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«Unsere Gemeindepolitik findet hinter verschlossenen Türen statt»

Cathrine Liechti (SP) amtet im Jubiläumsjahr als Parlamentspräsidentin. Die 25-Jährige sieht einen Graben zwischen Politik und Bevölkerung – und schickt ihr Gremium deshalb auf Tournee durch die Gemeinde.

Hier nahm vor 100 Jahren der Könizer Parlamentsbetrieb seinen Anfang: Die neue Ratspräsidentin Cathrine Liechti (SP) im alten Dorfschulhaus.
Hier nahm vor 100 Jahren der Könizer Parlamentsbetrieb seinen Anfang: Die neue Ratspräsidentin Cathrine Liechti (SP) im alten Dorfschulhaus.
Adrian Moser

Cathrine Liechti, wir befinden uns hier im alten Dorfschulhaus Köniz. Wo es heute Architekturbüros und Arztpraxen hat, fand vor 100 Jahren die erste Könizer Parlamentssitzung statt. Was löst das bei Ihnen aus?Cathrine Liechti: Es macht mir Eindruck. Ich bin als Kind immer wieder an diesem Haus vorbeigelaufen auf dem Weg in die Badi. Einmal war ich auch drinnen beim Augenarzt für eine neue Brille. Da war mir die Geschichte des Gebäudes noch nicht bekannt. Mir bewusst zu werden, dass hier alles anfing, ist speziell. 100 Jahre ist eine lange Zeit für ein Parlament.

Als diesjährige Parlamentspräsidentin haben Sie für die Auftaktsitzung gleich auch zur Kostümfeier geladen. Wird das Jubiläumsjahr 2020 für das Könizer Parlament zur Dauerparty? Nein, das ist nicht das Ziel. Meine Idee war bloss, das Jubiläumsjahr mit einem besonderen Auftakt zu zelebrieren. Deshalb habe ich alle Parlaments- und Gemeinderatsmitglieder dazu aufgerufen, an der ersten Sitzung im 1920er-Look zu erscheinen.

Wie feiert das Parlament sein 100-jähriges Bestehen sonst noch? Ein offizielles Fest wird es nicht geben. Ich war der Ansicht, dass das der Bevölkerung nicht viel bringt. Dafür wird es im Rahmen des Jubiläums mehrere öffentliche Parlamentssitzungen in verschiedenen Könizer Ortsteilen mit thematischen Schwerpunkten geben. Das Parlament geht also gewissermassen zu den Leuten. Damit wollen wir die Bevölkerung auf unsere Arbeit aufmerksam machen.

Ist das Könizer Parlament in der Bevölkerung zu wenig anerkannt, dass es auf Tournee gehen muss? Manchmal habe ich schon das Gefühl, dass sich die Leute gar nicht so recht bewusst sind, dass es überhaupt ein Parlament gibt, geschweige denn wissen, was dieses macht. Vielleicht hat das aber auch mit meiner Perspektive als junge Parlamentarierin zu tun. Als solche stelle ich fest, dass sich Gleichaltrige kaum mit Politik auseinandersetzen. Aus meiner Wahrnehmung findet unsere Gemeindepolitik eher hinter verschlossenen Türen statt.

Dabei sind die Parlamentssitzungen auf dem Schlossareal schon heute öffentlich. Das Publikumsinteresse ist aber äusserst gering. Befürchten Sie keine leeren Säle auf Ihrer Tournee? Das Risiko besteht natürlich. Dennoch ist es nicht alltäglich, dass das Könizer Parlament in den verschiedenen Ortsteilen tagt und erhöht das Interesse. Eventuell macht es gerade die Nähe aus. Damit ergibt sich die Möglichkeit im eigenen Dorf einmal eine Parlamentssitzung zu besuchen.

Bei der an der Urne deutlich versenkten Steuererhöhung letzten Herbst haben Parlament und Gemeinderat am Volk vorbei politisiert. War diese denkwürdige Abstimmung ein Mitgrund für die Offensive, die das Parlament nun startet? Nein, zum Zeitpunkt der Abstimmung war das Programm fürs Jubiläumsjahr schon geplant. Die Abstimmung hat aber gezeigt, dass die Politik zu wenig die Diskussion mit der Bevölkerung gesucht hat. Es ist wichtig, den Leuten einen Einblick in unsere Arbeit zu geben. Daher kommt unsere Tournee durch die verschiedenen Ortsteile dieses Jahr zum richtigen Zeitpunkt.

Als Präsidentin müssen Sie jetzt ein Jahr lang die Sitzungen leiten und dürfen nicht mehr an den Debatten teilnehmen. Wie schwer wird Ihnen das fallen? Bei gewissen Themen oder Voten werde ich wohl den Drang haben mitzudiskutieren respektive zu widersprechen. Da wird mir die von mir verlangte Neutralität schwer fallen. Aber es ist ja nur ein Jahr, in dem ich mich zurückhalten muss. Die neue Funktion ist jedoch auch praktisch. Ich werde zum Beispiel keine Voten vorbereiten müssen.

Was ist Ihr Ziel für das Jahr? Das Parlament soll bekannter werden in Köniz. Die Leute sollen sich angesprochen fühlen, wenn es darum geht, sich für die Gemeinde zu engagieren.

Als Ratspräsidentin sind Sie nun offiziell die höchste Könizerin – und das mit 25 Jahren. Wie fühlt sich das an? Es ist ein gutes Gefühl. Dieser Status wird meinen Alltag aber nicht gross verändern, die Leute werden mir nicht anders begegnen. Und ich bin mir durchaus bewusst, dass ich eine der jüngeren Ratspräsidentinnen bin. Das finde ich aber umso besser, weil ich so die Möglichkeit habe, die Parlamentsarbeit bei meiner Generation bekannter zu machen.

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