen. «Aber», bemerkt Esposito trocken, «Geld hat keine Farbe.»

Blickt Raffaele Esposito auf seine Karriere zurück, gilt sein Dank vor allem drei Menschen. «Frau und Herrn Berger verdanke ich sehr viel, sie haben immer an meine Fähigkeiten geglaubt und mich gefördert.»

Mehrfach ausgezeichnet

Dazu gehörte auch, dass ihn das Ehepaar immer wieder in Hotels auf der ganzen Welt geschickt habe, um «frische Luft, um Sauerstoff zu tanken». Emanuel Berger: «Schon früh ist mir seine Begabung zur Pflege des – oftmals äusserst anspruchsvollen – Gastes aufgefallen.

Er ist ein echter Signore mit Kompetenz und Charme und war für das Hotel eine tragende Säule – ein grossartiger Gastgeber!» Esposito dankte es dem Hotelierpaar (und sich selber) mit mehreren Auszeichnungen, darunter 2005 als «Outstanding Employee» der Leading Quality Assurance und 2008 als Maître d’Hôtel des Jahres der «Bilanz».

«Mein grösster Dank aber gilt meiner Frau Elisabeth», schliesst der Fast-Pensionierte und frischgebackene Grossvater. Mit ihr hat er noch viel vor, Langlauf und Skifahren, Gartenarbeit – und auch «Ferien» am Meer in Apulien. Nicht als Fischer, nicht als Gastronom. Sondern als Seeräuber: «Meine Frau sagt immer, bei der Arbeit sehe ich wie ein Fotomodell aus, in der Freizeit jedoch wie ein Pirat.»

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