Zum Hauptinhalt springen

Katze unter dem Weihnachtsbaum

Überall glitzern bereits Weihnachtsdekorationen. Pfarrer Herbert Held stellt sich in seinen neuen Geschichten die Frage, was Weihnachten für uns bedeuten kann. Los gehts mit der Katze unter dem Weihnachtsbaum.

Was denkt die Katz am Weihnachtstag? – Dasselbe wie an jedem Tag.
Was denkt die Katz am Weihnachtstag? – Dasselbe wie an jedem Tag.
zvg

Es ist Heiligabend. Familie Grünig sitzt gemütlich vor dem Weihnachtsbaum. Die Stimmung ist heiter, feierlich und wohl­tuend entspannt. Nach einem arbeitsreichen Dezember sind die Eltern Leo und Valérie dankbar für diese harmonische Atempause. Sogar der 10-jährige Lars und seine zwei Jahre ältere Schwester Marlies geniessen in diesem Moment gedankenversunken den Anblick des strahlenden Tannenbaumes. Dieser ist mit roten und silbrigen Glaskugeln geschmückt. Die ebenfalls silbrige Spitze berührt fast die Zimmerdecke. Ein wenig unterhalb der Spitze verkündet ein Engel mit einem goldenen Spruchband ‹Friede auf Erden!›.

«Wenn sich dieser ‹Friede auf Erden› nur endlich durchsetzen könnte», sagt auf einmal Mutter Valérie. Niemand erwidert etwas darauf, doch nickt jedes still vor sich hin. Ja, Friede auf Erden, das wäre schön. Auch die Katze, welche es sich unter dem Tannenbaum gemütlich gemacht hat, räkelt sich behaglich und beginnt zu schnurren, so als möchte sie sagen: «Ich weiss nicht, wie es euch geht – ich für meinen Teil habe Frieden auf Erden.»

Still leuchten die Kerzen vor sich hin. Durch die aufsteigende Wärme beginnt der Engel, sich langsam im Kreis zu drehen, und verkündigt auf alle Seiten hin seine Friedensbotschaft. Keiner von Familie Grünig hätte später sagen können, wie lange sie so friedlich und still vor dem Baum gesessen haben. Plötzlich geht ein Ruck durch die Katze. Ihr Körper gleicht einem gespannten Pfeilbogen. Die Haare stehen ihr zu Berge. Sie hält die Ohren gespitzt und fixiert mit ihren Augen etwas, das der Familie offenbar verborgen ist.

Bevor jemand reagieren kann, springt sie mit einem gewaltigen Satz auf den Weihnachtsbaum zu. Erst rutscht sie unter einem Ast hindurch, dann macht sie rechtsumkehrt und jagt in die Gegenrichtung, ohne Rücksicht auf Verluste. Schon fallen die ersten Kugeln zu Boden. Mit einem letzten hellen Klingen zerbrechen sie in hundert Einzelteile. Die Kerzen schwanken bedenklich, während die Katze mit ihrem Schwanz die Silberfäden einsammelt. Das wird zwei Vögelchen aus Glas zu viel. Ungeübt im Fliegen, landen sie hart auf dem Boden. Das eine verliert einen Flügel, das andere einen Teil seines Bauches.

«Was ist bloss in die dumme Katze gefahren?», ruft in diesem Moment Vater Leo, der als Erster wieder Worte findet. Alle anderen sitzen mit offenem Mund auf ihren Stühlen und harren der Dinge, die da kommen sollen. Und sie kommen! Erhobenen Hauptes spaziert die Katze zwischen den Ästen hindurch auf die Anwesenden zu. Im Maul trägt sie eine Spitzmaus, welche sich mit ihrem Hinterteil noch leicht bewegt. Stolz stellt sich die Katze mit ihrer Beute vor die Familie hin, als wollte sie sagen: «Hab ich das nicht gut gemacht? Jetzt dürft ihr mich loben.» Statt eines Lobes gellt ein mörderischer Schrei durch die weihnächtliche Stube. Marlies springt auf einen Stuhl und bringt ihre Angst vor Mäusen lautstark zum Ausdruck. Lars nimmt das Ganze viel gelassener. Zur Katze gewandt sagt er nur: «Komm, wir gehen zusammen nach draussen.»

Nach einer gefühlten Ewigkeit beruhigt sich die Situation langsam wieder. Nur die Scherben und das Durcheinander am Boden erinnern an den Kampf, welcher in der friedlichen Stube getobt und sie in ein Schlachtfeld verwandelt hat.

Unbeirrt vom Ganzen scheint der Engel an der Baumspitze zu sein. Sein Spruchband verkündet noch immer ‹Friede auf Erden!›. Als sich alle wieder einigermassen beruhigt haben, fragt Lars: «Wie kann man eigentlich Frieden auf Erden und Weihnachten unter einen Hut bringen?»

Marlies, immer noch bleich, doppelt nach: «Für mich ist die Weihnachtsgeschichte nicht mehr aktuell. Auf der ganzen Welt gibt es Krieg und Zerstörung, und wir singen: ‹Nun soll es werden, Friede auf Erden.› Das ist zu krass. Das kann doch nicht sein.»

Vater Grünig, gezeichnet von den ganzen Turbulenzen, weiss nicht auf Anhieb, was er antworten soll. Er und seine Frau hatten immer versucht, ihren Kindern die biblischen Geschichten farbig und lebendig zu erzählen. Sie ermutigen ihren Nachwuchs, die Sonntagsschule und die Jugendgruppe zu besuchen, und beten gemeinsam vor dem Essen. Früher war es selbstverständlich, am Abend im Bett mit den Kindern ein Nachtgebet zu singen oder zu sprechen. Jetzt aber, nach diesen Ereignissen, fühlt Vater Grünig das Bedürfnis, Gott in Schutz zu nehmen. Schliesslich macht dieser ja bekanntlich keine Fehler . . .

Herbert Held «Die Katze unter dem Weihnachtsbaum» – Advents- und Weihnachtsgeschichten, 2017, 10 Franken, Bezug beim Autor.

Mail: herbert.held@bluewin.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch