Im Wallis verboten, im Oberland erlaubt: Naturbestattungen

Oberland

Ein morbides Thema: Weil gewerbsmässige Naturbestattungen im Wallis seit Juli verboten sind, könnten deutsche Bestatter vermehrt aufs Berner Oberland ausweichen. Man reagiert zwar nicht sehr erfreut, aber gelassen.

Bestatter Beat Rölli verstreut Asche: Beliebtes Ausstreugebiet im Oberland ist beispielsweise die Jungfrauregion.c

Bestatter Beat Rölli verstreut Asche: Beliebtes Ausstreugebiet im Oberland ist beispielsweise die Jungfrauregion.c

(Bild: Daniel Rohrbach)

Als «vertrauensvolle und schöne Alternative» zu deutschen Friedhöfen preisen Bestattungsunternehmen im nördlichen Nachbarland sogenannte Naturbestattungen an. Dabei wird die Asche von Kremierten in der freien Wildbahn beigesetzt. Weil Deutschland über ausgesprochen strenge Bestattungsrichtlinien verfügt, die solche «wilden» Beisetzungen verbieten, weichen deutsche Bestatter auf Nachbarländer aus. Oberhalb von Sion im Wallis betreibt eindeutsches Bestattungsinstitut sogar einen eigenen Naturfriedhof: die «Oase der Ewigkeit», eine Alpwiese, auf der die Asche von Verstorbenen je nach Wunsch der Angehörigen in den Wind gestreut oder am Fusse eines Baumes oder Felsens beigesetzt wird. Gegen dreihundert Beisetzungen wurden 2008 in der «Oase der Ewigkeit» durchgeführt. Den Walliser Behörden ging dieses Treiben zu weit: Seit dem 1.Juli ist das gewerbsmässige Verstreuen von Asche verboten. Das beinhaltet auch sogenannte Flugbestattungen, bei der die Asche aus einem Helikopter, Flugzeug oder Heissluftballon gestreut wird. Diese Methode wird von der Betreibern der «Oase der Ewigkeit» allerdings nicht durchgeführt. Keine «wilden Friedhöfe»Dass ausländische Bestatter nun auf den Kanton Bern ausweichen, scheint bisher nicht der Fall zu sein. Jean-François Jöhr von der kantonalen Polizei- und Militärdirektion hält fest: «Anfragen für Naturbestattungen sind bei uns sehr, sehr selten.» Solange es sich um Einzelfälle handle, stelle man den Trauernden kein Bein. «Wenn solche Beisetzungen aber im grossen Stil erfolgen würden und sich ‹wilde Friedhöfe› bilden sollten, müsste man schon eingreifen», stellt Jöhr klar. «Die Bestattungsangelegenheiten sind in erster Linie aber Gemeindesache», erklärt er. Dass im Kanton Bern noch kein «Bestattungstourismus» aufgekommen ist, liegt wohl vor allem daran, dass die Beisetzungen im Wallis weiterhin erfolgen; das neue Gesetz verbietet zwar das gewerbsmässige Ausstreuen von Kremationsasche, untersagt Naturbestattungen aber nicht prinzipiell. Die Bestattungsfirmen übernehmen nun zwar weiterhin die Organisation der Beisetzungen, handeln aber nicht gesetzeswidrig, wenn sie das Ausstreuen der Asche nicht selber vornehmen, sondern den Angehörigen der Verstorbenen überlassen. Asche über der JungfrauDass Naturbestattungen im Oberland aber durchaus ein Thema sind, beweisen die vorhandenen Angebote insbesondere für Flugbestattungen. Beat Rölli, Geschäftsführer des Luzerner Bestattungsinstituts «Letzte Ruhe», das auf Naturbestattungen spezialisiert ist, spricht von einer Zunahme der Nachfrage für Flugbestattungen. «Diese Art von Bestattung macht aber nur einen kleinen Teil unserer Tätigkeit aus, etwa 90 Prozent unserer Kunden wünschen eine Waldbestattung», sagt Rölli. «Flugbestattungen sind daher schon eher etwas Ausgefallenes.» Beliebte Ausstreugebiete seien etwa das Matterhorn oder die Oberländer Jungfrauregion. «Viele unserer Kunden stammen aus dem Ausland, vor allem aus Deutschland», bestätigt Rölli. Es seien aber auch schon Anfragen aus Japan eingegangen. Bei lokalen Bestattern sind Naturbestattungen indes weniger aktuell: «Wir hatten schon einzelne Wünsche danach, aber als ‹Angebot› führen wir das nicht», heisst es beim Bestattungsdienst Thomas Rubin. Sondermüll AscheVon Flugbestattungen hält Hans Fritschi, Vizepräsident von Pro Natura Berner Oberland, nicht viel: «Es gibt ohnehin genug Luftverkehr. Und um die Seelen der Verstorbenen in den Himmel zu bringen, braucht man doch kein Fluggerät.» Auch in erdgebundenen Naturbestattungen sieht er eine gewisse Problematik: «Solange das Einzelfälle sind und die einzelnen Beisetzungen auf grossem Gebiet erfolgen, ist das nicht wirklich ein Problem für die Umwelt.» Würden aber auf kleiner Fläche so viele Bestattungen vorgenommen wie in der «Oase der Ewigkeit», werde das zu einer massiven Bodenbelastung: «Die Giftstoffe wie Amalgam und Quecksilber in den ein bis zwei Kilo Kremationsresten pro Verstorbenen sind nicht zu unterschätzen.» So oder so: Eine Revision des Gesundheitsgesetzes stehe vor der Tür, teilt Jean-François Jöhr mit. Damit werde auch das Bestattungswesen neu überprüft und geregelt. An den bisher geltenden Auflagen (Flugbestattungen nur über unbewohntem Gebiet, Ausstreuen nur von gemahlener Asche) wird sich wohl wenig ändern. Und dass der Kanton Bern Naturbestattungen dann verbietet, ist auch unwahrscheinlich; zumindest solange der Bestattungstourismus nicht zum Problem wird.

Berner Zeitung

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