Kritische Fragen an Kanton und STS

Zweisimmen

Der geplante Spitalneubau in Zweisimmen bewegt: Das Publikum stellte an einem Diskussionsabend den Verantwortlichen von Kanton und Spital STS AG kritische Fragen. Im Herbst 2020 soll der Betrieb aufgenommen werden.

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Im voll besetzten Gemeindesaal Zweisimmen standen Gesundheits- und Fürsorgedirektor Pierre Alain Schnegg und der CEO der Spital STS (Simmental-Thun-Saanenland) AG, Bruno Guggisberg, dem Publikum Rede und Antwort. Sie konnten mit Zahlen und Fakten gewisse Unsicherheiten der Bevölkerung ausräumen, doch alles ist noch nicht in Butter mit dem Neubauprojekt des Spitals in Zweisimmen.

Im Februar einreichen

Die Spitalversorgung in der Region Simmental-Saanenland beschäftigt die Bevölkerung, die Spital STS AG, die Mitarbeitenden und die Hausärzte seit gut zehn Jahren, wie CEO Guggisberg in seinem Eingangsvotum erwähnte. Einige Male wurde auch arg Geschirr zerschlagen.

Doch nun sei man nach der ablehnenden Antwort des Kantons im Jahr 2012 auf guten Wegen: Das Angebot ist definiert, Ende Februar wird das Projekt bei der Gesundheits- und Fürsorgedirektion eingereicht. Baustart soll im Sommer 2018 sein, das neue Spital im Herbst 2020 in Betrieb genommen werden. Das Publikum blieb aber skeptisch und fragte, ob der Zeitplan nicht doch zu ambitiös sei und ob einmal mehr wieder nur Versprechungen gemacht würden.

Erfolg für IG Spitalversorgung

Einen Erfolg konnte die IG Spitalversorgung Simmental-Saanenland bereits verbuchen. Seit dem 1. Januar dieses Jahres läuft der Betrieb des Geburtshauses Maternité Alpine mit dem Segen des Kantons, und bereits hat es Geburten gegeben. Regierungsrat Pierre Alain Schnegg übergab den Verantwortlichen des Geburtshauses für die Eltern des erstgeborenen Bébés einen Teddybären.

Und weil – im Gegensatz zum Kanton – die Gemeinden im Einzugsgebiet des Spitals Zweisimmen die Spitalstandortinitiative mit Mehrheiten von 64 (Erlenbach) bis 93 Prozent (Oberwil) angenommen haben, wird der politische Druck auf den Kanton aufrechterhalten.

Auf Kanton angewiesen

«Ohne Kanton geht es aber nicht», meinte CEO Guggisberg; das Spital Thun trägt ein jähr­liches Defizit von 2,5 Millionen Franken mit. Da man aber von einem höheren Defizit für Zweisimmen ausgeht, braucht es auch finanzielle Unterstützung des Kantons. Viele Leute hätten das Gefühl, in Zweisimmen sei nur abgebaut worden; das stimme nur beschränkt, meinte Guggisberg.

Orthopädie und Implantate würden wegfallen, die Geburtshilfe sei geschlossen worden und im Sommer sei der Operationssaal an Wochenenden nicht in Betrieb. «Aber sonst bieten wir volles Programm bei Innerer Medizin, Chirurgie, und der Notfall läuft 7 × 24 Stunden an 365 Tagen.»

Zu schaffen machen den Verantwortlichen der STS AG die sinkenden Fallzahlen (2013: 1902, Hochrechnung 2016: 1769). «Wir hoffen nun einfach, dass unser breit abgestütztes Projekt beim Kanton gut aufgenommen wird und wir den Zeitplan einhalten können», gab sich Guggisberg optimistisch.

Dieser Zeitplan sei «sportlich», fand der Regierungsrat, der aber mit seiner Rede auf viel Goodwill bei den Anwesenden stiess, vor allem auch, weil er in seiner früheren Tätigkeit als Verwaltungsratspräsident der Spitäler St-Imier und Moutier die Problematik von Landspitälern bestens kennt.

«Es gibt Kunden, die man wieder gewinnen kann, denn ohne Kunden kann ein Spital nicht leben.»Regierungsrat Pierre-Alain Schnegg

In seinen Augen sucht die Talbevölkerung zu häufig Spitäler ausserhalb der Region auf. «Es gibt Kunden, die man wieder gewinnen kann, denn ohne Kunden kann ein Spital nicht leben.» Man solle sich in Landspitälern auf die Basisversorgung konzentrieren und auf spezialisierte oder gar hoch spezialisierte Angebote verzichten.

Für das Spital Zweisimmen sieht Schnegg auch Potenzial beim Tourismus und Bedarf bei der alternden Bevölkerung. Doch mit der seit 2012 gültigen Spitalfinanzierung (Kanton zahlt 55, die Krankenkassen 45 Prozent) finanziert der Kanton keine Investitionen mehr.

Fragen des Kantons an STS AG

Für den Kanton stellen sich auch Fragen: Erfüllt das Spital die ­Anforderungen? Ist das Angebot versorgungsnotwendig? Arbeitet das Spital wirtschaftlich und qualitativ gut? Wenn diese Fragen mit Ja beantwortet werden können, komme Zweisimmen auf die Spitalliste.

Die Landbevölkerung (Schnegg wohnt in einer Kleinstgemeinde mit 160 Einwohnern) habe Anspruch auf eine gute Gesundheitsversorgung. «Landspitäler werden eine wichtige Rolle spielen bei der alternden Bevölkerung. Sie müssen aber auf richtige Angebote fokussieren. Ohne Gespräche gibt es keine Lösungen», schloss der Magistrat seine Rede.

Gut genutzte Fragerunde

Nun war die Reihe an Thomas Knutti, Präsident der IG Spitalversorgung Simmental-Saanenland. Er forderte das Publikum auf, Fragen zu stellen. «Weshalb fährt der Rettungsdienst so häufig nach Thun, anstatt in Zweisimmen haltzumachen?»; «Wem sollen die Patienten nun vertrauen, der STS AG oder den Hausärzten?»; «Weshalb gehen die Fallzahlen zurück?»; «Gehört eine Blinddarmoperation am Sonntag zum Basisangebot?» sind einige der Fragen.

«Wem sollen die Patienten nun vertrauen, der STS AG oder den Haus­ärzten?»Frage aus dem Publikum

Anregungen oder ein negativer Krankheitsbericht aus dem Spital Thun gehörten ebenfalls zur Fragerunde. Für finanzielle Erklärungen stand Verwaltungsratspräsident Thomas Bähler zur Verfügung, während CEO Bruno Guggisberg darauf hinwies, dass die Hausärzte der Region eine wichtige Rolle spielen würden, um das Spital Zweisimmen mit Patienten zu belegen, und dass im Jahr 2016 von Januar bis Oktober bei den Rettungsdiensten von 464 Einsätzen 408 in Zweisimmen enden würden. Und auf Nachhaken dieser Zeitung: «Ja, die Blinddarmoperation gehört zum Basisangebot.»

Optimismus herrscht

Auf den Punkt brachte es schliesslich Nationalrat Erich von Siebenthal: «Nur mit Ge­sprächen und Entschlossenheit des Saanenlandes und des Simmentals hat das Spital Zweisimmen und dieses Projet der STS AG eine Zukunft. Aber ich bin optimistisch.»

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