Tour de France: Bleibt mehr als die schöne Erinnerung?

Nach grosser Vorfreude und langen Vorbereitungen gehört die Visite des Tour-de-France-Trosses bereits der Vergangenheit an. Nun stellt sich die Gretchenfrage, was vom Anlass bleibt: nur schöne Erinnerungen? Oder profitiert das Oberland nachhaltig?

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Das Vorgeplänkel währte lange, die Vorbereitungen waren immens. Nach drei Tagen im Kanton Bern sagte der Tross der Tour de France am Mittwoch Adieu. Doch was bringt der Besuch des drittgrössten Sportanlasses der Welt?

Kurzfristig konnten mehrere Hotels in der Region profitieren. 4 der 22 Teams logierten in Betrieben in der Region Thun: Sky im Hotel Bellevue au Lac in Hilterfingen, Tinkoff im Parkhotel Oberhofen, BMC Racing im Hotel Belvédère in Spiez und Bora-Argon 18 im Hotel Eden in Spiez.

Kurzzeitiges Chaos während der Pressekonferenz

Einen grossen Fisch konnte das Bellevue au Lac in Hilterfingen mit dem Team Sky um Superstar und Tour-Leader Chris Froome an Land ziehen. «Als die Anfrage kam, mussten wir nicht lange überlegen», erinnert sich Vizedirektorin Maya Wagner.

Die Radprofis hätten sich sehr sympathisch gezeigt und seien höchst unkomplizierte Gäste gewesen. Insgesamt logierten 31 Leute vom Team Sky im Bellevue au Lac. Neben den neun Radprofis umfasste die Truppe Köche, Masseure und Betreuer. «Die Radfahrer wurden von den Teamköchen versorgt», sagt Wagner, «die anderen Gäste von un­serem Küchenteam».

Hektisch sei es nur während der Pressekonferenz am Dienstag gewesen, als die Parkplätze rund um den Betrieb nicht reichten. So gross war die Medienpräsenz. Dank der Unterstützung der Polizei konnte die Verkehrssituation jedoch gelöst werden.

«Der Halt der Tour de France in der Region Bern war für uns eine einmalige Chance», sagt Wagner weiter. Man habe dank der Visite grosse Aufmerksamkeit bekommen. «Aufgrund der in den Medien publizierten Hotelbilder erhielten wir bereits Reservationen.»

60 Kilo Eis und eine Unmenge Frotteetücher für zwei Tage

«Wir haben grosse Erfahrung in Bezug auf die Beherbergung von Sportmannschaften», sagt Bruno Affentranger, Direktor des Hotels Belvédère in Spiez. Er spielt dabei auf die zahlreichen prominenten Fussballmannschaften an, die im Belvédère den Geist von Spiez gesucht haben.

Nun konnte sich das Hotel als Logisgeber des BMC Racing Team auch bei den Radfans einen Namen machen. Man habe sich über die Anfrage sehr gefreut, sei es doch immer auch eine Prestigeangelegenheit, bekannte Gäste zu betreuen.

«Die Stars hatten absolut keine Allüren», sagt Affentranger. Sie seien sehr zugänglich gewesen. Zwischen den insgesamt 31 Gästen aus den Reihen des BMC Racing Team, davon neun Rennfahrer, und dem Personal habe beinahe ein kollegialer Umgang geherrscht, sagt Affentranger.

Vor unlösbare Probleme habe der hohe Besuch die Belvédère-Verantwortlichen denn auch nicht gestellt. «Der Platzbedarf für die Lastwagen und Wohnmobile war gross. Zudem hatten wir zusätzliche Strom- und Wasseranschlüsse für den Aussenbereich zu installieren», sagt der Hotel­direktor.

Für die Eisbäder der Sportler mussten insgesamt 60 Kilo Eis für zwei Tage bereitgestellt werden. Daneben brauchte es eine Unmenge Frotteetücher. «Damit hatte es sich aber mit ­Sonderwünschen.» Neben neugierigen Radfans zogen die Sportcracks auch die amerikanische Botschafterin an. Sie liess es sich nicht nehmen, den Stars einen Besuch abzustatten.

Keine Livebilder aus derRegion Thun

Inwieweit die Region vom Grossanlass profitieren könne, sei kaum abschätzbar. «Ich bin aber überzeugt, dass sich das Engagement auszahlt, auch wenn der Nutzen schwer bezifferbar ist», sagt Affentranger. Allein die Logiernächte, die von den Teams während des Stopps generiert wurden, seien nicht zu vernachlässigen.

Ein Wermutstropfen ist allerdings, dass die TV-Übertragung der Etappe durch das Oberland erst um 14 Uhr begann – just zum Zeitpunkt, als das Feld den Kanton Waadt ansteuerte. Damit gingen keine Bilder vom Gürbe-, Stocken- oder Simmental live um die Welt. «Das ist in der Tat schade», sagt auch Belvédère-Direktor Affentranger. Trotzdem werde das Oberland am Ende profitieren.

Natürlich sei es bedauerlich, dass die Region Thun nicht im Bild zu sehen gewesen sei, sagt auch Manuel Liechti, der das Dossier Tour de France vonseiten des Wattenwiler Gemeinderats betreut hat. «Aber deswegen machen wir sicher keine Szene.» Schliesslich hätten die positiven Emotionen überwogen. «Es war ein grosses Radfest.»

Bereits Stunden vor dem Start hätten viele Zuschauer ihren Platz an der Strasse eingenommen. «Ich hätte nie mit einem derart grossen Aufmarsch gerechnet.» Wattenwil sei für einige Stunden international gewesen: Er habe Holländer, Norweger, Deutsche und Franzosen gesehen. «Die Bürger werden sich zeitlebens daran erinnern, dass die Tour de France durch unser Dorf fuhr.»

Glaubwürdigkeit als Velo­destination stärken

Kerstin Sonnekalb, PR-Managerin von Gstaad-Saanenland Tourismus, sagt, die Durchfahrt des Tour-Trosses sei wertvoll, nicht zuletzt, um die Glaubwürdigkeit der Region als Velodestination weiter zu stärken. «Seit wir im April 2015 das Rennvelo-Roadbook veröffentlicht haben, verzeichnen wir in diesem Bereich eine schöne Entwicklung», sagt sie.

Dass die Region in den grossen TV-Stationen nicht gezeigt worden sei, sei «sehr schade», aber zu verschmerzen, «zumal sich das schon früh abzeichnete und wir keinen Einfluss auf die Sendezeiten hatten», wie Kerstin Sonnekalb sagt.

Auch Ernst Hodel, Gemeinderatspräsident von Zweisimmen, Koordinator der regionalen Aktivitäten und Verantwortlicher für das Tour-Village im Dorf, spricht von einem Anlass, der vor allem auch «eine Wirkung nach innen» gehabt habe – und erwähnt die Zusammenarbeit der drei Tourismusdestinationen Gstaad-Saanenland, Lenk-Simmental und Naturpark Diemtigtal.

Er sagt: «Wir haben das Village bereits am Samstag geöffnet und verschiedene Veranstaltungen für die Bevölkerung dort durchgeführt.» So haben je 100 und mehr Personen Events wie den Stammgäste-Apéro vom Samstag, den Velo-Gottesdienst sowie den Tour-Brunch vom Sonntag oder den Gewerbehöck am Montag besucht.

Hodel ist überzeugt, dass die Tour touristisch ihre Spuren hinterlassen wird. So berichtet er von Gästen aus der australischen Metropole Melbourne, die extra wegen des Radsportevents nach Zweisimmen gekommen seien, oder von einer honduranischen Familie, die eine Woche ein Ferienhaus gemietet hat, um die kolumbianischen Stars anzufeuern.

Man dürfe eben die Radsportfans nicht unterschätzen, sagt Hodel mit einem Augenzwinkern und hofft, dass die Bilder die eben doch über Bezahl-TV und Sportsender in Europa und Amerika geflimmert seien, ihre Wirkung noch zeigen werden.

Thuner Tagblatt

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