«Schönheit ist nicht nur Schein»

Mülenen

Ausgestellte Kühe werden aufgebrezelt wie Frauen an einer Misswahl. Doch das Tierwohl darf darunter nicht leiden. Wer sich widersetzt, wird sanktioniert.

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Die Kühe werden akkurat geschoren und sauber gewaschen, ihre Euter mit einer Tondeuse kurz rasiert, der Schwanz gebürstet. Glanz- und Glitzersprays für das Fell und schwarze Farbe für die Hufe sollen den optischen Gesamteindruck aufpolieren. Die Züchter machen viel, damit ihre Kühe einen Titel gewinnen, aber nicht alles!

«Die Schönheit der Tiere ist nicht nur Schein, sondern widerspiegelt eine gesunde, leistungsfähige und langlebige Kuh. Sind die äusseren Merkmale wie Grösse, Länge, Becken, Beine, Gang, Euter, Zitzen und so weiter optimal, spricht man von einer schönen Kuh», sagt Renate Brönnimann vom Bernischen Braunviehzuchtverband. Das menschliche Sprichwort «Schönheit muss leiden» stimmt zumindest für die Organisatoren der Kantonalen Berner Braunviehausstellung vom letzten Samstag in Mülenen definitiv nicht. Vorring-Richter wachen mit Argusaugen darüber, dass die Richtlinien an der Ausstellung, die in letzter Zeit zugunsten des Tierwohls verschärft wurden, eingehalten werden.

Keine Sanktionen

«Ich kontrolliere hier den Euterdruck und die Euterfüllung sowie ob das Tier auf eine unzulässige Art manipuliert worden ist», sagt Jonas Salzmann, Vorring-Richter der Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rinderzüchter (ARS). Zudem achte er auf das natürliche Verhalten der Kühe. «Wenn eine Kuh wiederkäut, ist das ein gutes Zeichen, dann fühlt sie sich wohl.»

In den Richtlinien, die der Verband seinen Ausstellern zusandte, steht unter anderem, dass die Tiere BVD(Bovine Virus-Diarrhoe)-frei sein müssen und bis 15 Uhr nicht überladen sein sollten, sprich: nicht zu viel Milch im Euter haben. Ebenso verboten waren am Samstag Eutersalben und das sogenannte Styling, bei dem die Tiere so frisiert werden, dass in Sachen Rückgrat oder Bauch optisch geschummelt werden kann. Zuwiderhandlungen werden mit Sanktionen und Ausschluss von weiteren Ausstellungen bestraft. Gemäss Salzmann wurde in Mülenen kein Züchter sanktioniert. Und auch für die Züchter selber gab es Vorschriften zum äusseren Erscheinungsbild: Es wurde verlangt, dass sie ihre Tiere in sauberen Tenü und weder im Viehhändlermantel noch mit Gummistiefeln vorführen.

Auffallend war der offensichtliche Familienanschluss, der viele dieser Ausstellungskühe genossen. Sie wurden neben dem Ring, wo sie in einer Halle auf ihre Auftritte warteten, von den Angehörigen ihrer Züchterfamilien gestreichelt, liebkost und umsorgt.

Lohn für gute Arbeit

«Man kann nicht eine Kuh 364 Tage im Jahr schlecht behandeln, und dann an einer Ausstellung einen Titel holen», sagt Thomas Rufener, Brown Swiss Züchter aus Heimenschwand, der nach eigenen Angaben regional sehr erfolgreich züchtet, aber noch keinen kantonalen Titel errungen hat. Er kam mit sechs Kühen nach Mülenen, die er schon eine Woche zuvor geschoren hat – «zu Hause im Stall, in aller Ruhe.»

Scheren, waschen und bürsten ist für ihn in Ordnung, auch Abdeckspray, um Druckstellen im Fell zu kaschieren, die sich die Tiere über den Winter im Stall geholt haben und vielleicht auch etwas Spray für seidenen Glanz im Fell. Und natürlich rasiert er das Euter seiner Kühe mit einer 0,4-Millimeter-Tondeuse, damit die Textur schön sichtbar wird. Aber er würde nie etwas machen, das dem Tier schaden könnte. «Eine schön geschminkte Frau ist ja auch schöner als ein Malkasten.»

Die Siegerinnen der Misstitel:Miss Schöneuter OB (original Braunvieh) 1. + 2. Laktation: Rowena, Arnold Glatthard, 3860 Schattenhalb. – Miss Schöneuter BV (Braunvieh) 1. + 2. Laktation: Steinhof‘s Genox-Boy Gardona, Bruno Gisler, 4539 Rumisberg. – Miss OB Schöneuter, 3. ff Laktation: Lilli, Arnold Glatthard, 3860 Schattenhalb. – Miss BV Schöneuter 3. ff Laktation: Milena, Werner Hänni, 3132 Riggisberg. – Miss Genetik OB: Nathali, Gebr. Winterberger, 3860 Meiringen. – Miss Genetik BV: Steinhof‘s Genox-Boy Gardona, Bruno Gisler, 4539 Rumisberg. – Miss BV: Mango, Erika Batzli - Braun, 3763 Därstetten. – Miss OB: Ahof-ob William Poldi, Andreas Anderegg-Wal, 3860 Schattenhalb. – Miss Siegerrind BV: Larosa, Christian und Thomas Kobel, 3552 Bärau. – Miss Siegerrind OB: Ahof-ob Rivaldo Tulpe, Andreas Anderegg-Wal, 3860 Schattenhalb.

Berner Zeitung

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