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Unter Kortison Schuss abgefeuert

Das Kreisgericht Biel hat gestern einen 73-jährigen Mann vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung freigesprochen. Zur Tatzeit war er schuldunfähig, weil eine Kortisontherapie seine Psyche verändert hatte.

Mit Hilfe von Medikamenten verläuft das Leben von Hans P. wieder in normalen Bahnen.
Mit Hilfe von Medikamenten verläuft das Leben von Hans P. wieder in normalen Bahnen.
Keystone

Erst bekam er die niederschmetternde Diagnose Krebs. Dann folgte eine Chemotherapie mit schweren Nebenwirkungen, die einen anderen Menschen aus ihm machte. Und dieser «andere Mensch» feuerte eine scharf geladene Pistole auf den eigenen Sohn ab. Das Leben von Hans P. (Name geändert) ist seit letztem Herbst aus den Fugen geraten. Ein Leben, das bis zu seinem 72.Lebensjahr in geordneten Bahnen verlief.

Jetzt sitzt er im Saal des Kreisgerichts Biel, weisshaarig, schwarz gekleidet, und kann sich nicht erklären, wie es dazu kommen konnte. «Sie haben mit einer Pistole auf Ihren Sohn gezielt, abgedrückt und ihn nur knapp verfehlt, was sagen Sie dazu?», fragt Gerichtspräsident Horisberger. «Ich dachte, die Waffe sei mit Schreckschüssen geladen», sagt Hans P. mit leiser Stimme. Der Vorfall sei «sehr weit weg» für ihn.

Nicht schuldfähig

Nach Darstellung des Gerichts und der Frau von Hans P., die als Zeugin aussagt, hat sich der Vorfall Ende März 2009 folgendermassen abgespielt: An einem Samstagmorgen, seine Frau und einer der beiden erwachsenen Söhne schliefen noch im Wohnzimmer, trat Hans P. in den Raum. In der Hand eine Pistole. Er weckte die beiden und forderte sie auf, auf den Balkon hinauszugehen. Falls nicht, werde er schiessen. Daraufhin sprang der Sohn vom Sofa auf, warf ihm das Duvet entgegen und wollte flüchten. Hans P. drückte, ohne zu zögern, ab. Der Schuss verfehlte den Fliehenden nur knapp, prallte an der Wand ab und hätte leicht auch die Ehefrau treffen können.

Deshalb lautete die Anschuldigungen gegen Hans P. auch auf versuchte vorsätzliche Tötung sowie Gefährdung des Lebens.

«Die psychiatrischen Gutachten bescheinigen ihm einen akuten psychotischen Zustand mit aufgehobener Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit, ausgelöst durch hochdosiertes Kortison», sagt Gerichtspräsident Horisberger an der Urteilsverkündung. Dies heisse mit anderen Worten, Hans P. sei zur Zeit der Tat nicht schuldfähig gewesen.

Verteidigung und Staat einig

Der Fall sei ungewöhnlich, sagt der Gerichtspräsident, «weil sich Verteidigung und Staatsanwalt für einmal einig sind». Denn beide forderten für Hans P. einen Freispruch. Dieser schildert, wie er im November mit der Therapie gegen das multiple Myelom begonnen hatte. Es sei eine Kombination von Krebsmedikamenten mit hochdosiertem Kortison gewesen. Schon einige Wochen später habe sie bemerkt, dass er ungewöhnlich viel redete, sagt seine Frau: «Wir werteten das als positiv.» Doch dann, so beschreibt es Hans P., habe er angefangen zu halluzinieren, sah Sachen, die nicht wirklich waren. Hinzu kam, dass er ein Gefühl gehabt habe, als wolle ihm das «Herz aus der Brust springen», und er habe zunehmend schlechter geschlafen. Die Ehefrau sagt, man habe sich häufig gestritten, er sei verbal ausfällig geworden bis hin zu Tätlichkeiten: «Er war nicht mehr derselbe Mensch.»

Gerichtspräsident Horisberger zitiert aus früheren Protokollen einen Vorfall, als Hans P. eines Nachts seine Frau geweckt und sie übel beschimpft habe. «Am Morgen darauf konnte er sich daran nicht erinnern.» Hans P. sagt, er habe selber bemerkt, dass er sich veränderte. Man habe mit dem behandelnden Arzt darüber gesprochen. Um den Therapieerfolg nicht zu gefährden, so Hans P., habe der Arzt erst davon abgeraten, die Behandlung abzusetzen, bevor er sie am 5.März dann doch beendet habe. Später, nach der Tat, sei der Arzt selber von der extremen Heftigkeit der Nebenwirkungen des Kortisons überrascht gewesen.

In besserem Zustand

Laut Horisberger hat Hans P. nach der Tat mehrere Monate in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Anstalt verbracht. Sein Zustand habe sich rasch gebessert, sodass er schrittweise wieder in die Normalität eingeführt werden konnte. Heute gehe es ihm gut, sagt Hans P. Er müsse viele Medikamente einnehmen, die seine Frau für ihn bereitstelle, und unterziehe sich einer ambulanten Psychotherapie. Die Krebserkrankung sei zum Stillstand gekommen. Falls Hans P. einmal eine weitere Kortisontherapie benötige, dann müsse dies unter stationären Bedingungen geschehen, sagt Horisberger.

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