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Prozessauftakt im Fall Kachelmann

Jörg Kachelmann steht ab heute in Mannheim vor Gericht. Ihm wird Vergewaltigung und Bedrohung vorgeworfen. Im «Vorprozess» in den Medien geht es hauptsächlich um den Charakter Kachelmanns, weniger um die Tat selbst.

Heute beginnt vor dem Landgericht Mannheim der Prozess gegen Jörg Kachelmann. Der «Vorprozess» in den Medien dreht sich mittlerweile mehr um die Frage, was für ein Mensch der Schweizer Wettermoderator ist – egal, was er möglicherweise getan hat. Der 52 Jahre alte Schweizer muss sich vor Gericht verantworten, weil er seine ehemalige Geliebte gemäss Anklage brutal vergewaltigt und bedroht haben soll. Für den Prozess sind 13 Sitzungstage geplant, 25 Zeugen und 5 Sachverständige sollen vernommen werden. Es geht um die Frage, was in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2010 geschah. Gemäss Anklage hatte sich die Geliebte von Kachelmann nach 12 Jahren trennen wollen. Darauf habe er sie mit einem Küchenmesser bedroht und zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Dabei habe er ihr das Messer gegen den Hals gedrückt. Während und nach der Tat soll er gedroht haben, sie umzubringen. Kachelmann hingegen bestreitet die Tat. Sie hätten sich getrennt, traurig, aber friedlich, dann sei er in ein Hotel gefahren, sagt der Wettermoderator und Chef von Meteomedia. Sie habe ihn jedoch danach angezeigt. «Prozess» in den Medien Am 20. März wurde Kachelmann dann bei seiner Rückkehr von den Olympischen Winterspielen in Vancouver am Flughafen Frankfurt verhaftet und in Untersuchungshaft gesetzt. Diese dauerte über 130 Tage. Erst am 29. Juli wurde er auf freien Fuss gesetzt. Nun soll im Prozess die Wahrheit über diese Nacht ans Licht kommen – was schon schwer genug sein dürfte. Doch hinzu kommt, dass seit der Verhaftung des Moderators ein beispielloser «Vorprozess» in den Medien stattfindet. Die deutschen Magazine «Spiegel», «Focus» und «Zeit» berichteten ausführlich aus Ermittlungsakten und Gutachten. «Ich fand das mehr als erstaunlich, was die alles wussten», sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Mannheim, Andreas Grossmann. Er betont: «Von uns hatten sie's nicht.» Kachelmann wehrt sich Vorwürfe, wonach die Staatsanwaltschaft Kachelmanns Persönlichkeitsrechte besser hätte schützen müssen, weist Grossmann zurück: «Es ist illusorisch anzunehmen, die Behörden könnten den Namen eines inhaftierten Prominenten über Monate geheim halten.» Kachelmann ist gegen mehrere Veröffentlichungen gerichtlich vorgegangen; vom Springer-Verlag fordert er wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte eine Entschädigung in Höhe von rund zwei Millionen Euro. Nach seiner Freilassung ging der Moderator selbst in die PR-Offensive: In zwei Interviews betonte er seine Unschuld. Gericht unter Druck Es wird sich zeigen, ob die 5. Grosse Strafkammer des Landgerichts Mannheim den öffentlichen Druck ausblenden kann. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nennt das Gericht keine Namen von Zeugen. Die Staatsanwaltschaft bestätigte nur, dass «diverse weibliche Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten» geladen seien. Doch eine Zeugin hat bereits vor ihrem Auftritt vor Gericht in der Zeitschrift «Bunte» ausgesagt. Auch das Magazin der «Süddeutschen Zeitung» druckte vergangene Woche Aussagen verschiedener Freundinnen und Kolleginnen des Moderators. Der öffentliche Vorprozess, so scheint es, dreht sich inzwischen vor allem um die Frage, was für ein Mensch Kachelmann ist. Es fällt auf, dass auch das Landgericht zunächst die Zeuginnen aus dem Umfeld Kachelmanns hören will – und erst gegen Schluss, ab dem 9. Verhandlungstag, das mutmassliche Opfer. Ungewöhnliches Vorgehen Erfahrene Strafrechtler halten dies für ungewöhnlich: «Die Frauen können die Persönlichkeit des Angeklagten beleuchten – ob das, was ihm vorgeworfen wird, schlüssig ist im Vergleich zu anderen Verhaltensmustern», sagt der Berliner Strafverteidiger Ulrich Wehner. «Aber sie können zum Kerngeschehen nichts sagen.» Allein auf dieses Kerngeschehen kommt es jedoch bei der strafrechtlichen Beurteilung an – auf das, was in besagter Nacht passiert ist. «Zu verhandeln ist nicht seine Persönlichkeit», sagt Wehner. «Der Vorwurf lautet nicht: 'allgemeine Fehlbehandlung von Frauen'.» Jochen Neumeyer, dpa>

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