Zum Hauptinhalt springen

Kritik an Gemeinde und Wutbürgern

Das Überbauungsprojekt in der Underrüti in Münsingen ist maximal umstritten. Politiker stören sich am Vorgehen des Gemeinderats ebenso wie an den heftigen Reaktionen der Betroffenen.

Dieser Familiengarten in der Underrüti soll einer Überbauung weichen.
Dieser Familiengarten in der Underrüti soll einer Überbauung weichen.
Raphael Moser

Was war denn da los? Letzte Woche informierte der Gemeinderat die Anwohnerinnen und Pächter des Familiengartens Underrüti. Der Garten soll einer fast autofreien Siedlung mit günstigen Wohnungen weichen. 300 Personen könnten dereinst in der Überbauung wohnen. Über die Gemeindevertreter entlud sich ein Sturm der Entrüstung. Dann lieber ein Platz für Fahrende oder ein Asylzentrum, meinten Anwesende – wohl nur halb im Scherz.

Auch Gemeindepolitiker sehen die Sache kritisch, wie eine Umfrage unter den Fraktionssprechern zeigt. Sie geben hier aber meist ihre persönliche Meinung wieder. Die Reaktionen der Betroffenen seien grundsätzlich verständlich, sagt Hans Kipfer (EVP) von der Mittefraktion. «Aber man muss es doch nüchterner anschauen.» Die Situation in der Underrüti sei von der Mitwirkung zur Ortsplanungsrevision bekannt gewesen.

Jedoch habe der Gemeinderat mit seinem «Vorpreschen» selber für Verunsicherung gesorgt. Aktuell sind auf der Parzelle zweistöckige Bauten erlaubt. Die neue Siedlung soll aber vierstöckig gebaut werden, was erst im Entwurf des Baureglements vorgesehen ist. Für einen zukünftigen Investor müsse gelten, was im Reglement stehe. «Nun herrscht eine Unsicherheit, ob die Bedingungen überhaupt eingehalten werden», so Kipfer.

«Auf dem Serviertablett»

«Es ist nicht einfach, allen Seiten gerecht zu werden», findet Cornelia Tschanz (FDP). Einerseits herrsche ein Mangel an günstigem Wohnraum. «Wir haben den Auftrag, dass wir solche Wohnungen anbieten können.» Anderseits gebe es die Interessen der Gartenbesitzer, die es zu berücksichtigen gelte. Eine pfannenfertige Lösung für dieses Dilemma habe sie auch nicht.

Tschanz rechnet fest mit einem Referendum, womit der Ball bei der Stimmbevölkerung läge. Es werde sicher nicht einfach, das Projekt zu realisieren. Zumal im Quartier offenbar die Angst umgehe, dass in der neuen Siedlung Sozialwohnungen entstehen könnten – was Gemeindepräsident Beat Moser (Grüne) am Infoanlass allerdings klar verneinte.

Für die Überbauung in der Underrüti hat die Gemeinde mit der Baufirma Frutiger bereits einen Planungsvertrag unterzeichnet. Ein Wettbewerb wird nicht durchgeführt – und genau das stört Martin Schütz (SP). Nur so könnte die Qualität der Siedlung sichergestellt werden. «Für mich ist auch unverständlich, dass Frutiger dieses Übungsfeld auf dem Serviertablett erhält.» Die Firma habe keine Erfahrung mit preisgünstigem Wohnungsbau. In Münsingen will sie mit einem Testgebäude herausfinden, wie sich die Siedlung kostengünstig und doch komfortabel bauen lässt.

«Ich glaube nicht, dass diese Laborsituation etwas bringt», sagt Schütz. Man könne eine Siedlung mit 140 Wohnungen in vierstöckigen Gebäuden nicht mit einem zweistöckigen kleinen Haus simulieren. Ausserdem besitze Frutiger selbst genügend Land. Dort könne sie diesen Test machen – «aber sicher nicht in Münsingen auf der einzigen grossen gemeindeeigenen Baulandparzelle». Frutiger reagierte auf mehrere Anfragen dieser Zeitung bisher nicht.

«Das macht mir Sorge»

Ganz anders sieht es Urs Strahm (SVP), der am Freitag aus dem Parlament zurücktritt. Er hatte einst dafür gesorgt, dass die neue Siedlung mindestens dreistöckig gebaut werden soll. «Sonst wäre der soziale Wohnungsbau viel zu teuer.» Nun gebe es endlich eine Lösung mit Wohnungen in Kostenmiete – wie es hauptsächlich die linken Parteien forderten. «Für uns ist aber klar, dass es die Kostenmiete nur in der Underrüti und nicht noch an weiteren Orten geben darf.» Und mit der Frutiger aus Thun komme ein lokales Unternehmen zum Zug.

Die Kritik am Gemeinderat versteht er nicht. «Ich weiss, dass der Gemeinderat nichts falsch gemacht hat.» Die Gartenpächter könnten froh sein, dass die Gemeinde ihnen sehr entgegenkomme und guten Ersatz in der Nähe anbiete. Für die Anwohner könne er nicht sprechen, aber es sei klar, dass ein solches Vorhaben immer für einen Teil auch eine Einschränkung bedeute.

«Wir haben erst sehr wenige Informationen», sagt Daniela Fankhauser (Grüne). Das zeigte sich schon im Parlament, als Andreas Wiesmann zahlreiche Fragen stellte. Warum musste es so schnell gehen? Warum gerade Frutiger? Warum gab es keine Evaluation? Die Antworten des Gemeinderats stehen noch aus. «Über den Prozess sind wir schon irritiert», so Fankhauser. Die Grünen tendieren nun zu einem obligatorischen Referendum: «Das Stimmvolk soll das letzte Wort haben.»

Irritiert ist Fankhauser aber auch über etwas anderes – über die hitzigen Voten an der Veranstaltung und die giftigen Onlinekommentare danach. «Da haben sich einige Leute zu Wutbürgern entwickelt, das macht mir Sorgen.» Sie hoffe, dass rasch wieder Vernunft einkehre und man normal miteinander diskutieren könne.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch