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Roberto Zanetti: Wie Phoenix aus der Asche

Vom alt Regierungsrat zum «jung Kantonsrat»: Roberto Zanetti lanciert seine politische Karriere neu. Zurück in die Regierung wolle er aber nicht, sagt der 54-Jährige. Auch wenn ihm der Verzicht schwer falle.

Herr Zanetti, ist Ihnen das Jäten verleidet? Roberto Zanetti: Ich weiss, auf was sie ansprechen. Ich habe einen Nachbarn, der beginnt am Morgen früh zu arbeiten und nachmittags um drei Uhr macht er Feierabend und geht in seinen Garten. Ich habe während meiner Zeit als Regierungsrat mal gesagt, dass mich das beeindruckt und dass ich auch gerne «gartnen» würde, wenn ich mehr Zeit hätte. Aber ich habe auch nach der Abwahl nicht mit Gartenarbeit begonnen.

Dann sind Sie im Job gelangweilt? Warum sonst wollen Sie zurück in die Politik? Mir ist hier überhaupt nicht langweilig. Ich habe einen tollen Job als Geschäftsleiter der Perspektive. Es ist übrigens eine 80-Prozent-Stelle, deshalb habe ich das Gefühl, dass sich Arbeit und Kantonsrat sehr gut vereinbaren lassen würden, sich sogar ergänzen. Trägerschaft der Perspektive sind die Gemeinden, doch fachlich arbeiten wir vor allem mit dem Kanton zusammen. Da weiss ich, an welche Türe ich klopfen muss, wenn ich etwas will. Ich glaube, von dieser Vernetzung profitiert auch die Institution. Ich stieg als junger Mann in die Politik ein und wollte die Welt aus den Angeln heben. Wenn man das mit 18 vor hat, ist das in Ordnung, wenn man mit 50 immer noch meint, das sei möglich, ist man ein bisschen naiv. Aber bei der Perspektive kann ich echt etwas bewirken, bin direkt bei den Leuten.

Aber noch einmal: Warum wollen Sie dann zurück in die Politik? Es ist noch nicht lange her, da war ich der «junge Ammann» von Gerlafingen. Und jetzt bin ich im besten Alter und schon alt Regierungsrat. Da fehlt irgend etwas dazwischen. Das ist schlimmer als von der Pubertät direkt in die «Midlifecrisis», das ist so etwas wie der Sprung von der Pubertät direkt ins Greisenalter. Ich hatte in den letzten drei Jahren immer die Rolle des noblen Zuschauers vom Spielfeldrand aus. Eigentlich sollte mich der ganze Kram überhaupt nicht mehr interessieren. Aber ich kanns einfach nicht ändern. Wenn ich Debatten verfolge, denke ich manchmal, das ist ja unglaublich, was da abgeht. Aber es ist natürlich heikel, sich als alt Regierungsrat einzumischen. Ich meine das jeweils nicht besserwisserisch. Aber es ist nötig, sich zu engagieren und ich habe Lust drauf, mich zu engagieren. Deshalb möchte ich vom alt Rregierungsrat zum «jung Kantonsrat» wechseln.

War für Sie nach Ihrer Abwahl immer klar, dass Sie zurückkehren? Ich hätte liebend gerne als Regierungsrat weiter gemacht. Ich konnte als Regierungsrat ja nicht gleichzeitig für den Kantonsrat kandidieren. Das hat dazu geführt, dass ich wirklich von 150 auf null gefallen bin. Man kann von Regierungsarbeit halten was man will, aber der Job ist verdammt anstrengend. Aber er ist toll und macht Spass. Plötzlich weg vom Fenster zu sein, ist happig. Aber apolitisch war ich auch nach der Abwahl nie.

Dann mussten Sie für Ihre Kandidatur nicht überredet werden? Nein, das war ausschliesslich mein Entscheid. Ich habe die Kandidatur mit ein paar Leuten besprochen, zunächst eher im Scherz. Nach der Abwahl habe ich einmal geträumt, ich sei im Kantonsrat. Der Traum handelte in der Zukunft. Dabei habe ich einen politischen Gegner vor mir gesehen und ihn verbal regelrecht filetiert. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber dieser ist mir geblieben. Ich habe das noch meinem Freund Rolf Ritschard erzählt. Er lachte und sagte: «Wenn du das noch einmal träumst, dann musst du dir den Typen wirklich zur Brust nehmen.» Dieser Traum hat etwas ausgelöst. Die Idee hat sich in meinem Kopf festgesetzt.

Gab es ein Ereignis, das Sie in Ihrem Ansinnen bestärkt hat? Die ganze Strompreis-Geschichte. Ich bin ja nicht der Meinung, man müsse alles liberalisieren, aber damals im Nationalrat habe ich – das muss ich zu meiner Schande eingestehen – für die Strommarktliberalisierung gestimmt. Grund waren die Aufrufe unserer Industrie, dass ohne Liberalisierung die Arbeitsplätze bedroht seien. Das sind teilweise dieselben Betriebe, die heute sagen, die Arbeitsplätze seien wegen der Liberalsierung bedroht. Das kann doch nicht sein. Die Stromwirtschaft muss in öffentlicher Hand bleiben, aber die öffentliche Hand muss Einfluss nehmen. Und zwar im Sinne langfristiger volkswirtschaftlicher Nutzenmaximierung und nicht im Sinne kurzfristiger betriebswirtschaftlicher Gewinnmaximierung.

Gab es auch kritische Stimmen zu Ihrer Kandidatur? Die sich direkt an mich wandten?

Ja. Es gab etliche, die mich fragten, ob ich mir das wirklich antun wolle. Sie taten das quasi in Sorge um mein Seelenheil. Die überwiegende Mehrheit fands toll. Auch am SP-Parteitag in Grenchen erhielt ich viele positive Rückmeldungen. Sehr gefreut hat mich, dass die ersten positiven Rückmeldungen von einem hartnäckigen politischen Konkurrenten und verlässlichen persönlichen Freund sowie von einer besonders netten ehemaligen Kantonsratskollegin aus einer bürgerlichen Fraktion kamen. Deren Namen verrate ich nicht, ich will ihnen ja Schwierigkeiten mit ihrer Partei ersparen. Kritik ist mir eigentlich nicht zu Ohren gekommen. Aber es ist halt so: Die Kritiker melden sich selten direkt zu Wort.

Haben Sie Angst vor einer Niederlage, Sie wurden bei Ihrer Abwahl vor drei Jahren ja brutal enttäuscht? Jeder, der zu einer Wahl antritt riskiert, nicht gewählt zu werden. Das ist schmerzhaft. Bei einer Abwahl kommt aber im Gegensatz zur Nicht-Wahl die existenzielle Bedrohung hinzu. Bis zum 31. Juli 2005 hatte ich ein relativ hohes Einkommen, von einem Tag auf den anderen verdiente ich nichts mehr. Es kamen nur noch hohe Steuerrechnungen aus dem Rathaus. Hatten Sie als abgewählter Regierungsrat Mitleid mit dem abgewählten Bundesrat Blocher? Politisch fand ich seine Abwahl richtig, denn Blocher ist der Rollenwechsel vom Oppositionsführer zum Magistraten nicht gelungen. Die SP hat mit ihm aber immer mit offenem Visier gekämpft. Dass er persönlich enttäuscht war und ist, kann ich bestens verstehen. Mitleid hatte ich aber nicht mit ihm, denn er hat kein existenzielles Problem. Man sagte ja auch bei ihm, er habe als Departementsvorsteher grundsätzlich einen guten Job gemacht. Das war ja auch bei mir so. An meiner Amtsführung wurde eigentlich nie Kritik laut. Nehmen wir als Beispiel das Briefpostzentrum Härkingen, das heute seinen Betrieb aufnimmt. Das sind deutlich über 600 Arbeitsplätze, die nicht in Solothurn angesiedelt worden wären, wenn ich und mein Team nicht Gas gegeben hätten.

Die Rettung der Arbeitsplätze beim Stahlwerk Gerlafingen wird auch Ihnen zugeschrieben. Nun wurden viele Angestellte der Riedholzer Firma Borregaard entlassen. Hätte die Politik hier mehr intervenieren können? Ich kenne die Situation der Borregaard zu wenig, um einen Kommentar abgeben zu können. Ich denke aber, dass sie nicht mit dem Stahlwerk vergleichbar ist. Sie werden von mir im Übrigen keine Kritik an der Regierung zu hören bekommen, das wäre in meiner Rolle als alt Regierungsrat ungehörig. Die Regierung hat ja im Übrigen nicht nichts gemacht. In solchen Situationen müssen behördliche Interventionen diskret ablaufen – im Gegensatz zu denjenigen der Gewerkschaften, die dürfen und müssen gelegentlich laut werden.

Zurück zu Ihrer Kandidatur: Helfen Sie der SP aus der Krise? Ich habe nicht das Gefühl, dass die SP in einer Krise steckt. Ob eine Partei als erfolgreich gilt oder nicht, hängt auch davon ab, wie die Arbeit der Partei von den Medien transportiert wird. Zu meiner Kandidatur: Ich glaube nicht, dass eine einzelne Person einer ganzen Partei zum Wahlerfolg verhelfen kann.

Wenn Sie selber erfolgreich sind und in den Kantonsrat gewählt werden, wird dann die Regierung auch wieder ein Thema? Nein, ich glaube nicht (überlegt eine Weile). Wissen Sie, ich habe diese Arbeit wirklich sehr gerne gemacht. Nach der Abwahl hätte ich sofort zugesagt, wenn mich ein Zauberstab sofort wieder zum Regierungsrat gemacht hätte. Heute würde es mir zwar sehr schwer fallen, aber ich würde vermutlich absagen.

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