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Stolz sein auf die Leistung der Stadt

Bernd Schildger

10000 Schweizer zu Fuss schlugen die gleiche Anzahl berittene und noch mal die gleiche Zahl zu Fusse gehende Franzosen bei der Belagerung von Novara. Voller Anerkennung für die enorme Leistung der hoch motivierten Schweizer Soldaten führt Machiavelli in seinen «Discorsi» (1513–1519) dies auf die prinzipielle Überlegenheit der hoch motivierten Soldaten zurück. Hoch motiviert, weil sie als Vertreter einer Republik für ihren eigenen Staat kämpften. Als Zeichen ihrer Überlegenheit entführten sie den Franzosen den mitgeführten Bären und brachten diesen unter der Führung von Bartolomäus May mit grossem Pomp nach Bern. Die erste Unterkunft befand sich im Stadtgraben vor dem Käfigturm. Seit also fast 500 Jahren gehört der Bär zu Bern und mit ihm die Bärengräben. Gleiches gilt für das Ritual der österlichen «Freilassung» der kleinen Bären in den Bärengraben. Die Zeiten ändern sich und mit ihnen unsere Einstellung zum Wildtier – aber was nun? Eine riesige Anlage und nur zwei Bären; sieht man die denn überhaupt? Ist das Ganze nicht gefährlich, insbesondere wenn die Anlage auch nachts offen steht? Fallen die Gäste nicht in die Aare? Wird die Bärenhaltung nicht an touristischer Attraktion verlieren? Verdienen die umliegenden Geschäfte nicht viel weniger? Ein wahrlich heftiger Übergang mit grosser Verunsicherung. Rituale sind unsere Begleiter bei Übergängen. Übergang bedeutet, dass man von einer alten Ordnung Abschied nehmen muss, dass man sich neu orientiert, um eine neue Ordnung zu etablieren. Ein Übergang ist mit Verunsicherung und Turbulenzen verbunden. Rituale dienen hier als Orientierungspunkte. Nicht der Vorgang selbst, sondern erst seine inneren Reflexionen vermöchten die Ängstigung verständlich zu machen (Boesch 1982). Urs und Berna, die kleinen Bären im Bärenpark, helfen uns, mit der Besinnung auf ein Ritual den Übergang zu schaffen. 60000 Besuche an Ostern und, wir haben den Moment verpasst, über 530000 in den ersten fünf Monaten seit Eröffnung sollten hinreichend zeigen, dass der Übergang in Bern gelingt. «Man nimmt ja am Brauch nicht teil, weil man sich persönlich bewusst zu einem Sinn bekennt, sondern weil man der im Brauch zum Ausdruck kommenden Gemeinschaft und Tradition gehorcht» (Urech 1991). An Ostern die kleinen Bären zu bestaunen, ist der alte Brauch. Wer weiss schon, dass die Kleinen damals den Müttern weggenommen, von Hand aufgezogen wurden, eben damit man den Termin einhalten kann. Der neue, alte Brauch oder das Ritual sind nicht konfektionierte kleine Bären, sondern solche, die von ihrer Mutter erzogen, agil und vorwitzig den von der Sonne beschienenen Hang des Bärenparks geniessen. Wenn wir uns denn von dem alten Ritual der Präsentation unserer Überlegenheit gegenüber dem wilden Tier verabschiedet haben und dies durch ein neues, zeitgemässes ersetzt haben, wäre es nicht an der Zeit, stolz auf die Leistung der Stadt zu sein? Keiner anderen Hauptstadt ist es gelungen, ihr Wappentier nicht nur in gedruckter Form auf den Flaggen zu präsentieren, sondern als würdevolles Mitgeschöpf zu ehren. stadtbern@bernerzeitung.ch>

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