Viel Klima-Wissen und wenig Rezepte

Spiez

Der Wissenschaftler Thomas Stocker von Spiez lieferte die Fakten zur Klimaerwärmung. Wie sollen regionale Politik und Wirtschaft reagieren?

Das Klima-Podium in Spiez (v.l): Urs Kessler, CEO Jungfraubahnen, Moderator Adrian Durtschi, Professor Thomas Stocker und Nationalrat Erich von Siebenthal.

Das Klima-Podium in Spiez (v.l): Urs Kessler, CEO Jungfraubahnen, Moderator Adrian Durtschi, Professor Thomas Stocker und Nationalrat Erich von Siebenthal.

(Bild: Anne-Marie Günter)

«Globale Erhitzung. Was, wenn Paris scheitert?» Unter diesem Titel hielt auf Einladung des Vereins Spiezer Agenda 21 Klimaforscher Thomas Stocker, Abteilungsleiter Klima und Umweltphysik der Uni Bern, einen Vortrag. In Spiez, das vor 20000 Jahren tief unter Gletschereis lag. Dass sich das Klima auf der Erde im Lauf der letzten 800000 Jahre immer wieder geändert hat, ist unbestritten. Seit damals gabs – so Stocker – acht Eiszeitzyklen. Und dazwischen wärmere Zeiten.

Alles aber viel langsamer. Die drei heissesten Sommer in der Schweiz seit 1864 fanden ab 2015 statt. Noch nie gabs so viel CO2 in der Luft wie heute. Das lässt sich – unter anderem anhand von Luftbläschen im Gletschereis – beweisen und quantifizieren: Es sind 35 Prozent mehr als in den ganzen 800000 Jahren zuvor, bilanzierte Stocker. Im Auftrag der Politik erarbeiteten Wissenschaftler aus der ganzen Welt vielseitige Klimaberichte für die Vereinten Nationen.

In einem «Summery for Policymakers» wird dann kräftig zusammengefasst. Stocker hat an den Berichten, aktuell ist es der fünfte, mitgearbeitet. Die anerkannten Resultate: Die Erwärmung des Klimasystems ist eindeutig. Der Einfluss des Menschen auf das Klimasystem ist klar. Die Beschränkung der Erwärmung erfordert eine Reduktion der CO2-Emissionen auf null. 2015 beschloss die UN-Klimakonferenz in Paris, dass die globale Erwärmung unter 2 Grad, wenn möglich aber auf 1,5 Grad gesenkt werden soll. Es ist dieses Paris-Ergebnis, das scheitern könnte.

Jedes halbe Grad zählt

Die Folgen der 2-Grad-Erwärmung zählte Stocker anhand von drei Dingen auf: 99 Prozent der Korallenriffe gehen verloren, die Arktis ist im Sommer alle 10 Jahre eisfrei, 18 Prozent der Insekten, 16 Prozent der Pflanzen, 8 Prozent der Wirbeltiere verlieren 50 Prozent ihres Lebensraums. Läge die Erwärmung nur bei 1,5 Grad Celsius, blieben immerhin 10 bis 30 Prozent der Korallenriffe erhalten, die Arktis wäre nur einmal pro 100 Jahre eisfrei, und nur 6 Prozent der Insekten, 8 Prozent der Pflanzen und 4 Prozent der Wirbeltiere würden 50 Prozent des Lebensraums verlieren.

Eindrücklich Stockers Hintergrundbild für die Ressourcen Gesundheit, Wasser, Land und Biodiversität, die von der Klimaerwärmung gefährdet sind: Es zeigte die fragile blaue Kugel Erde, die vom Mond aus gesehen in einem riesigen schwarzen Raum aufgeht. Soll das Klimaziel erreicht werden, drängt die Zeit: Um die 2-Grad-Erwärmung 2040 zu erreichen, dürfen 790 Milliarden Tonnen Kohlenstoff verbraucht werden; davon sind aber bis 2018 bereits 585 Milliarden Tonnen verbraucht worden.

Auf einem an den Vortrag anschliessenden Podium diskutierte unter der Leitung von Radio-BEO-Chefredaktor Adrian Durtschi Thomas Stocker mit Urs Kessler, CEO Jungfraubahnen, und Nationalrat Erich von Siebenthal, Gstaad, als Vertreter der Politik. Dieser erwies sich als engagierter Vertreter des einheimischen Bau- und Energieprodukts Holz.

Er regte an, dass der Wissenschaftler wie Wasser und Wind auch Holz auf seiner Folie zu alternativen Energieträgern aufnimmt. Zur Sprache kam dann eher die Symptombekämpfung als die Ursache, welche die UNO klar beim CO2 geortet hat. «Man muss die Folgen antizipieren», sagte Kessler. «Wir haben mit dem Geologen abgeklärt, dass wir unsere Bauprojekte problemlos realisieren können.» Der Sphinx-Lift bleibe sicher, der Eispalast könne mit einem zusätzlich angeschafften Pistenfahrzeug immer wieder mit Schnee bedeckt werden, und der Gletscherausgang könne bis 2030 gehalten werden, allerdings mit hohem finanziellem Aufwand.

Erich von Siebenthal fragte sich, wie lange die hohen Kosten für die Beschneiung noch tragbar sind. «Der Tourismus ist aber unsere Wirtschaftsbasis, und der Schneesport bringt viele Leute zu uns», sagte er. Immerhin durfte Kessler feststellen, dass die Jungfraubahnen beim V-Projekt und seiner Zufahrt stark auf den öffentlichen Verkehr setzen. «Sorgen bereitet uns der Föhn», sagte er auf Nachfrage von Durtschi. An 11 Tagen mussten diesen Winter die Bahnen ganz oder teilweise stillgelegt werden. «Wir sind dankbar, dass es jetzt geregnet hat», sagte von Siebenthal. Wasser, so Stocker, würde es im Winter genug haben, aber nicht als Schnee. Über Wetterphänomene, vor allem im lokalen Bereich, werde weiter geforscht.

Publikumskritik

Nicht ganz so glücklich über den Verlauf der Diskussion zeigten sich einige Teilnehmer der Veranstaltung. Es gehe nur um Finanzen. Zur Sprache kamen der massive CO2 beim Bau des Schlossbergparkings in Thun und die halbseitigen Inserate der Ölindustrie. Oder die hohen Kredite des Bundes für den Ausbau des Autobahnnetzes und die Militärjetbeschaffung, während das GA der SBB teurer werden soll.

Von Siebenthal wies darauf hin, dass gerade im Berggebiet die Leute aufs Auto angewiesen und dass die Flugzeuge für die Sicherheit der Schweiz nötig seien. Stocker sagte, dass die Schweizer bei Abstimmungen die Möglichkeit haben, zugunsten des Klimas zu entscheiden, was die Landbevölkerung beim bernischen Energiegesetz verpasst habe.

Berner Oberländer

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