«In der Bibel steckt viel mehr Metal, als viele Leute denken»

Am diesjährigen Greenfield Festival gab es erstmals eine Festivalseelsorge. Hinter der «Ansprech-Bar» steht eine Organisation, die das Christentum mit Metal-Musik verbindet.

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Mit seinen dunklen Farbtönen und der Frakturschrift auf dem Banner sticht das Zelt der «Ansprech-Bar» am Greenfield Festival nicht wirklich aus der Menge, und auch die tanzenden Skelette passen ganz gut an diesen Ort.

Schwarz sind auch die Betreiber der Bar gekleidet, schwarz-grau ist der Bart von Samuel Hug, dem Chef auf dem Platz, und eindrücklich sind die Tätowierungen auf beiden Armen seines Kollegen Fabio Buchschacher.

Dass eine christliche Organisation hinter diesem Stand am Weg zwischen Camping- und Konzertgelände steckt, wird nicht sofort ersichtlich. Aber es ist Tatsache – die genannten Männer sind beide reformierte Pfarrer in Kirchgemeinden. Hug in Niederbipp, Buchschacher in Lotzwil.

Die Festivalseelsorge ist neu am Greenfield. Damit wollen Samuel Hug und sein Team eine Lücke schliessen. «Bei körperlichen Problemen ist die Sanität immer sofort zur Stelle», sagt Hug. «Doch es gibt auch Festivalbesucher, die eine Anlaufstelle benötigen, wenn sie irgendetwas beschäftigt.»

«Ein langer Weg»

Das 16-köpfige Team der «Ansprech-Bar» biete den Besuchern genau diese Anlaufstelle. «Wir sind da für freudige, aber auch schwierige Momente.» Letztere gebe es sehr wohl auch an Orten, wo in erster Linie Party gemacht wird. Es sei ein niederschwelliges Angebot, sagt Fabio Buchschacher.

Aus ersten unverbindlichen Dialogen können sich Gespräche entwickeln, die schnell einmal in die Tiefe gehen. «Von fünfminütigen Gesprächen bis zweistündigen Betreuungen haben wir in diesen drei Tagen alles erlebt», sagt er.

Überhaupt sei die Festivalseelsorge als Erfolg zu werten: Über 300 Gespräche wurden registriert; entweder direkt bei der «Ansprech-Bar» oder auf den Zweierpatrouillen durch das Gelände. Über die Dauer und die Themen der Gespräche erhebt das Team eine Statistik, um für künftige Einsätze zu lernen.

«Von fünfminütigen Gesprächen bis zu zweieinhalbstündigen Betreuungen haben wir in diesen drei Tagen alles erlebt.»Fabio Buchschacher, reformierter Pfarrer

Die Idee der Festivalseelsorge trug Samuel Hug in den vergangenen fünf Jahren mit sich herum. Beim Besuch des Wacken Open Air im Norden Deutschlands, des grössten Metal-Festivals Europas, liess er sich von einem ähnlichen Angebot überzeugen.

Auch am Summer Breeze Festival in Bayern entdeckte er eine Zeltkirche auf dem Campingplatz. «Es ist ein langer Weg, bis das Angebot wirklich steht», sagt Hug. Es braucht den Standplatz, die Infrastruktur und ein Team, das bereit ist, ehrenamtliche Arbeit zu leisten.

Pfarrer sind Metal-Fans

Neben Pfarrern sind im Team der «Ansprech-Bar» auch Sozialarbeiter. Und die meisten von ihnen haben durchaus eine Vorliebe für harte Stromgitarrenmusik. Fabio Buchschacher interessiert sich vor allem für das Subgenre Metalcore. Die Bands Stick to Your Guns oder Asking Alexandria hätte er sich gerne angehört; sein Einsatzplan liess es jedoch nicht zu. Samuel Hug hingegen war begeistert von der Musikalität der Band Arch Enemy. Für den klassischen Metal, seine Lieblingsstilrichtung, hats für Hugs Geschmack am Greenfield Festival zu wenig Platz.

Metal und Christentum: zwei Dinge, die sich keineswegs ausschliessen. In praktisch allen ­Metal-Stilrichtungen gibt es Bands mit christlichen Texten. Im Gegensatz beziehen sich die meisten Bands des Subgenres Black Metal auf den Satanismus.

Samuel Hug: «Wir akzeptieren jeden Menschen, jeden Inhalt der Metal-Musik, obwohl wir natürlich eine eigene Position haben.» Er habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass Metal-Fans durchaus an religiösen Fragen interessiert sind. «Es steckt viel mehr Metal in der Bibel, als die Leute denken», sagt Hug, auch wenn dies vom Mainstream der Kirche ausgeblendet werde.

Offizielle Trägerin der «Ansprech-Bar» am Greenfield Festival ist der Verein Metalchurch. Eine Bewegung, die die sich scheinbar abstossenden Dinge zusammenbringen will und in der ganzen Schweiz unterwegs ist. Selbstverständlich gibt es an deren Gottesdiensten viel harte Musik zu hören, und in der Agenda finden sich Anlässe wie das regelmässige «Bibel, Bier & Metal».

Die Metalchurch wird übrigens von der reformierten Landeskirche finanziell unterstützt. Samuel Hug ist neben seinem Pfarramt in Niederbipp auch im Teilpensum bei der Metalchurch angestellt.

Leistungsdruck als Problem

Sowohl Buchschacher wie auch Hug wurden dieses Wochenende in ihren jeweiligen Kirchgemeinden an der sonntäglichen Predigt von Kollegen vertreten, damit sie sich dem Abbau des «Ansprech-Bar»-Standes widmen und sich von den intensiven Einsätzen am Festival erholen konnten. Das Team hat in Interlaken wichtige und praktisch nur positive Erfahrungen gemacht, wie Fabio Buchschacher sagt.

«Je länger die Gespräche dauerten, umso tiefgründiger wurden sie. Und plötzlich waren die grossen Lebensthemen da.» Über die Inhalte der Gespräche dürfen die Seelsorger wegen der Schweigepflicht nicht detailliert Auskunft geben.

«Gewalt hat nichts mit Metal zu tun.»Samuel Hug, reformierter Pfarrer

«Grundsätzlich kann man sagen, dass viele der Besucher, die unsere Hilfe in Anspruch genommen haben, mit einem grossen Leistungsdruck zu kämpfen haben», sagt Buchschacher. Körperliche Schönheit und Leistungsdruck im Beruf seien am Greenfield Festival allgegenwärtige Themen. Und mehrmals sei es vorgekommen, dass ein gewisser Alkoholpegel die Zunge gelöst habe.

Generell werten die Pfarrer aus ihrer Sicht den Alkoholkonsum und die damit verbundene Gewalt am Greenfield Festival nicht als grosses Problem – «zumindest nicht grösser als es an jeder Dorfchilbi der Fall ist». Metal-Fans seien grundsätzlich friedliche Menschen, dies habe ihm auch der Besuch am Wacken Open Air bestätigt. «Gewalt hat nichts mit Metal zu tun.»

Hug und Buchschacher würden die Festivalseelsorge nächstes Jahr gerne weiterführen. Dafür sei die Unterstützung der Festivalorganisatoren erforderlich. «Und die haben wir in diesem Jahr gespürt.»

Berner Oberländer

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