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Patient behindert, Arzt frei

ObergerichtJetzt in Bern und vorher in Interlaken

Der Unfall, der zur gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen einem Patienten und einem Chirurgen des Spitals Interlaken führte, hatte sich bereits im Sommer 2004 ereignet. Der heute 45-jährige Mann ist seither behindert, weil ein Teil seiner Fussmuskulatur abgestorben ist. Der Unfall ereignete sich im Grimselgebiet, wo der Mann stürzte und sich dabei das Schienbein unterhalb des Knies brach. Beim Spitaleintritt war er alkoholisiert. Deshalb wurde die Operation des Beines auf später verschoben. Starke Schmerzen Früh am Morgen des fünften Tages klagte der Patient zum zweiten Mal, dass das Bein schmerze und er kein Gefühl in den Zehenspitzen habe. Die Untersuchung ergab, dass der Druck im Bein sehr hoch war, was auf ein beginnendes Logensyndrom hinwies. Beim Logensyndrom handelt es sich um einen stark erhöhten Druck im Bein, der auf die Nerven drückt und die Blutzirkulation unterbindet. Wird der Druck nicht innerhalb von sechs Stunden durch einen Schnitt vermindert, besteht die Gefahr, dass Muskelteile absterben und unwiederbringlich verloren sind. Trotzdem wurde der Patient noch an diesem Tag von Interlaken nach Bern verlegt. Allerdings wurde das Zieglerspital in Bern informiert über die Diagnose Logensyndrom, in der Erwartung, dass sich das Zieglerspital darum kümmern würde. Dort wurde der Eingriff gegen 16 Uhr dann auch vorgenommen, doch es war bereits zu spät, ein Teil der Fussmuskeln war abgestorben. Die Ärzte des Zieglerspitals versuchten alles, um den Fuss zu retten, aber die heute bestehende Behinderung konnte nicht verhindert werden. In der Folge klagte der Patient das Spital Interlaken an, weil er diesem die Schuld an seiner Behinderung und den daraus entstandenen beruflichen und persönlichen Problemen gab. Erst im Februar 2010 wurde ein erstes Urteil gefällt, und der behandelnde Arzt in erster Instanz freigesprochen. Obergerichtspräsident Guéra kritisierte denn auch, dass die Untersuchung des Falles viel zu lange gedauert habe. Erneuter Freispruch In der Begründung des Urteils sprach Richter Guéra von einem tragischen Fall, bei dem ein einfacher Beinbruch schwere Auswirkungen zur Folge gehabt habe. Für das Obergericht war es klar ein Behandlungsfehler und damit ein Fall von Körperverletzung. Der Arzt hatte gegenüber dem Patienten eine Garantenstellung inne, und er hat auch seine Sorgfaltspflicht verletzt. Dass der Arzt dennoch vom Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen wurde, liegt einzig daran, dass nicht genau bekannt ist, wann das Logensyndrom auftrat: ob bereits damals, als der Patient zum ersten Mal über Schmerzen klagte, oder erst am nächsten Morgen. Damit kann auch nicht gesagt werden, bis wann spätestens der Eingriff hätte vorgenommen werden müssen, damit beim Patienten kein bleibender Schaden entstanden wäre. Margrit Kunz>

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