Zum Hauptinhalt springen

«So lange ich lebe, werde ich weitersammeln»

Köniz Käseetiketten sind Heinz Boltshausers Leidenschaft. In der gegen 190000 Stück umfassenden Sammlung des Könizers haben sich etliche Kuriositäten angesammelt. Einige davon werden ab Sonntag in Kiesen ausgestellt.

Heinz Boltshauser sitzt auf seinem Bürostuhl und denkt nach. Dann dreht sich der 79-jährige um, steht auf und öffnet eine der unzähligen weissen Schranktüren. «F wie Frankreich, C wie Camembert», murmelt er vor sich hin. Dann setzt er sich wieder, rückt seine Brille zurecht und öffnet den grauen Bundesordner, den er soeben aus dem Schrank genommen hat. Schon erscheinen sie, die kleinen farbigen Bilder, die für Boltshauser zur grossen Leidenschaft geworden sind: Käseetiketten aus aller Welt. Schon seit über 50 Jahren sammelt er sie, um die 190000 Stück sind es inzwischen. Zwist am Frühstückstisch Er habe als Kind schon immer gerne Schmelzkäse gegessen, so Boltshauser. «Als ich noch ein Junge war, faszinierten mich diese kleinen Bildchen auf den Gerberkäsli – ich begann, sie abzureissen und in leere Schulhefte einzukleben.» Seiner Mutter wäre es indes lieber gewesen, wenn ihr Junge wie andere Spielzeugautos oder Briefmarken gesammelt hätte. «Aus Protest gegen ihr Sammelverbot habe ich dann jede Käseetikette demonstrativ vor ihren Augen zerrissen», sagt er. Dieser Tradition blieb er treu – auch als er schon lange nicht mehr zu Hause wohnte. Schliesslich fragte ihn seine Frau, was es damit auf sich hat. «So lange du nichts Dümmeres machst», sagte sie, «hätte ich nichts dagegen». So ermutigte sie ihn, wieder mit dem Sammeln anzufangen. Nach ein paar Monaten hatte Boltshauser 160 Etiketten zusammen, nach einem Jahr waren es bereits 1000. Gleichgesinnte in Frankreich Er habe immer gedacht, er sei wohl der einzige mit diesem Hobby. Eines Tages stiess Boltshauser in einem Zeitungsartikel aber auf einen Franzosen, der bereits eine beachtliche Sammlung vorzuweisen hatte. «Er schlug mir in einem Briefwechsel vor, mich dem französischen Klub der Käseetikettensammler anzuschliessen.» Anfangs habe er jedoch Mühe gehabt, den französischen Vereinskollegen die manchmal etwas zu kleinen Schweizer Schmelzkäsebilder schmackhaft zu machen. Freunde fürs Leben Nach und nach konnte sich Boltshauser aber ein Beziehungsnetz aufbauen. Er ist sogar nach Paris gefahren, um sich mit seinen französischen Kollegen an einer Tauschbörse zu treffen. «Je grösser meine Sammlung wurde, umso einfacher wurde auch das Tauschen», sagt der Rentner. Die Bilder hätten nämlich keinen finanziellen, sondern nur einen ideellen Wert. Heute habe er Tauschpartner in ganz Europa – unter anderem in Irland, Tschechien, Holland, Deutschland und Grossbritannien. Viel wichtiger als die Sammlung sind für ihn die Freundschaften, die entstanden sind. «Viele meiner Sammlerfreunde besuchen mich noch immer jedes Jahr – oder ich gehe zu ihnen», sagt der rüstige Rentner. Sammeln hält fit Boltshausers Sammlung umfasst viele historisch wertvolle Etiketten – wie zum Beispiel jene aus Frankreich aus dem späten 19. Jahrhundert oder die mit Hakenkreuzen verzierten Käseetiketten aus Holland aus den zwanziger Jahren. Das wichtigste sei, die Etiketten gut zu sortieren und zu katalogisieren – sonst verliere man den Überblick. Genau zu arbeiten habe er bei seiner Arbeit als Prokurist bei der Versicherung gelernt. Boltshauser: «Das Sammeln ist eine Aufgabe, die mich fit hält – sie stärkt mein Gehirn.» Was kommt danach? Dann wird der sonst so gesprächige Boltshauser plötzlich nachdenklich. «Was passiert mit der Sammlung, wenn ich einmal nicht mehr da bin?» Im letzten Jahr habe er bereits verschiedene Museen und Organisationen angeschrieben und gefragt, ob sie sich für seine Sammlung interessierten. Schliesslich meldete sich der Präsident des Nationalen Milchwirtschaftlichen Museums in Kiesen. Ab nächsten Sonntag sind nun einige Sammlungsstücke in Kiesen ausgestellt (siehe Kasten). Die Schweizer Etiketten werde er nach seinem Ableben dem Museum vermachen, den Rest früher oder später an seine Sammlerkollegen verschenken. «Solange ich lebe, werde ich aber weitersammeln», sagt der Rentner. Dann schliesst er den Ordner und stellt ihn behutsam wieder an seinen angestammten Platz im Schrank zurück. Sebastian Steiner>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch