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Der Gefängnisleiter wacht über das Leben hinter Betonmauern

Kein Ausbruch, ein Suizid, 60 Prozent Ausländer und immer mehr psychisch Kranke: Das Regionalgefängnis Thun betreut Männer, Frauen und Jugendliche – ob Mörder, Pädophile oder Drogenhändler. Doch auch nach zwölf Jahren liebt Ulrich Kräuchi seine Arbeit noch. Der Gefängnisleiter gewährt einen offenen Blick hinter geschlossene Türen.

Der Gefängnisdirektor Ulrich Kräuchi und sein Reich: In diesen Gängen vor den geschlossenen Türen kennt er jeden Winkel.
Der Gefängnisdirektor Ulrich Kräuchi und sein Reich: In diesen Gängen vor den geschlossenen Türen kennt er jeden Winkel.
Patric Spahni
Gefängnisleiter Ulrich Kräuchi (li.) beim Kontrollblick durch das einseitig verspiegelte Glasfenster in den Spazierhof.
Gefängnisleiter Ulrich Kräuchi (li.) beim Kontrollblick durch das einseitig verspiegelte Glasfenster in den Spazierhof.
Patric Spahni
Mohammed N. in der Besuchskammer, wo er mit seiner Besucherin durch die Scheibe kommunizieren kann.
Mohammed N. in der Besuchskammer, wo er mit seiner Besucherin durch die Scheibe kommunizieren kann.
Patric Spahni
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Die Betonmauern entlang der Strasse sind hoch, Eisengitter verdecken die Fenster. Der Uniformierte hinter der kugelsicheren Panzerscheibe in der Empfangsloge sitzt vor einem Pult voller Knöpfe und beobachtet das Geschehen auf den Monitoren. An ihm gibts kein Vorbeikommen ohne Kontrolle. Und wem der Sicherheitsbeamte Eintritt gewährt, ist drinnen. In einem Labyrinth mit Gängen und verschlossenen Türen, bewacht von bewaffneten Frauen und Männern.

Ulrich Kräuchi steht lächelnd hinter dem Meister der Loge und öffnet das Tor in die Welt hinter den Betonmauern. Der Leiter des Regionalgefängnisses in Thun lädt in sein Reich ein.

Von Alkohol bis Suizid

Zwei Frauen und fünf Männer sitzen am Tisch im Sitzungszimmer, Ulrich Kräuchi nimmt ebenfalls Platz. Es ist Montag, 10 Uhr. Kaderrapport. Jeden Montag. Alkoholkonsum, Drogenentzug, Medikamentenhandel. Welchen Vertrag braucht es, damit Insasse A am internen Deutschkurs teilnehmen kann? Fluchtgefahr, Verdunkelungsgefahr, psychotische Zustände. Ist Insasse B suizidgefährdet? Menüportionen, Kaffeemaschine, Alarmsystem. Was sollen wir bei Insasse C gegen sein forderndes Verhalten tun?

«Der Austausch ist wichtig für unsere Arbeit, damit wir die Sicherheit wie auch das Wohlergehen der Häftlinge gewährleisten können», sagt Ulrich Kräuchi, während er seine Papiere büschelt und sich in sein Büro begibt. Dorthin, wo Dutzende von Schildkröten auf ihn warten. Aus Stein, aus Porzellan, aus Holz. Gezeichnet, gemalt, fotografiert.

Immer mehr psychisch Kranke

«Diese Tiere faszinieren mich von jeher», sagt der 48-Jährige, der ebenso gerne Tierwärter geworden wäre, und erkennt durchaus eigene ähnliche Wesenszüge zur Schildkröte: «Sie ist ausdauernd, robust, feinfühlig, geduldig, ausgleichend und pflegeleicht.» Diese Eigenschaften brauche es, um den Berufsalltag mit Häftlingen zu verbringen: Immer mehr von ihnen sind psychisch krank, sowohl Drogenentzüge wie Suizidversuche nehmen zu; es gibt Betagte, Rollstuhlfahrer, Diabetiker – und alle sind verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Geschichten. «Die meisten Häftlinge kommen direkt von der Strasse und werden aus ihrem Alltag, ihrer Sucht und aus allem gerissen, was gerade abläuft», erklärt er. «Unser Auftrag ist, sie zu stabilisieren und dafür zu sorgen, dass ihr Verfahren durchgeführt werden kann und sie später psychisch stabil eine Strafe antreten können», erklärt Ulrich Kräuchi und geht voraus, um durch die Welt hinter den Betonmauern zu führen, in der das Auge einer Kamera überall ist.

«Es braucht ein natürliches Nähe-Distanz-Empfinden, und eine Abneigung gegen Ausländer und fremde Kulturen darf niemand hier haben», sagt er. Unabhängig vom Grund für die Inhaftierung, solange das Urteil ausstehe, gelte die Unschuldsvermutung. «Ob Raub, Mord, Verkehrsdelikt, Pädophilie, sexueller Übergriff, Asylmissbrauch, Schlägereien, Diebstahl oder Drogenhandel das Thema ist: Unsere Aufgabe ist es nicht, die Menschen zu bestrafen.»

Einige Häftlinge arbeiten

Der Weg durchs Labyrinth lässt kein rasches Vorankommen zu. Schlüssel einstecken, Code eingeben, Türe öffnen, Türe schliessen. Schlüssel, Code, Schlüssel, Code. «Guten Tag! Ist alles in Ordnung?», fragt Ulrich Kräuchi die Uniformierte im Flur. Sie nickt, er lächelt ihr zu. Ein Mitarbeiter reicht einem Häftling das Mittagessen durch die Öffnung. Die Zellentüren sind geschlossen, in der Bibliothek ist niemand. Doch die Gänge und Räume fühlen sich nicht leer an, sondern belebt. Unsichtbar gefüllt. Als ob sich Ängste, Aggressionen, Wut, Verzweiflung und die Geschichten mit ihren Emotionen von den Betonmauern nicht begrenzen liessen. Die Zimmer, in denen Häftlinge Auftragsarbeiten erledigen, wie etwa Versandgut vorbereiten und Uhrenverpackungen mit Garantiescheinen und Informationspapieren bestücken, werden von einem Häftling gereinigt. Die Disziplinar- und Selbstschutzzellen sind sauber, im Moment unbenutzt. Im Spazierhof halten sich ein paar Häftlinge auf, ein Inhaftierter trainiert allein im Sportraum.

Waschen, Spazieren im Hof, im Gang, Training, Gesundheitsvisite, Integrationsgruppe, Deutschkurs: «Der Tagesablauf ist für jede Abteilung separat vorgegeben», erklärt Ulrich Kräuchi und zückt ein letztes Mal den Schlüssel und gibt seinen Code ein.

Ein Suizid, kein Ausbruch

In der Empfangsloge herrscht Hochbetrieb. Der Techniker will das Alarmsystem kontrollieren, der Anwalt seinen Klienten befragen, die Tochter ihren Vater besuchen. Ulrich Kräuchi hat schon viel erlebt: «Das Aufsehenerregendste war 2004 der Suizid des Waffenläufers Mischa Ebner, der in Bern eine Frau getötet und eine schwer verletzt hatte, und das Schwierigste der Kontakt mit einem muslimischen Vater, der seine Tochter umgebracht und sich im Recht gefühlt hatte.» Schwer zu vergessen seien Extremsituationen, wenn zum Beispiel ein Häftling während Wochen mit Kot und Blut die Wände seiner Zelle beschmiere. «Und glücklich bin ich darüber», sagt der 1,97 Meter grosse Gefängnisleiter aus Gümligen, «dass bis jetzt noch niemand aus diesem Neubau entweichen konnte.»

Der Sicherheitsbeamte drückt den Knopf. Die Schiebetüre geht auf. Der Weg aus den Betonmauern an die Freiheit und an die frische Luft ist offen. Ulrich Kräuchi steht hinter der Scheibe in der Loge. Winkt kurz, lächelt zum Abschied und dreht sich um.

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