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Ratgeber für alle Fälle

marianne vogel kopp

Und was schenken wir Tante Hedwig dieses Jahr? Auf meine Frage gibt mein Liebster nichts von sich als einen Seufzer. Eine nachdenkliche Pause folgt und die gebrummte Erkenntnis: Am passendsten wäre ein Antidepressivum. Im Ernst, genau das braucht sie, einen Stimmungsaufheller. Und solche gibt es ja nicht bloss chemischer Art. Meine pädagogische Neigung gibt einem Erzeugnis aus der Ratgeberliteratur den Vorrang. Ein rascher Blick ins Netz stellt vor die verwirrend reiche Auswahl. «Loslassen – Aufwachen – Sein. Der Weg zum wahrhaft erfüllten Leben». Schon sehe ich Tante Hedwig vor mir, aufrecht und mit wachsendem Heiligenschein. Oder wäre eine schlichte Gebrauchsanweisung nicht einfacher? «Sag ja – 60 kleine Schritte zum Glück». Aber halt, da bietet ein ande-rer Autor dasselbe Ziel bereits in 9 Schritten an. Diese Ratgeber boomen. Ich kann es gar nicht fassen, was da alles angeboten wird für Eltern, für Paare, für Erfolglose, für Inkontinente, gegen schlicht alle Probleme des Lebens, die Hinz und Kunz treffen können. Ich kriege fast einen Rauschzustand bei dieser Lektüre. Und alle, die von mir noch beschenkt werden wollen, passieren Revue in meinem Kopf. Für jede und jeden von ihnen finde ich auf Anhieb mehrere passende Titel. «Pessimisten küsst man nicht», genau die richtige Herausforderung für D. «Erlernte Hilflosigkeit», trifft für J. ins Schwarze. «Selbstbewusstsein – sofort», richtig, warum sollte Y. auch zuwarten? «Work-Life-Balance», exakt das, was U. fehlt. Nach diesem Höhenflug werde ich wieder nüchtern. Offensichtlich ist diese Art von lesbarer Hilfestellung etwas, das Leute kaufen, sonst würden diese Werke nicht in solcher Zahl produziert. Die Menschen meinen wohl, diese Ratschläge zu brauchen. Gut, sich Rat er-lesen ist gewiss billiger, als sich auf dem therapeutischen Markt Beratung bei einem professionellen Gegenüber zu holen. Und die Hilfe zur Selbsthilfe setzt immerhin schon voraus, dass jemand ein Problem bewusst angehen will. Was mich an der Mehrzahl dieser Angebote aber nervt, ist ihre penetrant positive Ausstrahlung. Viele deklarieren sich als Erfolgsrezept, als schlichte Gebrauchsanweisung, mit der man im Instantverfahren zum Kenner, zur Könnerin und Lebensbewältigerin avanciert. Und schlimmer noch, sie suggerieren, was «richtig leben» bedeutet. Vieles kommt lifestylemässig daher, gaukelt einem Unwiderstehlichkeit und Erfolge aller Art vor. Und ich merke: So will ich doch gar nicht auftreten. So will ich weder meinen Alltag organisieren noch meinen Mann dressieren. Es gibt in der Ratgeberliteratur gewiss ganz erhebliche qualitative Unterschiede. Manche Autoren oder ganze Autorenteams geben echte, vertiefte Kenntnisse weiter. Aber viele, allzu viele spielen auf der Klaviatur der Oberflächlichkeit. Eine kleine, oft genug banale Erkenntnis wird aufgebauscht und hundertmal variiert. Das kommt einer Gehirnwäsche verdächtig nahe. Und eben, wollen wir überhaupt so ticken, wozu uns da verholfen wird? Gehören nicht eine Vielzahl der Ratschläge eher in die Rubrik: Wie werden wir alle massenkonform? Fazit: Diese Kultur der Selbsthilfe ist mit Vorsicht zu geniessen, auch wenn sich im grossen Kuchen durchaus qualitative Rosinen aufspüren lassen. Und letztlich ist der beste Ratgeber immer noch unser eigenes Herz oder unser Bauchgefühl. Das meldet an, wo wir nächste Schritte gehen und wo konkrete Hilfe holen sollen, wenn wir nur aufmerksam unserem Gefühl folgen. Auch Tante Hedwig traue ich solche Eigenkompetenz zu und die Fähigkeit, selbst über ihr Leben und ihre Entwicklungsschritte zu entscheiden. Und überhaupt, warum muss das Gemüt immer heiter sein, manchmal ist eben eine dunklere Zeit an der Reihe und muss auch ihr standgehalten werden. Also für Tante Hedwig kein Ratgeber zur seelischen Aufhellung, so weit, so gut. Doch – was schenken wir ihr dieses Jahr? E-Mail: marianne.vogel@spiez.ch redaktion-bo@bom.ch>

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