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Zu fünft einer Frau Gewalt angetan

Wer war die treibende Kraft bei der Vergewaltigung einer jungen Frau im Herbst 2008 in einem Wald in Brügg? Am ersten Tag des Prozesses im Kreisgericht Biel-Nidau haben drei von fünf Angeschuldigten ausgesagt.

Laut Anklageschrift und Polizeiberichten ist der damals 22-jährigen Sandrine* am frühen Morgen des 5. Oktober 2008 Folgendes passiert: Nach dem Ausgang in Biel hielt auf dem Weg zum Bahnhof neben ihr ein Auto mit fünf jungen Männern aus Sri Lanka. Der Fahrer sprach sie an, fragte, wohin sie wolle, hiess daraufhin seinen Beifahrer, hinten Platz zu nehmen, und erklärte sich bereit, Sandrine zum Bahnhof zu fahren.

Dort liessen sie sie aber nicht aussteigen, sondern fuhren mit ihr in Richtung Strandboden. Sandrine wehrte sich und schrie, sodass man sie gehen, aber nicht aus den Augen liess. Als Sandrine einen Bus bestieg, fuhren sie diesem nach. Nachdem Sandrine ausgestiegen war, setzten zwei der fünf Männer ihr nach, zerrten sie ins Auto und fuhren zu fünft mit ihr in einen Wald unweit von Brügg. Dort hielten sie zwei gewaltsam fest, während die restlichen drei die Frau vergewaltigten. Zwei der Angeschuldigten sind minderjährig und werden sich vor dem Jugendgericht verantworten müssen.

Gestern befragte das Kreisgericht die drei volljährigen Männer im Alter zwischen 20 und 25 Jahren. Zwei von ihnen sollen die Frau vergewaltigt haben, während der dritte zwar nicht den Akt vollzog, aber massgeblich dabei geholfen hat. Einer der beiden Minderjährigen soll die Frau laut Anklage ebenfalls vergewaltigt haben. Das Gericht befragte die Männer in der Reihenfolge der Schwere der Vergehen.

Den Fahrer des Autos bezeichnete es als «Nummer 1». Dies, weil er nach Auffassung des Gerichts als treibende Kraft vom Beschluss bis zur Vollendung der Tat gewirkt hatte. «Nummer 2» soll die Rolle eines «Stellvertreters» gespielt haben. Dieser gibt zu, die Frau auf Befehl von «Nummer 1» ins Auto gezerrt und sie später, im Wald, vergewaltigt zu haben. «Nummer 3», mit 20 der Jüngste, gestand, dabei geholfen zu haben, die Frau ins Auto zu zerren und dort festzuhalten.

Die treibende Kraft

«Nummer 1» sitzt in der Mitte des Saals im Bieler Amthaus. Er spricht so leise, dass seine Worte fast nicht zu verstehen sind und ihn der Gerichtspräsident mehrmals dazu auffordert, doch lauter zu reden. Er macht einen kräftigen und muskulösen Eindruck. Ihm sei die Frau in der Coco-Bar aufgefallen, sagt er, «sie hat mit allen Männern getanzt und rumgemacht». Man habe ziemlich viel Alkohol intus gehabt, sagt er weiter, und zusätzlich hätten einige von ihnen noch Cannabis geraucht. Als man nach Hause fahren wollte, habe man die Frau am Strassenrand bemerkt. Ob er sie sofort wiedererkannt habe, fragt der Gerichtspräsident. Daran erinnert sich «Nummer 1» erst wieder, als er eine seiner früheren Aussagen vorgehalten bekommt, die er früher bei der Polizei gemacht hatte. Wann und wer den Beschluss fasste, die Frau zu vergewaltigen, weiss er auch nicht mehr genau. Er erinnert sich aber dann doch daran, auf Tamilisch gesagt zu haben: «Die muss ich haben.» Dies, nachdem ihn der Gerichtspräsident mit der Aussage eines der anderen fünf konfrontierte. Zuvor sagte «Nummer 1», alle hätten dasselbe mit der Frau vorgehabt. Daraufhin kontert der Gerichtspräsident mit einer weiteren Aussage eines Beteiligten. Dieser gab zu Protokoll, «Nummer 1» habe gesagt, er wolle die Frau, egal, was passiere.

«Nummer 1» bestreitet mehrheitlich die Aussagen der mitbeteiligten Angeschuldigten.

Der «Stellvertreter»

Was er sich dabei überlegt habe, als man mit der Frau im Auto nach dem Wald bei Brügg gefahren sei, fragt der Gerichtspräsident «Nummer 2». Auch er ein kräftiger Kerl, der aber den Eindruck erweckt, nichts verstecken zu wollen. Seine Aussagen kommen klar, ohne Zögern. Nichts habe er überlegt, sagt er. Ja, er habe die Frau, die wild um sich geschlagen und geschrien habe, am Oberkörper festgehalten und ihr den Mund zugedrückt. Und ja, er habe versucht, ihr die Hosen auszuziehen. Er sei der Zweite gewesen, der die Frau vergewaltigt habe. Dass sie sich nicht mehr zur Wehr setzte, erklärt er sich heute damit, «dass sie aus Angst mitgemacht hat». Und auf die Frage des Gerichtspräsidenten, ob er sich vorstellen könne, dass die junge Frau ganz einfach keine Kraft mehr gehabt habe, antwortet er zerknirscht: «Ja, das könnte sein.»

Der Jüngste

«Nummer 3» bricht während der Befragung mehrmals in Tränen aus. «Wir haben ihr Leben zerstört», sagt er auf die Frage der Anwältin des Opfers, warum er dabei mitgemacht habe. «Ich weiss es nicht, wir waren alle daran beteiligt», sagt er weiter und will dann nichts mehr zur Rollenverteilung sagen. «Mitgefangen, mitgehangen», sagt er nur noch. Dabei erweckt er den Anschein, unter starkem Druck zu stehen. Dies veranlasst das Gericht zur Frage, ob er sich vor den anderen vieren oder deren Familien fürchte. «Früher hatte ich Angst und Respekt vor ihnen», sagt «Nummer 3». Dies sei aber heute nicht mehr der Fall, versichert er.

Die Einvernahme des Opfers fand nicht öffentlich statt. Heute hält der Staatsanwalt sein Plädoyer. *Name geändert

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